20 Jahre Aufarbeitung nach dem Völkermord in Ruanda

Verordnete Versöhnung

Aktualisiert am 04.04.2014  –  Lesedauer: 
Genozid

Bonn ‐ Es war eine Massenhysterie. Viele töteten aus Angst, selbst getötet zu werden. Die Menschen waren wie verwandelt", erinnert sich Paul Rusesabagina an die Hölle des Völkermords von Ruanda. Der Direktor des Hotels "Des Mille Collines" in der Hauptstadt Kigali bewahrte damals 1.268 Menschen in seiner Herberge vor dem sicheren Tod. Wegen seines mutigen Handelns wird er auch als "Oscar Schindler von Ruanda" bezeichnet.

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Nach dem Abschuss des Flugzeugs des damaligen Hutu-Präsidenten Juvenal Habyarimana begann am 7. April 1994 das unfassbar brutale Morden der Hutu-Gruppe an der Tutsi-Minderheit im Land. In hundert Tagen wurden mehr als 800.000 Männer, Frauen und Kinder getötet: Schüler erschlugen ihre Lehrer, Nachbarn ihre Nachbarn, Tanten ihre Neffen. Es war ein Blutrausch, der nichts Menschliches mehr an sich hatte, keine Freundschaft, keine Familienbande mehr kannte.

Wie konnte es soweit kommen , ist die Frage, die sich heute noch stellt - genau 20 Jahre danach. "Man muss sich vorstellen, die Bevölkerung hatte damals keine Zukunftsperspektiven. Die Menschen waren auf Landwirtschaft beschränkt, von der sie gerade so überleben konnten", sagt Ruanda-Expertin Ilona Auer-Frege, die das Misereor-Büro in Berlin leitet. "Zudem herrschte eine große Obrigkeitshörigkeit. Gehorsam und militärische Ausbildung waren immer Teil der ruandischen Kultur."

Verantwortung der Kirche

Dass daran auch die katholische Kirche ihren Anteil hatte, macht die Pax Christi-Erklärung "Versöhnung und Wahrheit" deutlich. Die zentrale Kritik lautet, dass die Kirche es nicht verstanden habe, sich aus ihrer kolonialen Vergangenheit zu befreien. Die Bereitschaft der Ruander, sich Befehlen zu fügen, stamme vermutlich aus alten Zeiten, sei aber auch von den Kirchen gefördert worden. "Durch die Anpassung an die gesellschaftliche Hierarchie und die enge Anbindung an die Machthaber fehlte der Kirche die Distanz, um Widerstand zu leisten."

Und schlimmer noch: "Zwar gab es Priester und Ordensleute, die während des Völkermordes Verfolgten Schutz boten. Aber es gab gleichzeitig viele in den Reihen der katholischen Kirche, die dem Morden teilnahmslos zusahen - oder selbst zu Mördern wurden", sagt Auer-Frege.

„Es gab viele in den Reihen der katholischen Kirche, die dem Morden teilnahmslos zusahen - oder selbst zu Mördern wurden.“

—  Zitat: Ilona Auer-Frege, Misereor

Als der Völkermord an den Tutsis begann, suchten viele von ihnen Schutz in Kirchen. Bei sporadischen Angriffen in den Jahren zuvor waren die Gotteshäuser stets verschont geblieben. Dieses Mal kannten die Hutu-Milizen kein Erbarmen. In und rund um die Pfarrkirche Nyamata wurden zwischen dem 11. und 12. April mindestens 10.000 Tutsis getötet.

Die Hutus griffen dort ebenfalls mit Sprengstoff, Macheten und Schlagstöcken an. Frauen wurden auf brutalste Art vergewaltigt. Heute sind die Überreste, darunter vor allem Knochen und Totenschädel, in einer unterirdischen Krypta zu sehen. Sämtliche Kirchenbänke des Gotteshauses tragen die verbliebenen Kleidungsstücke der Toten. Gedenkstätten wie diese gehören ebenso zur etablierten Gedenkkultur in Ruanda, wie der jährliche Trauermonat oder so genannten "Ingando Camps", bei in denen die Bevölkerung staatskundlich über das Geschichtsbild aufgeklärt wird, das die Regierung vorgibt.

Verordnete Versöhnung

Die Regierung um Präsident Paul Kagame hat die Aufarbeitung des Geschehens und die Versöhnung von Hutu und Tutsi zur Chefsache erklärt. Kagame war damals Anführer der Patriotischen Front (RPF), einer Rebellenmiliz aus Exil-Tutsis, die sich im Juli 1994 an die Macht putschte und den Bürgerkrieg für beendet erklärte. "Die Regierung hat ein großes Interesse daran, dass Frieden und Stabilität herrschen", so Auer-Frege. Deshalb gebe es das nationale Diktat "Wir sind alle Ruander" - die Zugehörigkeit zu einer Gruppe habe keine Rolle mehr zu spielen.

Besucherin betrachtet großformatige Leuchttafeln
Bild: ©dpa/Wolfgang Kumm

Eine Besucherin betrachtet im Museum der Genozid-Gedenkstätte Gisozi nahe Kigali in Ruanda Bilder des Völkermordes zwischen den Tutsi und Hutus im Jahr 1994.

Zur Aufarbeitung gehört auch die Suche nach der Wahrheit. Eine Generalamnestie gab es nicht, stattdessen wurden landesweit Volksgerichte installiert, die jeden Fall nachverfolgen, die Täter ausfindig machen und die Geschehnisse dokumentieren sollten. Aber kann Aufarbeitung wirklich so schnell gehen? "Was sind 20 Jahre nach solch einem Schrecken?" fragt Heinz Rothenpieler, Sprecher der pax christi-Kommission "Solidarität mit Zentralafrika" . "Im Nachkriegsdeutschland begann die eigentlich schmerzhafte Phase der Aufarbeitung der Nazi-Diktatur erst Mitte der 1960er Jahre."

"Man darf nicht unterschätzen, dass sich durch so ein staatlich vorgegebenes Bewältigungsmuster auch viele nicht mitgenommen fühlen. Viele Menschen hegen einen Groll, den sie aber nicht öffentlich ausdrücken dürfen", gibt auch Auer-Frege zu bedenken. Die gesetzlich verordnete Versöhnung gehe so weit, das jede Form von Kritik an der Regierung verboten sei und man für Zweifel an dem Versöhnungsdiskurs inhaftiert werde.

Mut macht unterdessen die junge Generation. Weit mehr als die Hälfte der Ruander ist unter 20 Jahre alt und haben den Genozid nicht selbst erlebt. Sie sind mit der Versöhnungspolitik aufgewachsen, es gehört zu ihrer Identität, Teil des neuen Ruandas zu sein. "Die frühere Spaltung in Hutus und Tutsis halten sie für ein Zeichen von zurückgebliebener und wenig aufgeklärter Lebensweise."

Von Janina Mogendorf (Mit Material von KNA)