Flüchtlinge setzen auf einem Schlauchboot von der Türkei nach der griechischen Insel Lesbos über.
27 Philosophen über die Flüchtlingskrise

Das Ende einer Lebenslüge

Flüchtlinge - Das "philosophie Magazin" hat 27 Denker nach ihrer Einschätzung zur anhaltenden Flüchtlingskrise gefragt. In den Statements geht es um Erwartungen an die Politik, Wege der Integration und Argumente für Aufnahmegrenzen.

Von Christoph Arens (KNA) |  Berlin - 09.01.2016

Wie weit reicht die Verantwortung des Staates und der Bürger? Ist eine eigene Leitkultur hilfreich? Und wie schaffen wir das - so die zentralen Fragen. Grundsätzlich, so der Tenor, gibt es eine starke moralische Pflicht, Menschen zu helfen, die in Todesgefahr sind und der Hilfe bedürfen. Doch manche der Denker formulieren auch deutliche Einschränkungen.

Für Chefredakteur Wolfram Eilenberger ist klar: "2015 markiert das Ende der zentralen Lebenslüge einer ganzen europäischen Generation." Europa werde das Leid von Milliarden Menschen in Afrika, Asien und im Nahen Osten nicht auf Distanz halten und ein "mauerloser Paradiesgarten in einer Welt des Elends" bleiben können. Und Eilenberger formuliert brutal: 2015 markiere nicht das Ende, sondern der Anfang einer Entwicklung, nach der immer mehr Migranten nach Europa strömen - die Unterscheidung zwischen Kriegs-, Wirtschafts- oder Klimaflüchtlingen werde dabei zunehmend verwischen.

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Ob Naturkatastrophen, Armut oder Terror: Täglich verlassen Menschen ihre Heimat, um anderswo ein neues, ein besseres Leben zu beginnen. Die Flüchtlinge kommen auch nach Deutschland. Das bedeutet eine große Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Kirche.

27 Philosophen, 27 Positionen: Nach den Worten des französischen Denkers Marc Crepon kennt die moralische Verpflichtung, Flüchtlinge aufzunehmen, keine Grenzen. Die Politik müsse sich bewusst machen, dass ein Ja oder Nein zur Aufnahme der Flüchtlinge zugleich eine Entscheidung über Leben und Tod sei. Es sei unmoralisch, Flüchtlingen wenigstens ein Minimum menschlicher Existenz zu verwehren.

Denker argumentieren für Obergrenzen

Anders der Berliner Philosoph Volker Gerhardt: Er zitiert den alten Lehrsatz "Über das Können hinaus wird niemand verpflichtet". Hilfsbereitschaft könne sowohl bei Gesellschaften als auch bei Einzelnen an Grenzen der Überforderung stoßen, argumentiert er. Wenn diese Grenzen überschritten würden, drohe Schaden für alle.

Der Hamburger Rechtsphilosoph Reinhard Merkel nennt eine andere Begründung für Einschränkungen des Flüchtlingszuzugs. Staaten hätten auch die Pflicht, die eigene Bevölkerung zu schützen. Allerdings sieht Merkel für diese Begründung hohe Hürden. Die "statistische Annahme eines Anschlagsrisikos" reiche nicht aus, die Rechte von Flüchtlingen einzuschränken oder Migranten den Zutritt zu verwehren. Erforderlich sei ein konkreter Verdacht. Zugleich sieht der Strafrechtler den Staat wegen seiner Schutzpflicht gefordert, alle Flüchtlinge zu überprüfen.

Bezüge auf die deutsche Geschichte

Für die Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann hat die Aufnahme von Flüchtlingen auch mit der deutschen NS-Vergangenheit zu tun. "Die Frage, die sich für die Deutschen heute stellt, lautet: Zu was für einer Nation möchte man gehören: zu einer, die verzweifelte Menschen abweist oder einer, die mit ihnen die gemeinsame Aufgabe einer neuen Zukunft angeht?"

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"Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes": Bei einer Pressekonferenz antwortete Kardinal Reinhard Marx mit deutlichen Worten auf die Frage was er Menschen antwortet die Bedenken haben, dass wir unsere christliche Identität durch die große Zahl der Flüchtlinge verlieren.

Der Berliner Sozialphilosoph Gunter Gebauer warnt die Bundesbürger davor, die Flüchtlinge mit einer klar abgegrenzten Leitkultur zu konfrontieren. Dies führe zu Ausgrenzung - und damit ebenso in die Irre wie der Verzicht auf jegliche Anforderungen. Gebauer befürwortet "Integration als Aushandlungsprozess". Von den Migranten könnten bestimmte Werte eingefordert werden, zugleich müsse ihnen aber eine faire Behandlung zugesichert werden.

Die Potsdamer Philosophin Susan Neiman ermuntert die jüdischen Gemeinden, sich um arabische Flüchtlinge zu kümmern. Damit könnte der Teufelskreis von Hass und Furcht zwischen der jüdischen und der muslimischen Welt durchbrochen werden.

Untätigkeit verhindert Integration

Der Hildesheimer Philosoph Tilman Borsche betont auch Pflichten der Flüchtlinge. "Sie sollten nicht nur gefragt werden, was ihnen im Moment fehlt, sondern auch, was sie künftig zum Gemeinwesen beizutragen in der Lage, fähig und bereit sind", schreibt er. Auch Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme, fordert eigene Anstrengungen der Flüchtlinge, etwa durch Arbeitsdienste und Bildung. "Jeder Mensch lebt durch Tätigsein", schreibt er. Das schlimmste Hindernis für die Integration seien Untätigkeit und Passivität.

Von Christoph Arens (KNA)