Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück sieht mögliche Wiederaufnahme kritisch

Theologe: Öffnung zu Piusbrüdern wäre "trojanisches Pferd"

Aktualisiert am 23.05.2016  –  Lesedauer: 
Traditionalisten

Zürich  ‐ Der Papst will auf die traditionalistische Piusbruderschaft zugehen. Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück sieht das kritisch. Zuerst müssten die offenen theologischen Streitpunkte geklärt werden.

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Die Piusbruderschaft stehe für Antimodernismus, Antijudaismus und Intoleranz gegenüber anderen Religionen. Es bestehe die Gefahr, unter dem Leitbegriff der Barmherzigkeit die katholische Weite zu überdehnen. Bei den Piusbrüdern gehe es nicht um Fragen der seelsorglichen Praxis, denen man milde begegnen könne, sondern um den Geltungsanspruch theologischer Grundpositionen. Es wäre "fatal", wenn Papst Franziskus die Piusbruderschaft "mit offenen Armen empfinge, ohne ihnen zuvor eine Korrektur ihrer problematischen Lehren abzuverlangen".

Bei den Streitpunkten handle es sich "mitnichten um vernachlässigbare Bagatellen", betonte Tück unter Verweis auf die ablehnende Haltung der Piusbrüder zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). "Die Anerkennung der Religions- und Gewissensfreiheit, in der man den Lackmustest für den Anschluss der Kirche an das moderne Menschenrechtsethos sehen kann, wird von der Piusbruderschaft ebenso verworfen wie der freiheitlich säkulare Staat".

Vorschlag abgestufter Verbindlichkeit "kirchenpolitisch fragwürdig"

Der vom zuständigen vatikanischen Sekretär der Kommission "Ecclesia Dei", Erzbischof Guido Pozzo, unterbreitete Vorschlag, bei den Konzilsdokumenten von einer "abgestuften Verbindlichkeit" auszugehen, trage nicht. Dies sei "kirchenpolitisch fragwürdig" und relativiere die gesamte "Theologie des Konzils", so Tück. Die Lösung des Konflikts könne nur in einer "theologischen Selbstkorrektur der Piusbruderschaft" bestehen.

Tück bemängelte darüber hinaus ausbleibende Kritik. Die "Frühwarnsysteme der akademischen Theologie" hätten bislang versagt. Während die Verhandlungen Benedikts XVI. mit den Piusbrüdern mit Argus-Augen verfolgt worden seien, könne man bei Franziskus von einem "Ausfall der Kritik" sprechen.

Der Papst hatte sich jüngst zur Fortsetzung des Dialogs mit der Piusbruderschaft geäußert. Ihr Oberer Bernard Fellay sei ein "Mann, mit dem man reden kann", sagte er der französischen Tageszeitung "La Croix". Man komme in dem Dialog "langsam und mit Geduld voran". Für "andere Elemente wie Monsignore Williamson und andere, die sich radikalisiert haben", gelte das jedoch nicht. Zugleich betonte er, dass die Voraussetzung für die volle Gemeinschaft der von Rom abtrünnigen Bruderschaft mit der römisch-katholischen Kirche die Anerkennung des Konzils sei. (KNA)