Angebote bisher eher selten

Gottesdienste für Gehörlose: Klare Sicht ist wichtiger als Kerzenschein

Veröffentlicht am 28.09.2025 um 12:00 Uhr – Von Gabriele Höfling – Lesedauer: 

Bonn ‐ Live-Gottesdienste mit Gebärdensprache sind in Deutschland noch recht selten. Gehörlose nehmen lange Anfahrten in Kauf, um dabei zu sein. Um ihnen wirklich ein gutes Gottesdiensterlebnis zu ermöglichen, braucht es allerdings mehr als nur eine Übersetzung.

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Die Gebärde für "Jesus" in der Deutschen Gebärdensprache (DGS) leuchtet intuitiv ein. Die Handflächen befinden sich in vertikaler Haltung vor dem Körper, die Mittelfinger tippen nacheinander auf die Innenseite der gegenüberliegenden Hand – ein Hinweis auf Jesu Wundmale. Wollen Gehörlose in einem Gottesdienst dem Geschehen folgen, sind sie auf solche Übersetzungen dringend angewiesen. Entsprechende Angebote zu finden, ist für sie aber gar nicht so einfach.

Das gilt besonders für Gottesdienste aus Kathedralkirchen. Zwei Beispiele für Vorreiter sind die Erzbistümer München und Freising und Paderborn. Im Münchener Liebfrauendom übersetzen seit rund fünf Jahren hörende Dolmetscher den Hauptgottesdienst um 10 Uhr simultan vor Ort in einem Studio. Die Übersetzung ist dann in der Kirche per Stream auf Leinwänden zu sehen. "Wir haben in der Pandemie damit begonnen und es danach weitergeführt", sagt Peter Glaser, Gehörlosenseelsorger im Erzbistum. Die Kosten dafür liegen laut der Diözese pro Jahr im fünfstelligen Bereich.

Schwester Judith Beule gebärdet bei einem Gottesdienst
Bild: ©Erzbistum Paderborn/Cornelius Stiegemann

Schwester Judith Beule gebärdet bei einem Gottesdienst im Paderborner Dom.

Um einen Gottesdienst für Gehörlose angenehm zu gestalten, gebe es einiges zu beachten, erklärt der Seelsorger. Sie seien "Augenmenschen": Die richtige Beleuchtung und die Sichtbarkeit der agierenden Personen oder bei einer Übertragung eine ausreichend große Leinwand seien daher wichtige Faktoren: "Schummerlicht und eine Andacht bei Kerzenschein sind für Gehörlose nicht stimmungsvoll", so Glaser. Unterstützend sei es auch, wenn möglichst viele Sinne angesprochen würden, es zum Beispiel auch etwas zum Anschauen oder Fühlen gebe: "Das können je nach Kontext Tannenzweige sein, Getreideähren, Blumen oder Heiligenfiguren. Geht es um das Thema Taufe, kann Wasser mit ins Spiel kommen."

Einige Reihen sind für Gehörlose reserviert

Seit April dieses Jahres gibt es auch im Paderborner Dom ein regelmäßiges Gottesdienst-Angebot. Dort steht einmal im Monat zur Messe um 11:45 Uhr Schwester Judith Beule im Altarraum und gebärdet. Die Reihen davor sind für die Gehörlosen reserviert, um ihnen eine gute Sicht zu ermöglichen. Sr. Judith ist Ordensfrau bei den Schwestern der Heiligen Maria Magdalena Postel (SMMP), im Erzbistum Koordinatorin für die Seelsorge für Taube und taubblinde Menschen sowie Sprecherin für die Sparte Gehörlosenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz. Sie erklärt, worauf sie beim Dolmetschen achtet. Einfach nur Wort für Wort übersetzen funktioniere nicht: "Gesprochenes Deutsch ist für Gehörlose wie eine Fremdsprache. Ich muss Texte und Lieder schon anpassen." Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist seit 2002 offiziell als eine eigene Sprache anerkannt. Ihre Grammatik unterscheidet sich von der deutschen Lautsprache. So steht in der DGS die Zeitangabe nahezu immer am Anfang des Satzes. Im Gottesdienst übersetzt Schwester Judith übrigens nicht nur die Texte, sondern auch die Lieder. Die musikalische Stimmung transportiert sie durch Geschwindigkeit und Rhythmus der Gebärden mit.

Die Ordensfrau ist aufgrund des sogenannten Usher-Syndroms taubblind. Das Interview mit ihr findet telefonisch mit Hilfe des Übersetzungs-Dienstes "Tess" statt, bei dem Simultandolmetscher zwischen die Gesprächspartner geschaltet sind. Für Hörende funktioniert das wie jedes andere Telefonat, die Antwort kommt nur leicht verzögert. Die Übersetzung der Gottesdienste bedeutet für Schwester Judith eine Menge Vorbereitungszeit. Die Predigt und weitere Texte benötigt sie idealerweise schon Tage im Voraus, um aus dem geschriebenen Text die Übersetzung für den Gottesdienst vorzubereiten. Für spontane Änderungen hat sie eine Assistenz zur Seite, die sie darauf aufmerksam macht und ihr hilft, diese umzusetzen.

