Warum unsere Gesellschaft Trauern neu lernen muss
Trauer stört. Sie scheint für den Trauernden selbst und erst recht für sein Umfeld die reinste Zumutung zu sein. Kein Wunder, dass Psychologie-Größen wie Sigmund Freud oder Lebenshilfe-Autorinnen wie Verena Kast die Ansicht vertreten, es gehe irgendwie darum, den Störfaktor Trauer wieder aus der Welt zu schaffen. Dafür steht das Wort Trauerarbeit. Ohne dass man die Trauer "abarbeitet", so die klassische These, wird das nichts mehr mit dem guten Weiterleben nach dem Tod eines Geliebten. Allerdings mehrten sich schon 1980er Jahren Studien, die belegen: Hinterbliebene, die ihre Beziehung zu Verstorbenen innerlich aufrechterhalten und weiterentwickeln, kommen gut mit dem Verlust und ihrem eigenen Leben zurecht.
Auch die Kulturgeschichte liefert jede Menge Belege dafür, dass bleibende Verbindungen mit Toten normal sind, ob beim katholischen Gebet für "Arme Seelen" oder der Ancestor-Veneration in vielen asiatischen Regionen. "Continuing Bonds", so der Titel eines einflussreichen Buches von Dennis Klass und Kollegen aus dem Jahr 1996, wurde schnell zum Gegenbegriff aller Du musst loslassen-Trauerideologien in der Nachfolge Freuds: Trauer muss nicht enden, Beziehungen dürfen bleiben – und sich dabei verändern. Auch der späte Freud selbst schien das übrigens auch wieder zu ahnen. Trauer ist Liebe. Und wo Trauer verschwindet, verschwindet Liebe.
Wer verbringt gerne Zeit mit Trauernden?
Trotz dieser Erkenntnisse haben es Trauernde auch heute nicht leicht. Wer will schon gern mit ihnen zusammen sein? Mit ihnen in den Urlaub fahren oder auf Partys gehen angesichts der Stimmungskiller-Schwere, die sie umgibt? Oft hören Trauernde Sätze wie "Du musst dir helfen lassen!", mit denen eigentlich gemeint ist: "Ich habe keine Geduld mehr mit dir. Soll sich doch jemand kümmern, der sich mit sowas auskennt." Wir rufen, wie sonst auch vielfach, nach Spezialisten, um uns ein Problem vom Leib zu halten.
Tatsächlich brauchen Trauernde in den allermeisten Fällen aber keine professionelle Hilfe, sondern uns Nachbarn, Freunde, Angehörige, bei denen sie ihre Trauer nicht verstecken müssen. Und wir müssen Trauernden weder mit theologischen Aufsagern noch mit Küchenpsychologie kommen. Ihnen zu signalisieren, dass es in Ordnung ist, wenn sie immer wieder über den Verstorbenen und ihr Leben mit ihm reden, ist meist schon genug. Anstrengend mag es trotzdem sein. Aber eben auch ein Dienst an der Liebe.
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Doch der Trauer drohen noch grundsätzlichere Gefahren als unsere Unwilligkeit im Umgang mit ihr. Nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung werden bald knapp die Hälfte aller Haushalte hierzulande Single-Haushalte sein. Wer soll eigentlich noch um uns trauern, wenn wir zu Lebzeiten auf Nahraum-Beziehungen immer mehr verzichten? Es besteht die reale Möglichkeit, dass einer hochindividualisierten Gesellschaft das Phänomen Trauer überhaupt abhanden kommt. In Hamburg, einer Stadt mit besonders vielen Single-Haushalten, stieg die Zahl der "ordnungsrechtlichen Bestattungen" von Menschen, die ohne Angehörige gestorben sind, schon in den letzten beiden Dekaden von 400 auf 1500 pro Jahr.
