Benediktiner verlassen sächsisches Kloster

Scheidender Wechselburger Prior: Habe Hoffnung, dass es gut weitergeht

Pater Maurus Kraß bei einem Gottesdienst
Bild: Mario Hösel

Seit September 2012 ist Prior Maurus Kraß in Wechselburg. Nach 13 Jahren geht es für ihn schon Ende des Monats zurück in die Benediktinerabtei in Ettal. Bis Ende 2026 beendet die Abtei ihr Engagement im sächsischen Wallfahrtsort Wechselburg insgesamt. Wie er die Zwei-Mann-Klostergemeinschaft erlebt hat und mit welchen Gefühlen er nach Ettal zurückkehrt, erzählt Pater Maurus im katholisch.de-Interview. 

Frage: Pater Maurus, in wenigen Wochen geht es für Sie zurück nach Ettal. Sind Sie schon damit beschäftigt, Koffer und Umzugskartons zu packen?

Pater Maurus: Noch nicht. Derzeit bin ich noch damit beschäftigt, Aktenberge zu sichten und zu entscheiden, was in Wechselburg bleibt oder was ins Archiv gehört und was ich überhaupt einpacke. Im Vordergrund stehen gerade andere Dinge.

Frage: Welche denn?

Pater Maurus: Ich habe den Eindruck, dass sich momentan einiges aus den vergangenen Jahren abrundet. Ein Beispiel: Am Samstag darf ich einen Einkehrtag für Lektorinnen und Lektoren der Leipziger Propsteigemeinde hier halten. Am Sonntag ist eine große Heilig-Jahr-Wallfahrt der gesamten Stadtpfarrei Chemnitz zu uns. Am Wochenende darauf ist unser Hochfest Heiligkreuz – ein Wallfahrtstag, an dem sich wieder das ganze Bistum beteiligt. Auch eine Wallfahrt der Soldatinnen und Soldaten aller ostdeutschen Standpunkte zu uns steht an. Es gibt also noch einige geistliche und gottesdienstliche Höhepunkte, auf die ich gerade hinlebe.

Frage: War es Ihre Entscheidung, nach Ettal zurückzukehren?

Pater Maurus: Ja. Im vergangenen Jahr habe ich nach meiner dritten Amtszeit als Prior darum gebeten, wieder nach Ettal zurückzugehen. Angesichts meiner gesundheitlichen und körperlichen Möglichkeiten habe ich mich nicht im Stande gesehen, noch eine vierte Amtszeit zu beginnen. Ich habe mich aber bereit erklärt, noch ein Jahr zur Überbrückung hier zu bleiben. Der Beschluss der Gemeinschaft in Ettal im vergangenen Monat, das Kloster in Wechselburg aufzugeben, steht damit nicht in Verbindung.

Frage: Was war der Grund dafür?

Pater Maurus: Wir sind aktuell noch mit zwei Mönchen hier. Das ist für eine benediktinische Gemeinschaft mit Chorgebet, Stundengebet und Gastfreundschaft einfach zu wenig – gerade, wenn einer durch einen Auftrag mal nicht da sein kann, krank oder im Urlaub ist. Die Mutterabtei in Ettal hat nicht die Möglichkeit gesehen, dass andere Mönche in größerer Zahl hierherkommen, sodass leider der Entschluss zur Aufgabe des Klosters gefällt wurde. In der kleinen Gemeinschaft sind wir zu Allroundern geworden, weil beispielsweise jeder seine Wäsche selbst gewaschen hat. Ich war als Hobbykoch für das Essen zuständig und habe das gerne gemacht.

Bild: © Fotolia.com/animaflora (Archivbild)

"Ich bin dankbar dafür, jeden Tag in dieser wunderschönen romanischen Klosterkirche beten zu können", sagt Prior Maurus Kraß über die Basilika in Wechselburg.

Frage: Mit welchem Gefühl verlassen Sie Wechselburg?

Pater Maurus: Ich verlasse Wechselburg mit Dankbarkeit für 13 sehr prägende Jahre. Dieser Ort hat mir die Möglichkeit gegeben, seelsorgliche und geistliche Impulse zu setzen, Priesterseelsorger zu sein und Exerzitien und Oasentage anzubieten für suchende Menschen, die keiner Kirche angehören. Und ich bin dankbar dafür, jeden Tag in dieser wunderschönen romanischen Klosterkirche beten zu können. Zur Dankbarkeit gehört auch, dass das Projekt des Edith-Stein-Altars durch den Künstler Michael Triegel im Mai so einen wunderschönen Abschluss gefunden hat.

Frage: Was ist für Sie die schönste Erinnerung, die Sie aus Ihrer Zeit in Wechselburg mitnehmen?

