Abtpräses Jeremias Schröder berichtet aus der Synodenaula
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Abtpräses Jeremias Schröder berichtet von der Familiensynode

Tag 6: Auftauchen aus dem Nebel

Die Sprachgruppen-Berichte fallen sehr unterschiedlich aus, doch einige Elemente finden sich immer wieder. Etwa die radikale Ablehnung der Gender-Ideologie. Doch das weckt bei Abtpräses Jeremias Schröder Sorgen, denn damit lehne man auch Erkenntnisse ab.

Von Jeremias Schröder OSB |  Vatikanstadt - 10.10.2015

Die 13 Berichte, die ja völlig unabhängig voneinander entstanden sind, ähneln sich erstaunlich oft. Manche sind sprachlich brillant – man erkennt, dass es unter den Bischöfen literarische und rhetorische Talente gibt. Andere kommen etwas hölzern daher. In einigen Gruppen wurde sichtlich intensiv gemeinsam nachgedacht. Anderswo sind einfach der Reihe nach Vorschläge der einzelnen Mitglieder angenommen oder verworfen wurden. Aber im Großen und Ganzen war die erste Sprachgruppenphase wohl ein Erfolg. Selbst aus Gruppen mit bekannten Vertretern radikaler Positionen kommen maßvolle Dokumente.

Ein paar Elemente finden sich immer wieder und könnten wohl zu einem roten Faden für die Schlussredaktion werden: positivere Sprache, dezentralere Entscheidungen, und die Ablehnung der Gender-Ideologie. Bei der Klage über den Pessimismus des Dokumentes gibt es allerdings zwei verschiedene Ansätze. Die einen stören sich daran, dass vor allem Bedrohungen der Familie beschrieben werden, und viel zu wenig von der Kraft und Widerstandsfähigkeit dieser uralten Institution die Rede ist. Anderen fällt eher auf, dass die moderne Welt sehr negativ geschildert wird, eine aus dem Ruder gelaufene Zivilisationskritik.

Immer wieder kommt der Wunsch, Zuständigkeiten an Regionen oder Bischofssynoden zu verlagern – was sich angesichts der kulturellen Verschiedenheit der Familienthemen auch aufdrängt. Ein mutiger Vorschlag kommt direkt bis ins Plenum: den zukünftigen Bischofssynoden sollten jeweils kontinentale Prä-Synoden vorgeschaltet werden, die die Ausgangssituation zum jeweiligen Thema gemäß ihrer unterschiedlichen Situation behandeln sollen – ein Vorschlag, der mir sehr einleuchtend scheint und das Verhältnis von Regionalität und Universalität vielleicht besser austariert.

Empörung über Gender-Ideologie weckt Sorgen

All das scheint nicht allzu kontrovers, wenngleich man ahnen kann, dass die Kurie das Thema der Dezentralisierung für nicht so vordringlich hält. Richtige Empörung zeigt sich aber, wenn von der Gender-Ideologie die Rede ist, der Auffassung, dass die Geschlechter-Rollen nur gesellschaftliche Konstruktion sind und beliebig verändert werden können. Die Einhelligkeit der Empörung weckt bei mir und einigen anderen jetzt allerdings auch schon eine Sorge. Es gibt ja in den Gender-Studien neben den bekannten ideologischen Übertreibungen auch einen sinnvollen Erkenntniskern: wie wir unser Mann- und Frausein leben, ist nicht nur Biologie, sondern wird auch geprägt von unseren gesellschaftlichen Traditionen, unseren persönlichen Wertvorstellungen und so weiter. Wenn ich auf die drei Generationen von Müttern in meiner Familie blicke, dann ist die Art und Weise, wie dieses Muttersein gelebt wird, schon sehr unterschiedlich. Hier muss die Synode nicht nur aufgebrachte sondern auch kluge Worte finden; mit einem undifferenzierten Rundumschlag machen wir uns sonst lächerlich.

Das Synodenblog

Abtpräses Jeremias Schröder OSB von St. Ottilien nimmt an der Familiensynode im Vatikan teil. Für katholisch.de berichtet er regelmäßig direkt aus der Synodenaula.

Dann kommen wieder Einzelbeiträge im Plenum – an diesem Tag ungefähr 50 Mal drei Minuten. Manches ist jetzt doch schon öfter gesagt worden, aber nicht alle Synodenväter wollen auf ihre lang vorausmeditierten Gedanken verzichten, nur weil das so ähnlich schon mehrfach zu hören war. Wir Ordensleute hatten uns im Vorfeld der Synode einmal getroffen, und da sagte uns ein Generaloberer, der den Papst gut kennt: "Ihr braucht ihm nicht das zu sagen, was er ohnehin schon weiß." Diesen nützlichen Tipp haben die Bischöfe leider nicht bekommen, und es ist schon erstaunlich, wie oft der Papst sich Zitate aus seinen eigenen Reden und Enzykliken anhören muss.

Reformer zitieren Benedikt, Konservative Franziskus

Ein Spötter meinte, die Herkunft der Zitate sei immer eine klare Ansage: wer radikal reformerisch argumentieren will, der zitiert vor allem Papst Benedikt, um jeden Verdacht von sich abzulenken. Und wer in Stein gemeißelte Retro-Positionen vertritt, garniert das mit einem Zitatreigen aus Evangelii Gaudium. Immerhin erfreulich, dass jeder unserer Päpste groß genug ist, um für ganz unterschiedliche Sichtweisen Munition zu liefern.

Zu Beginn der Sitzung ein kleiner Warnschuss von Kardinal Baldisseri, dem Generalsekretär. Er rügt eine Bischofskonferenz, die auf ihrem Blog allzu detailliert aus der Aula berichtet hat. Also: gar nicht erwünscht sind konkrete Namensnennungen im Zusammenhang mit den Inhalten der Beiträge. Die Rüge galt einer großen Bischofskonferenz in Osteuropa.

Von Jeremias Schröder OSB