Nun lässt sich der Trend zur Individualisierung der Lebensverhältnisse nicht einfach umkehren. Aber Staat, Gemeinden und Kirchen könnten in ihren Gesten öffentlicher Trauer neben den Opfern von Krieg, Terror und Gewalt (Volkstrauertag) und den Toten überhaupt (Allerseelen, Totensonntag) ausdrücklich auch an jene erinnern, die einen einsamen Single-Tod gestorben sind. Es wäre zumindest ein Zeichen gegen die Gleichgültigkeit. Ein Zeichen gemeinsamer Trauer über die vermehrte Trauerlosigkeit in unserer Gesellschaft, der es nicht egal sein kann, wenn mit der Trauer auch Liebe aus ihr entschwindet.
Gegenseitiges Kümmern in den Fokus rücken
Und es wäre noch mehr möglich. Derzeit ist viel die Rede von Caring oder Compassionate Communities – zu deutsch: sorgenden Gemeinschaften. Das sind Strukturen, in denen Sorge nicht "von denen da oben" (Staat, Kirche) erwartet, aber auch nicht einfach dem einzelnen aufgebürdet wird. Caring Communities vergemeinschaften Sorge auf der Face-to-Face-Ebene: Ich kümmere mich um dich und du dich um mich und wir uns um einander. Sie sind derzeit v.a. deshalb im Gespräch, weil sie den drohenden Pflegenotstand abmildern könnten.
Nun gibt es in der katholischen Kirche eine lange Tradition ganz besonderer Caring Communities: die Bruderschaften. Diese entstanden im Mittelalter und sind zunächst einmal Gemeinschaften des wechselseitigen Gebetsbeistandes und des Gebetsgedächtnisses, das heißt: Gläubige schlossen sich zusammen und verpflichteten sich, füreinander zu beten und einander auch nach dem Tod nicht zu vergessen.
Gemeinschaft stärkt den Einzelnen – so auch beim Umgang mit Trauer.
Es gab auch sogenannte Elendenbruderschaften. Hier verbrüderten sich – z.B. in Paderborn, Mainz oder Trier – Menschen, die aus der Fremde kamen und vor Ort sonst niemanden hatten (das mittelhochdeutsche "ellende" steht für "anderes Land"). Auch sie beteten füreinander und verhalfen einander zu einem "ehrlichen Begräbnis". Einen Geselligkeitsaspekt hatten die Gebetsgenossenschaften freilich auch. Auf den jährlichen Bruderschaftsfesten wurde nach einer Prozession ordentlich gefeiert. Mancherorts gibt es Bruderschaften noch heute, etliche wurden als juristische Personen des Kirchenrechts aufgelöst, viele schlummern ohne formelle Auflösung vergessen vor sich hin.
Könnten die Bruderschaften nicht im Geist von Caring Communities der Trauer wiederbelebt werden? Als ideologisch niederschwellige Angebote an Singles in unseren Gemeinden, zusammenzukommen, einander kennenzulernen, miteinander zu beten (Bruderschaftsgebete sind meistens kurz!), ab und zu zu feiern und nicht zuletzt zu verhindern, dass Mitschwestern (consorores) und Mitbrüder (confratres) einsam begraben und vergessen werden? Auch in dieser Anknüpfung an alte Traditionen käme zum Ausdruck: wir sehen einander, wir halten zueinander, vor dem Tod und über den Tod hinaus. Das meint Trauer. Sie ist kein Problem. Sie ist eine Lösung.
Zum Autor
Rupert M. Scheule (56), ist Ordinarius für Moraltheologie an der Universität Regensburg und Leiter des weltweit einzigartigen Studiengangs Perimortale Wissenschaften. Zu seinen Forschungsthemen gehören Sterben, Tod und Trauer, aber auch Fragen der Sexual- und Familienethik. Scheule arbeitet neben seiner Universitätstätigkeit als Ständiger Diakon in Krumbach/Mittelschwaben. Er ist verheiratet und hat fünf Kinder.