Pater Maurus: Das sind vor allem die Begegnungen im Alltag. Neben dem Kloster ist ein öffentlich zugänglicher Park. Wenn ich dort am Wochenende im Habit eine Runde spazieren gehe, dann sprechen Spaziergänger mich oft an und fragen: Sind Sie echt? Anfangs dachte ich, dass die mich auf den Arm nehmen wollen. In den Gesprächen hat sich aber herausgestellt, dass hier in der Region im Sommer häufiger Mittelalterfeste stattfinden – mit entsprechender Bekleidung. Diese einfache Frage war aber oft der Türöffner zu einem tieferen menschlichen Gespräch – und wurde für mich auch zu einer Gewissensfrage: Maurus, bist du ein echter Mönch, ein authentischer Christ und Mensch oder trägst du bloß einen Habit? Die Menschen hier sind nicht gegen die Kirche, sondern haben seit drei oder vier Generationen keine christliche Bindung mehr.

Frage: Welche Auswirkung hat das für die Begegnungen?

Pater Maurus: Die Menschen haben keine Vorurteile, sondern sind aufmerksam, gespannt und neugierig. Und sie sind bereit, Vertrauen zu schenken, wenn man sich wirklich ehrlich und authentisch zeigt. Ich habe hier mehrere Beerdigungen von Menschen aus der Nachbarschaft gehalten, die keine Christen sind. Insofern war das kein katholisches Begräbnis, aber ich habe meinen Dienst als Redner angeboten, weil ich die Person gut kannte. Ich habe mich dann bei Angehörigen für das Vertrauen bedankt und versichert, dass ich den Verstorbenen nicht posthum taufen werde. Aber ich konnte von der Hoffnung sprechen, die mich als Christ erfüllt.

Frage: Sie haben bereits angedeutet, dass Sie mit Ihrem Kloster in einem ansonsten ziemlich säkularen Umfeld die einzige sichtbare christliche Anlaufstelle waren. Wie sehr schmerzt es, dass das nun wohl aufgegeben werden muss?

Pater Maurus: Ich habe die Hoffnung, dass es weitergeht! Es wird sicherlich eine Zeit der Unterbrechung und eine Findungsphase geben. Aber das ist eine wunderschöne Basilika und die Menschen werden weiterhin zum Gottesdienst kommen. Ich bin daher guter Dinge, dass der Bischof einen guten Hirten finden wird, der hier weiterhin Gottesdienst hält und auch eine Ansprechperson für alle Lebensfragen sein wird.

Die spirituelle Intensität, die hier in Wechselburg möglich ist, ist ein guter Nährboden, auf dem auch Berufungen gedeihen können.

— Pater Maurus Kraß

Frage: Welche spirituelle Kraft kann von so einem Ort wie Wechselburg denn ausgehen?

Pater Maurus: Um es konkret zu machen: Seit der Gründung des Klosters hier sind vier Mönche durch das Kloster in Wechselburg in die Benediktinerabtei in Ettal eingetreten, die alle hier aus Ostdeutschland stammen. Einer davon ist Frater Victor, der jetzt noch einige Monate hierbleiben wird. Die anderen wurden in der Mutterabtei gebraucht. Die spirituelle Intensität, die hier in Wechselburg möglich ist, ist ein guter Nährboden, auf dem auch Berufungen gedeihen können.

Frage: Wie wird es für Sie persönlich in Ettal weitergehen?

Pater Maurus: Ich werde wieder als Mönch in der Seelsorge tätig sein, vor allem für Touristen, aber auch für alle Menschen, die an die Klosterpforte kommen und die Begleitung eines Mönchs suchen. Außerdem werde ich mich in der Bibliothek nützlich machen. Das war als Novize vor 46 Jahren meine erste Aufgabe und dort wird tatsächlich dringend jemand gebraucht. Dort muss ich mich erstmal kräftig einarbeiten und da gibt es einiges zu lernen. Das wird also eine spannende Aufgabe.

Frage: Ist das eine große Umstellung für Sie?

Pater Maurus: Ja, aber darauf freue ich mich sehr. Ich bin seit 1993 Prior. Ich war das erst in Ettal, dann war ich Schulleiter dort und bin jetzt seit 13 Jahren Prior in Wechselburg. Nach 32 Jahren möchte ich keine Leitungsverantwortung mehr haben. Ich möchte einfach Mönch sein – was aber nicht heißt, dass ich mich aus den Aufgaben und Überlegungen unserer Gemeinschaft heraushalten werde.

Frage: Was ist Ihr persönlicher Wunsch für die Zukunft?

Pater Maurus: Ich möchte das, was ich hier in der Begegnung mit Christen und Menschen aus der säkularen Welt gelernt habe, bewahren und mitnehmen nach Ettal in eine volkskirchliche Umgebung. Denn auch dort gibt es eine säkulare Gesellschaft, die sich vielleicht noch nicht so deutlich meldet.

Frage: Und Ihr Wunsch für Wechselburg als geistlichen Ort?

Pater Maurus: Ich wünsche mir, dass eine neue Gemeinschaft gefunden wird, die unsere Immobilien wie das Jugend- und das Familienhaus übernimmt und weiterführt, sodass Menschen hier weiterhin einen Ort christlicher Gastfreundschaft erleben und dass ein neuer Kirchenrektor hierherkommt, der mit den Menschen Gottesdienst feiert und ihnen geistliche Impulse für ihr Leben und ihren Alltag vermittelt.

Christoph Brüwer