Palmstock, palmzweig
Bild: © KNA
Gastbeitrag von Bischof Friedhelm Hofmann zu Palmsonntag

Die hellen und die dunklen Tage

Der Palmsonntag erinnert an den triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem. Dennoch ist dieser Tag am Beginn der Karwoche kein unbeschwerter Feiertag, schreibt der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann in einem Beitrag für katholisch.de.

Von Friedhelm Hofmann |  Würzburg - 20.03.2016

Jedes Jahr beginnen wir die Karwoche mit der Palmprozession. Jedes Jahr ziehen wir dabei im Bistum Würzburg von der Marienkapelle am Marktplatz mit Gesängen und Gebeten zum Kiliansdom. Nur ganz wenige "Zuschauer" am Rand nehmen diesen unseren Prozessionsweg wahr. Die meisten sind aktive Prozessionsteilnehmer: Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Welche Gedanken gehen uns dabei durch den Kopf?

Bei der Statio vor der Prozession wird das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem vorgetragen - ein vertrauter Text. Durch filmische Szenen, die versucht haben, die damalige Stimmung wiederzugeben, sind auch schon unsere Vorstellungen geprägt. Der überschwängliche Empfang Jesu durch die einfachen Leute weicht in dieser Karwoche sehr schnell dem Verrat, der Schmach und der Kreuzigung. Das führt uns die Lukas-Passion deutlich vor Augen.

Jesus geht nicht unvorbereitet in die Katastrophe

Jesus geht nicht unvorbereitet in diese - menschlich gesehen - Katastrophe. Er gibt seinen Jüngern klare Anweisungen. Zwei seiner Jünger schickt er voraus, damit sie für ihn einen jungen Esel als Reittier herbeibringen. Er lässt diesen Einzug bewusst zu einem Triumphzug werden.

Linktipp: Freudiger Empfang und dunkle Vorahnung

Der Palmsonntag trägt den Anfang und das Ende in sich. Beim Einzug in Jerusalem wird Jesus von den Menschen frenetisch gefeiert wie ein König - ein wundertätiger, friedlicher Herrscher, dessen weiteres Schicksal aber schon besiegelt ist...

Schon früher hat er seine Jünger auf diese Woche vorbereitet. Petrus, Jakobus und Johannes, die drei Säulen unter den Aposteln, hatte er auf dem Berg Tabor die göttliche Verklärung erleben lassen, damit sie die Kraft für den bevorstehenden Kreuzweg erlangen konnten. So imposant dieses Erlebnis gewesen sein mag, so wenig nachhaltig war es offensichtlich in dieser Situation. Beim Einzug in Jerusalem breiteten die Jünger noch voller Enthusiasmus ihre Kleider auf dem Boden aus. Voll Freude lobten sie Gott. Aber wie war es dann im Ölberggarten, bei den unterschiedlichen Verhören Jesu und auf dem Kreuzweg? Da hört man nichts Rühmliches mehr. Die Jünger hatten sich aus Angst zurückgezogen.

Wie ist das bei uns? Bei freudigen Ereignissen sind wir gerne mit dabei, genießen die gute und wohltuende Atmosphäre und das allgemeine Wohlbefinden. Aber in traurigen Situationen machen auch wir uns gerne aus dem Staub. Das hängt mit unserer menschlichen Mentalität zusammen und ist ganz verständlich. Dürfen wir uns damit zufrieden geben? Sind wir Christen, denen Christus zwar das Himmelreich versprochen hat - aber nicht auf dieser Erde, nicht während unserer irdischen Lebenszeit - schon wirklich bereit, den oft bitteren Kelch des Heiles zu trinken? Es ist für keinen von uns leicht, Ja zu sagen zu dem, was wir nicht mehr verstehen, was uns Leid und Schmerzen abverlangt.

Ich denke, es gibt keinen unter uns, der nicht schon tiefe Leiderfahrungen gemacht hätte. Mit Recht freuen wir uns, wenn diese Phasen vorüber sind. Mit Recht drängen wir zur Lebensfreude und damit zu dem Licht, das Christus uns verheißen hat und das er selber ist. Ostern steht auch am Ende dieser Karwoche. Das Licht der Auferstehung überstrahlt den bitteren Kelch des Leidens, den Christus - für uns - trinkt, und den zu trinken er auch uns auffordert.

Ostern macht uns überdeutlich, dass wir am Ende unseres Lebens in das große Licht, die Vollendung des Lebens gelangen, schreibt Bischof Friedhelm Hofmann.

Wir brauchen ebenso diese Tabor-Erfahrungen wie die drei Apostel Petrus, Jakobus und Johannes. Das sind manchmal die Momente in unserem Leben, in denen wir menschliche Wärme und Zuneigung erfahren, Momente des Glücks, des Gelingens unserer Bemühungen, Momente der Anerkennung und der Erfolge. Gerade diese Augenblicke oder Zeiten sollten wir bewusst als Geschenke Gottes wahrnehmen und annehmen, damit auch die dunklen, schweren Tage, in denen Gott unseren Glauben herausfordert, von uns bereitwillig angenommen werden können.

Das große Licht am Ende des Lebens

In unserem Würzburger Bischofshaus hat der Renaissance-Künstler Michael Kern am Anfang des 17. Jahrhunderts die Ölbergszene in einem beeindruckenden Relief auf der Altarwand gestaltet. Christus kniet, schwitzt vor Angst Blut und erhält von einem Engel einen Kelch zur Stärkung gereicht. Gott hat ihn in dieser äußerst schwierigen Situation nicht allein gelassen. Er stärkt ihn und steht ihm bei. Aber die drei Säulen - die Apostel Petrus, Jakobus und Johannes - sie schlafen.

Mir ist der Aufblick auf diese Szene eine ständige Mahnung und ein Ansporn, auch die schwierigen Lebensphasen nicht zu verdrängen oder gar zu verschlafen. Ostern macht uns überdeutlich, dass wir am Ende unseres Lebens in das große Licht, die Vollendung des Lebens gelangen. Gott sei es gedankt - für unsere Wachheit, unser Vertrauen in sein Mitgehen und in seine Heilstat durch den Kreuzweg Jesu.

Der Autor

Friedhelm Hofmann (*1942) ist seit 2004 Bischof von Würzburg.

Von Friedhelm Hofmann