Der katholische Theologe und Papstkritiker Hans Küng steht am 22.04.2013 in der Universität in Tübingen (Baden-Württemberg) bei seiner Verabschiedung in einem Hörsaal. Küng gibt nach seinem 85. Geburtstag das Amt als Präsident seiner Stiftung Weltethos ab.
Tübinger Theologe schreibt ein Buch über "Sieben Päpste"

Hans Küng und die Päpste

Literatur - Von Pius XII., dem Papst der Kriegsjahre, bis Franziskus, dem Pontifex aus Lateinamerika: In "Sieben Päpste" beschreibt Hans Küng seine persönlichen Erfahrungen mit den Kirchenoberhäuptern. Heute erscheint sein Buch, indem er auch kritische Töne anschlägt.

Von Michael Jacquemain (KNA) |  Tübingen/München - 10.08.2015

Küng und die Päpste - das ist eine fast 70-jährige Geschichte, und tatsächlich dürfte wohl kaum jemand sonst so viele persönliche Begegnungen und Briefe mit den verschiedenen Kirchenoberhäuptern erwähnen können wie der Schweizer. Schließlich stilisierte ihn der Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis 1979 durch Johannes Paul II. öffentlich zum Opfer päpstlicher Macht.

Bereits als 20-jähriger Student, gerade einmal ein paar Tage in Rom, fuhr Küng mit frisch geweihten Priestern in die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo, um von Pius XII. empfangen zu werden. Mit seiner Gestik, Rhetorik und Bildung erscheint Küng Eugenio Pacelli zunächst als "Idealbild eines Papstes schlechthin", doch es dauert nicht lange, bis er "Triumphalismus, Dogmatismus und Nepotismus des Autokraten" wahrnimmt.

Kritik von Papst Paul VI.

Ihm folgt für Küng der "größte Papst des Jahrhunderts": Angelo Giuseppe Roncalli, Johannes XXIII. "In seinem Fünf-Jahres-Pontifikat bewirkt er mehr als die Päpste vor und nach ihm, deren Amtszeit viermal so lang ist", schreibt Küng. Aus dem "Übergangspapst" sei der Papst der großen Erneuerung geworden, der die Kirche für die neue Zeit öffnete und das Zweite Vatikanische Konzil einberief. Nicht nur ihm hätten Tränen in den Augen gestanden, als Johannes XXIII. 1963 starb.

"Hamletartiges" attestiert Küng Paul VI. "Er möchte und möchte doch nicht." 1965 empfängt das Kirchenoberhaupt den aufstrebenden Wissenschaftler zur Privataudienz und bittet ihn, sich theologisch zu mäßigen. Der sieht sich mit der Frage konfrontiert: Für wen treibst du eigentlich Theologie? Für das System, für die Menschen? Persönlich empfindet Küng aber "trotz aller negativen Erfahrungen Dankbarkeit gegenüber diesem Papst".

Bild: © KNA

Mit ihm hatte Küng Probleme: Papst Johannes Paul II. Er war es auch, der dem Theologen 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzog.

Ein Buch über "sehr individuelle Erfahrungen"

Nach dem Tod von Paul VI. wurde Albino Luciani für 33 Tage neues Oberhaupt der Katholiken. Johannes Paul I. ist für Küng der Repräsentant "einer menschenfreundlichen Kirche im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils". Der Theologe zeigt sich in dem Buch überzeugt, dass "unter diesem Papst Reformen in Gang gekommen wären und mir kaum Böses geschehen wäre".

Gemeint ist Johannes Paul II., der ihm "jede persönliche Kommunikation verweigerte" und ihm 1979 die Lehrerlaubnis entzog. Gerade im Kapitel über Karol Wojtyla wird deutlich, was Küng im Vorwort schreibt: dass sein Buch ein Bericht ist über "sehr individuelle Erfahrungen". Dass bestimmte Päpste weniger gut wegkämen als andere, "hat natürlich auch mit meiner Sympathie oder Antipathie zu tun". Bei Johannes Paul II. bilanziert Küng: "Es ist tragisch: Ein Papst so vieler großer Gaben - und so vieler falscher Entscheidungen!"

"Pleiten-, Pech- und Pannenpontifikat" bei Benedikt XVI.

Die persönliche Dimension wirkt sich natürlich auch bei dem Mann aus, mit dem er in Tübingen eine Zeit parallel Theologie lehrte: Joseph Ratzinger, der spätere Benedikt XVI. Küng spricht vom "Pleiten-, Pech- und Pannenpontifikat", doch persönlich beschreibt er Ratzinger als "liebenswürdig, aufmerksam, freundlich", als Mann "von großem Pflichtbewusstsein und großem Verantwortungsgefühl". Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass Benedikt XVI. kurz nach seiner Wahl Küng zu einem vierstündigen und damit ungewöhnlich langen Gespräch eingeladen hatte. Eine Sensation.

Für die "persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse" im Buch stützte sich Küng auf frühere Veröffentlichungen, die in insgesamt 30 Sprachen übersetzt wurden und eine Millionenauflage erreichten. Trotzdem ist dem Mann, der sich immer als "loyaler katholischer Theologe" verstanden hat, ein neues Werk gelungen - vor allem die Passagen über Jorge Mario Bergoglio, sie umfassen die Zeit bis Juni 2015. Mit ihm verbindet der Schweizer die Hoffnung auf Änderungen und kritisiert die Einschätzung, Papst Franziskus sei "nur ein Mann der vielen Worte".

Über Seiten listet er auf, was Franziskus bislang erreicht habe: Schon die Namenswahl sei Programm, "faktisch stellte und stellt Franz von Assisi die Alternative zum römischen System" dar. "Er hat durch seine direkte Sprache, seinen antikurialen Lebensstil und seinen Appell an das Evangelium die ganze Atmosphäre innerhalb des höfisch-römischen Systems mit seinen Seilschaften und Abhängigkeiten gründlich verändert." Küng erwähnt die geplante Kurienreform, die Kardinalsernennungen, die Reisen nach Lampedusa und zum Europäischen Parlament, undundund. Es scheint so, als habe Küng durch Franziskus seinen Frieden mit dem Papstamt gefunden.

Von Michael Jacquemain (KNA)