In einem Klassenzimmer hängt ein Kreuz an der Wand.
Im Spannungsfeld: Lehrer Matthias Schenck unterrichtet Religion und Ethik

"Nicht die Katholiken hier und die Atheisten dort"

Schule - In Nordrhein-Westfalen können Religionslehrer auch Ethik unterrichten. Im Interview erzählt Lehrer Matthias Schenck, wie es sich in diesem Spannungsfeld unterrichtet und was Religionsschüler von Philosophieschülern unterscheidet.

Von Janina Mogendorf |  Wuppertal - 12.12.2015

Frage: Herr Schenck, worin unterscheiden sich Philosophie- von Religionsschülern?

Schenck: Es ist keinesfalls mehr so, dass im katholischen Religionsunterricht ausschließlich gläubige Katholiken sitzen und im Philosophieunterricht Atheisten. Als ich im vergangenen Schuljahr in der achten Klasse "Praktische Philosophie" unterrichtet habe, hatte ich 34 Schülerinnen und Schüler - darunter etwa 20 Muslime und eine Handvoll Schüler, die sich entschieden als nicht gläubig sahen. Als wir das Thema Gerechtigkeit besprochen haben, wünschten sich die Schüler ausdrücklich, auch die Sichtweisen der Religionen kennen zu lernen. Im Religionsunterricht selbst sitzen bei uns in der Diaspora nicht viele Katholiken. Einige sind zwar getauft, haben aber von Kirche und Glauben keine Ahnung.

Frage: Wie kommt es, dass Sie sowohl Theologie als auch Philosophie studiert haben?

Schenck: Ich habe mich schon früh in meiner Gemeinde engagiert und unser Kaplan war sowohl theologisch als auch philosophisch sehr gebildet. Das hat mich inspiriert. An der Universität habe ich zunächst nur Mathematik und Theologie studiert. Dann gab es durch einen schweren Verkehrsunfall einen tiefen Einschnitt in meinem Leben. In dieser Zeit ist mir klar geworden, was in meinem Leben wichtig ist. Als ich Philosophie als Studienfach dazu gewählt habe, bin ich einem inneren Kompass gefolgt. Mein Glaube ist der Kern. Aus ihm heraus verstehe ich alles andere. Die Philosophie hat an vielen Stellen mein Glaubensbewusstsein geklärt und vertieft. So sind die Bücher meines Lieblingsphilosophen Emmanuel Levinas eine Inspirationsquelle, die Begegnung mit dem "Anderen" zu schulen. Im Fremden Gott zu begegnen ist ja die alltägliche Übung unseres Glaubens, die uns von der Gefangenschaft in unseren Ich-durchtränkten Vorstellungen befreit.

Frage: Können Sie als Lehrer die beiden Fächer gut voneinander trennen?

Schenck: Religion und Philosophie sind als Schulfächer grundverschieden, insofern lassen sich die Fächer sowohl inhaltlich als auch methodisch gut trennen. In Philosophie lesen wir Texte und vergleichen Gedanken. Im Religionsunterricht verwenden wir eine andere Sprache - die Sprache des Glaubens, die sich vor allem in Bildern und Gleichnissen zeigt. Die Bibel ist kein Gesetzbuch voller Wörter, keine Ansammlung moralischer Vorschriften, sondern sie ist Wort des lebendigen Gottes. Manche Philosophen haben gut herausgearbeitet, was "Worte" von "Wörtern" unterscheidet und dass wir uns vom Herzen her öffnen müssen, um die Kraft dieser Worte zu erkennen. Ich versuche, den Schülern die Achtung vor dem Wort zu vermitteln.

Bild: © privat

Matthias Schenck ist Lehrer für Katholische Religionslehre, Philosophie und Mathematik am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal.

Frage: Das heißt, Sie lassen Erkenntnisse aus dem einen Fach in das jeweils andere Fach mit einfließen. Wie reagieren nichtgläubige Philosophie-Schüler auf Ihren Glauben?

Schenck: Sie haben kein Problem damit, dass ich den Glauben lebe. Ich werde darin eigentlich von der großen Mehrzahl sehr geachtet und die Schüler wissen, dass ich sie ebenfalls in ihrer Haltung achte. Ich zwinge niemandem etwas auf, wenn es nicht sein Thema ist. Mir ist es wichtig herauszufinden, was für Menschen meine Schüler sind und ihnen Respekt zu zeigen. Jesus ist auf der Straße ganz unterschiedlichen Menschen begegnet. Daran orientiere ich mich als Lehrer. Wenn ich Schülern authentisch und respektvoll begegne, dann bekomme ich auch Respekt zurück.