„Schummerlicht und eine Andacht bei Kerzenschein sind für Gehörlose nicht stimmungsvoll.“

—  Zitat: Peter Glaser

Von gedolmetschten Gottesdiensten können nicht nur Gehörlose, sondern auch Hörende profitieren, davon ist Schwester Judith überzeugt. Vor einiger Zeit sei eine junge Frau zu ihr gekommen und habe gesagt, erst durch die Gebärden habe sie die Predigt und die Texte so richtig verstanden. Kein Wunder: Schließlich verdeutlichen die Symbole der DGS das Gesprochene zusätzlich, auch Gestik und Mimik spielen eine große Rolle. "Dadurch werden zum Beispiel auch Emotionen gut sichtbar", erklärt Schwester Judith.

Regelmäßig beim Gottesdienst im Paderborner Dom mit dabei ist Klaus Mönnighoff. Er reist mit dem Auto aus seiner Heimatstadt Iserlohn an, die rund 100 Kilometer südöstlich von Paderborn gelegen ist. Manchmal sammelt Mönnighoff auf dem Weg noch weitere Gehörlose ein und sie bilden eine Fahrgemeinschaft. Der Aufwand lohnt sich, schreibt er in einer E-Mail an katholisch.de: "Wir haben sonst leider kaum die Möglichkeit eine Messe in Gebärdensprache zu besuchen". Live bei einem Gottesdienst dabei zu sein, sei einfach etwas anderes als nur über das Fernsehen zuzugucken.

Lieber live dabei als nur übers Fernsehen

Burkhard Schröder fährt aus Sundern im Sauerland nach Paderborn, ebenfalls rund 100 Kilometer. Die Bilder mit Gebärdensprache bei Gottesdiensten im Fernsehen seien oft klein und nicht so leicht nachzuvollziehen, schreibt er. Wenn er vor Ort im Paderborner Dom ist, kann er alles verstehen. Eine ähnliche Rückmeldung gab es einmal von einem älteren Mann, der mit den Übertragungen im Fernsehen nicht so gut zurechtkommt: Zum ersten Mal habe er durch die Live-Gebärden im Dom dem Gottesdienst komplett folgen können, erzählte er Schwester Judith.  Und es gibt noch einen sozialen Aspekt: Manchmal treffen sich die Gehörlosen nach dem Gottesdienst noch zu einem Beisammensein. Vielleicht wäre es ja möglich, dass das Erzbistum den Gehörlosen dafür einen Raum zur Verfügung stellt, regen diese an.

Bild: ©stock.adobe.com/engel.ac

Die Frauenkirche in München.

Für die Zukunft wünscht sich Burkard Schröder außerdem, dass das Angebot noch weiter ausgebaut wird. Statt dem zweiten Gottesdienst am späten Vormittag könnte auch mal der Hauptgottesdienst oder ein Hochamt mit Erzbischof Udo Markus Bentz gedolmetscht werden. Auch zu hohen kirchlichen Feiertagen würden sich die Gehörlosen gedolmetschte Gottesdienste wünschen – so wie es dieses Jahr auch erstmals zum Liborifest der Fall war, dem Patronatsfest des Erzbistums.

Nur wenige Priester beherrschen Gebärdensprache

Auch Schwester Judith träumt von noch stärker inklusiven Gottesdiensten, bei denen Gehörlose nicht nur zuschauen, sondern sich aktiv beteiligen – zum Beispiel die Lesung gebärden, die dann eben für die Hörenden übersetzt wird.  Im Erzbistum München gibt es einen Gebärdenchor, der in Gottesdiensten mit Gebärdenliedern auftritt. Bemühungen, Gehörlose selbst stärker in die Gehörlosenseelsorge einzubinden, gibt es bereits. Einen entsprechenden überdiözesanen theologischen Basiskurs haben sechs von ihnen nach zwei Jahren Ausbildung im Juli dieses Jahres erfolgreich abgeschlossen.

Eine eigene Gehörlosenseelsorge ist in den deutschen Bistümern weit verbreitet, berichten Schwester Judith und der Münchener Gehörlosenseelsorger Glaser. Im Bistum Trier gibt es sogar eine katholische Gehörlosengemeinde. Priester, die die Gebärdensprache beherrschen, sind bisher allerdings selten. Vielleicht animiert ihre Eingänglichkeit ja den einen oder anderen, sich einmal ausführlicher damit zu beschäftigen. Nicht nur die Gebärde für Jesus würde sich da anbieten. Die Gebärde für "beten" zum Beispiel sind zwei ineinander gefalteten Hände.

Von Gabriele Höfling

Taub und katholisch

Die Website taubundkatholisch.de bietet Informationen für gehörlose Gläubige, etwa zu Gottesdiensten, Seelsorge und der Bibel in Gebärdensprache.