Ein DNA-Strang.
Ein Tabu gerät ins Wanken

Ein Tabu gerät ins Wanken

Die Debatte über Eingriffe in die menschliche Keimbahn flammt wieder auf. Weil britische Wissenschaftler künftig für die Forschung Erbgut von Embryonen verändern dürfen, werden in Deutschland Proteste laut. Die Kirche spricht von einem Tabubruch.

Von Christoph Arens (KNA) |  Bonn - 02.02.2016

Dieses Tabu gerät mehr und mehr ins Wanken. Einen neuen Schritt tat am Montag die britische Behörde HFEA. Sie erlaubte erstmals einer Forschergruppe, gezielt Gene menschlicher Embryonen im Frühstadium zu verändern.

Hilfe für unfruchtbare Paare

Den Wissenschaftlern geht es nach eigener Darstellung um die Frage, welche Gene bei der frühen Entwicklung des Embryos eine entscheidende Rolle spielen. Damit wollen sie nach eigener Darstellung unfruchtbaren Paaren helfen.

Das Forschungsteam hat keinen Freibrief erhalten: Es darf die Keimbahnmanipulationen nur im Labor durchführen. Die veränderten Embryonen dürfen keiner Frau eingepflanzt werden. Die Embryos müssen nach zwei Wochen zerstört werden.

Bild: © KNA

Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger ist Mitglied des Deutschen Ethikrates und in der Deutschen Bischofskonferenz für ethische Grundfragen zuständig.

Trotzdem wertete die katholische Kirche in Deutschland die Entscheidung der Briten als verhängnisvollen Tabubruch. Eingriffe in die menschliche Keimbahn bedeuteten eine Umprogrammierung sämtlicher Nachkommen, sagte der Augsburger Weihbischof Anton Losinger dem Kölner domradio.de. Das sei ein "No-Go". Das Mitglied des Deutschen Ethikrats kritisierte zugleich, dass im Rahmen der Embryonenforschung eine große Zahl von Embryonen hergestellt und vernichtet werde. Notwendig seien weltweite Regelungen zum Schutz von Embryonen, die sich an der Allgemeingültigkeit der Menschenrechte orientierten.

Verboten waren Eingriffe in die menschliche Keimbahn auch deshalb, weil sie technisch nur sehr schwer durchgeführt werden konnten. Seit 2012 aber steht eine Methode namens CRISPR-Cas9, kurz Crispr, zur Verfügung, die das Verfahren revolutioniert hat. Mit Hilfe bestimmter Enzyme können Abschnitte des Erbguts herausgeschnitten oder eingefügt werden - ein Gen-chirurgisches Verfahren, das nach Darstellung von Wissenschaftlern technisch vergleichsweise einfach und sicher funktioniert.

Chinesische Forscher scheiterten

Kein Wunder, dass sich zuletzt Berichte mehrten, nach denen chinesische und amerikanische Forschungslabore mit Crispr bereits Eingriffe in die menschlichen Keimbahn vollzogen hätten - und das, obwohl bei der weit überwiegenden Zahl der Gene noch gar nicht bekannt ist, welche Funktionen sie genau erfüllen. Im April wurden Versuche chinesischer Forscher bekannt, bei 86 Embryonen ein Gen für die Blutkrankheit Thalassämie zu korrigieren. Sie scheiterten - ganz so einfach ist die Sache offenbar doch nicht.

Im März veröffentlichten zahlreiche angesehene internationale Wissenschaftler deshalb in der Fachzeitschrift "Science" einen Aufruf, auf weitere Experimente zur Manipulation des Erbguts in menschlichen Keimzellen zunächst zu verzichten. Die Wissenschaftler sorgten sich, dass öffentlicher Protest die weitere Grundlagenforschung lahmlegen könnte. Auf einem Gipfel in Washington einigte man sich im Dezember dann zwar auf ein Moratorium. Es schließt die Grundlagenforschung jedoch nicht mit ein.

Linktipp: Grünes Licht für Genmanipulation

Großbritannien hat die Genmanipulation an Embryos im Rahmen eines Forschungsprojekts erlaubt. Wissenschaftler in London hätten die Genehmigung erhalten, die Gensequenz menschlicher Embryos zu verändern, teilte die zuständige Behörde mit.

Befürworter von Keimbahn-Eingriffen argumentieren, eine gezielte Gentherapie könnte die Wahrscheinlichkeit bestimmter Krankheiten senken und die Menschheit dauerhaft von vielen Geißeln befreien. Kritiker befürchten, dass die Manipulationen langfristig nicht nur der Bekämpfung von Erbkrankheiten dienen könnten. Ziel könnte auch eine vermeintliche Optimierung des Menschen sein - mit weitreichenden Konsequenzen auch für das Zusammenleben in der Gesellschaft.

In Deutschland verboten

In Deutschland sind Eingriffe in die Keimbahn des Menschen verboten. Allerdings gibt es Bestrebungen, das zuständige Embryonenschutzgesetz grundsätzlich zu überarbeiten. "Von der ethischen Problematik abgesehen, halte ich es für unmöglich, das Verfahren in seiner derzeitigen Qualität beim Menschen als Gentherapie anzuwenden", hat etwa Hans Schöler, Direktor am Max-Planck-Institut für Biomedizin in Münster, schon im vergangenen Jahr gewarnt. Selbst wenn Crispr bei Tieren erfolgreich sein sollte, bestehe ein Risiko, dass sich beim Menschen Nebenwirkungen zeigten.

Von Christoph Arens (KNA)