Frage: Und wie gehen Sie mit aktuellen Themen um, die theologisch ganz anders bewertet werden als in der Philosophie? Zum Beispiel Suizid oder Sterbehilfe?

Schenck: Beides sind keine Themen, die die Schüler derzeit bewegen. Auch im Religionsunterricht muss ich als Lehrer ja offen sein, wenn persönliche Meinungen von unseren christlichen Idealen abweichen. Beim Thema Sterbehilfe habe ich im Philosophieunterricht gute Erfahrungen mit der Erarbeitung des Ansatzes der Hospizbewegung gemacht. Auch das Nachvollziehen verschiedener Phasen des Sterbeprozesses ist für Schüler wichtig. Hier hilft mir meine langjährige Erfahrung in der Altenpflege, bei der ich eine ganze Reihe dieser Prozesse erlebt habe. Zurzeit sind aber die Flüchtlinge und Fragen der Integration viel präsenter. Auf welcher Basis wollen wir einander begegnen? In der Regel können wir uns im Unterrichtsprozess darauf einigen, dass die Menschenrechte und unser Grundgesetz ein Fundament sind, das fundamentalistische Religionsauffassungen ausschließt.

Frage: Unterscheidet das diese beiden Fächer von Ihrem dritten Fach Mathematik?

Schenck: Absolut. Zwar spielt auch in Mathe die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler eine Rolle. Wenn man mit dem Lehrer nicht klarkommt, wird man den Stoff noch weniger verstehen. Aber in Religion und Philosophie sind Beziehung und Begegnung Kern des Unterrichtsgeschehens. Ich möchte den Jugendlichen nicht meine Sicht aufoktroyieren oder sie in eine Schublade einsortieren. Lieber helfe ich ihnen, ihre eigenen inneren Gedanken zu entwickeln, ohne sie in die Beliebigkeit laufen zu lassen.

Zur Person

Matthias Schenck (*1971) ist Lehrer für Katholische Religionslehre, Philosophie und Mathematik am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal. Schenk war fünf Jahre als Jugendbeauftragter der Entwicklungshilfeorganisation Lichtbrücke tätig; außerdem ist er Ausbilder in personenzentrierter Gesprächsführung.

Frage: Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Schenck: Wenn ich mit Schülern den Exodus bespreche, dann reden wir zuerst darüber, was uns heute versklavt - etwa Geld, Medien oder Konsum. Die Schüler bekennen meist sehr offen, welchen dämonischen Kräfte sie ausgeliefert sind. Wie sprechen über die Bilder, die sie leiten und die ihnen den Weg vorgeben. Wir machen das so lange, bis sie selbst spüren, was es bedeutet, ein Sklave zu sein. Und dann suchen wir nach einem Ausweg und sprechen darüber, warum der Weg aus der Sklaverei durch die Wüste führen muss. Es bewegt mich immer wieder, wie offen die Schüler sich auf diesen Prozess einlassen. Sie können wirklich die Wüste als Weg schildern und verstehen, dass Gottes Gebote, Gottes Weg, Jesu Botschaft als Orientierung auf diesem Weg in die wahre Freiheit gemeint sind. Das Exodusgeschehen ist zum Beispiel ein Schlüssel, die Bergpredigt des Matthäusevangeliums zu erschließen.

Frage: Für wie wichtig halten Sie den Religionsunterricht?

Schenck: Meine persönliche Ansicht ist, dass alle Menschen am Religionsunterricht teilnehmen sollten. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich in dieser Gesellschaft noch bis zu meiner Pensionierung Religion unterrichten kann. Das sind noch 25 Jahre und vielleicht gibt es diesen Unterricht bis dahin nicht mehr an öffentlichen Schulen. Andererseits befürchte ich deshalb aber nicht den Untergang des Abendlandes oder dass die Menschen aufhören werden zu glauben. Ich denke, dann unterrichte ich eben Philosophie und glaube, dass ich den Glauben auch so leben und Zeugnis geben kann.

Von Janina Mogendorf