Deutsche Bischöfe predigten zu Fronleichnam

"Hören wir Gottes Schrei?"

Aktualisiert am 26.05.2016  –  Lesedauer: 
Kirchenjahr

Bonn ‐ An Fronleichnam haben die deutschen Bischöfe zu Selbstkritik und zugleich zu neuer Freude am Glauben aufgerufen. An die Flüchtlingskrise erinnerte eine außergewöhnlicher Altar vor dem Kölner Dom.

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Wer Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt, lässt Gott ertrinken - jeden Tag, tausendfach", sagte Woelki in seiner Predigt. "Wer Menschen in Lagern zu Tode quält, quält Gott zu Tode - tausend und abertausendfach." Der Altar sei immer ein Symbol für Christus, so der Erzbischof. "Er ist mitten in diesem Boot, das Menschen, junge und alte, Frauen und Kinder, über das Mittelmeer schleuste". Er sei in allen Flüchtlingen anzutreffen, in allen Traumatisierten, Verzweifelten und Verschleppten. "Ihr Schrei nach Gerechtigkeit, ihr Schrei nach Würde und Frieden ist Gottes Schrei - hören wir ihn?" Man könne nicht Fronleichnam feiern, ohne alles zu tun, "um gegen die Ungerechtigkeit und das Elend dieser Welt" anzukämpfen.

Immer am zweiten Donnerstag nach Pfingsten feiert die katholische Kirche das Hochfest Fronleichnam. Dabei bekundet sie ihren Glauben daran, dass Christus in der geweihten Hostie gegenwärtig ist. Diese wird bei der Fronleichnamsprozession in einem Schaugefäß, einer Monstranz, mitgeführt. Woelki rief dazu auf, über die Erhabenheit der goldenen Monstranz nicht die Augen davor zu verschließen, worum es an Fronleichnam eigentlich gehe. In der Gestalt des Brotes werde der gekreuzigte Jesus durch die Straße getragen, der in den bedürftigen Menschen gegenwärtig sei.

Kardinal Marx ruft Katholiken zu Selbstkritik auf

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, rief die Katholiken in seiner Fronleichnamspredigt zur Selbstkritik auf. Wenn es um den Missbrauch der Religion gehe, sollten sie nicht nur auf den Islam schauen, sondern auch auf sich selber, sagte er vor rund 5.000 Gläubigen bei der Festmesse auf dem Münchner Marienplatz. Auch Christen hätten Gott für wirtschaftliche und politische Interessen missbraucht, das habe viele Menschen das Leben gekostet.

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Wer Fronleichnam nicht kennt, könnte sich wundern, dass eine Schar von Gläubigen singend und betend an seinem Haus vorbeizieht - mit dem Leib Christi vorneweg. Die Kirche gedenkt der Einsetzung des sogenannten Altarsakraments.

Der Münchner Erzbischof rief in Erinnerung, dass der Kult im Zentrum des christlichen Glaubens stehe. Dies bedeute, dass das Handeln Gottes allem menschlichen Handeln vorausgehe. "Wir können Glaube und Religion nicht machen, sondern uns nur öffnen für die Initiative Gottes, die er durch Jesus von Nazareth in diese Welt hineingebracht hat", sagte Marx. Dessen barmherziges Antlitz gelte es in die Gesellschaft hineinzutragen, ohne Gegenleistungen zu erwarten.

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker bezeichnete die Fronleichnamsprozession als öffentliche Proklamation des Glaubens. In der Gewissheit der Nähe des Herrn könne man "im Auf und Ab der Alltagserfahrungen stets neu 'Ja' zum Leben sagen". Laut Becker wollte Jesus über seinen gewaltsamen Tod hinaus bei den Menschen sein, "um den tiefen Hunger der Menschheit zu sättigen". Seitdem hätten Christen die Gewissheit: "Hier ist Einer, der mit uns fühlt und uns versteht".

Eucharistiefeier als Gradmesser für die Teilnahme am kirchlichen Leben

In Fulda feierte Bischof Heinz Josef Algermissen mit rund 2.500 Menschen Fronleichnam. Er bezeichnete den Besuch der sonntäglichen Eucharistiefeier als "feinen Gradmesser für die Teilnahme am kirchlichen Leben". Der Rückgang der Besucherzahlen in der Sonntagsmesse treffe die Kirche in ihrem Wesenskern mehr, als einem das heute klar sei. Die eigene Beziehung zu Gott müsse sichtbaren Ausdruck und eine "geradezu politische Öffentlichkeit" finden, forderte Algermissen.

Der Leib des Herrn ausgestellt in einer Monstranz.
Bild: ©picture alliance / dpa / Pascal Deloche / Godong

Der Leib des Herrn ausgestellt in einer Monstranz.

Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, erinnerte in seiner Predigt an die Hungersnöte in vielen Ländern Afrikas ebenso wie an die Hungertoten in der eingekesselten syrischen Stadt Aleppo. Er bezeichnete den Hunger in der Welt als "allpräsenten, täglichen Skandal".  Das Recht auf Nahrung sei ein unveräußerliches Menschenrecht, sagte Fürst. Gleichzeitig gehöre zu einem Sattsein mehr, als keinen Mangel an Nahrung zu haben: Jesus Christus wolle nicht nur den Hunger nach Brot stillen, "sondern auch den Hunger nach Sinn und Hinwendung, nach Liebe und Heil – den Hunger nach Gott".

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sagte, in jeder Messe müsse bei den Mitfeiernden der Wunsch vorhanden sein, so Mensch zu werden wie Jesus Christus. Dann könnten durch die Eucharistie gütige Menschen geformt werden. Der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa erklärte, der Empfang der heiligen Kommunion sei nicht nur Stärkung auf dem Lebensweg der Gläubigen, die empfangene Liebe Gottes gelte es weiterzugeben "bis hin zu unseren ärmsten Brüdern und Schwestern". (luk/dpa/KNA)