"Katholikin, aber nicht praktizierend"
Roms neue Bürgermeisterin muss sich mit dem Vatikan arrangieren

"Katholikin, aber nicht praktizierend"

Kommt es bald zum Showdown zwischen dem Papst und Roms neuer Bürgermeisterin Virginia Raggi? Die 37-jährige Juristin könnte das bislang freundliche Einvernehmen des Kapitols zum Heiligen Stuhl kippen.

Von Johannes Schidelko |  Rom - 22.06.2016

Und tatsächlich hatte die 37-jährige Juristin im Wahlkampf eine Besteuerung vatikanischer Immobilien als ein mögliches Ziel genannt, um der chronisch klammen Kommune zwischen 250 und 400 Millionen Euro zuzuführen. Allerdings stehen die Zeichen derzeit keinesfalls auf Sturm. Man wünsche Frau Raggi, die sich am Sonntag mit großer Mehrheit gegen ihren Kontrahenten Roberto Giachetti von der linksliberalen PD durchgesetzt hatte, "gute Arbeit" und "jeden Erfolg", lauteten die Kommentare aus dem Vatikan.

Der Vatikan und die Fünf-Sterne-Bewegung

Auch mancher Kurienprälat soll dem "Movimento 5 Stelle", der vom Komiker Beppo Grillo gegründeten Protestgruppe, seine Stimme gegeben haben, meldete die Zeitung "La Stampa". Immerhin habe M5S bei der jüngsten Abstimmung über das Gesetz zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ihren Abgeordneten ausdrücklich Gewissensfreiheit gelassen. Hinzu kommt: Zuletzt war das Verhältnis des Vatikan zu Roms bisherigem Bürgermeister Ignazio Marino von der PD  alles andere als glücklich.

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Rom hat viele Probleme: Stau, Smog und Korruption. Und die vielen Pilger zum "Heiligen Jahr" machen alles noch schlimmer. Jetzt wird ein Bürgermeister gesucht - aber Lust auf den Job hat niemand.

Im übrigen aber ist in der Regel der italienische Staat der Gesprächspartner des Vatikan - und nicht die Stadtverwaltung Roms. Und auch die Absprachen zum Heiligen Jahr führte ein von der Regierung Matteo Renzi eingesetzter Präfekt. Wichtiger Gesprächspartner der Bürgermeisterin wird unterdessen Roms Kardinalvikar Agostino Vallini sein. Und in dessen Haus am Lateran verweist man auf das jugendliche Alter und die geringe Verwaltungserfahrung der neuen Bürgermeisterin.

Jahrhunderte Jahre lang waren die Päpste selbst politisches Oberhaupt von Rom und dem umliegenden Gebiet - von den Untertanen oft geliebt, aber auch gehasst. Mit dem Ende des Kirchenstaates 1870 endete die weltliche Macht der Päpste. Es begann eine 59-jährige "Eiszeit" mit dem jungen italienischen Staat. Erst die Lateran-Verträge von 1929 sorgten für eine rechtliche Klärung und Einigung. Seither achten beide Seiten auf Eigenständigkeit und Unabhängigkeit.

Dabei hatten es die Päpste mit sehr unterschiedlichen Gesprächspartnern zu tun. In den 1950er- und 1960er-Jahren waren alle ersten Männer Roms Christdemokraten. In den folgenden Jahrzehnten folgten dann nacheinander vier Kommunisten. Fast freundschaftlich war der Kontakt von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) zum Grünen Francesco Rutelli, den er 1998 sogar im Kapitol besuchte, um die Stadt auf das Heilige Jahr 2000 einzustimmen. Schon Paul VI. (1963-1978) hatte 1966 den römischen Amtssitz aufgesucht, um der Stadt für die Unterstützung in den Konzilsjahren zu danken.

Bild: © KNA

Papst Johannes Paul II. wurde im Jahr 2000 vom damaligen Bürgermeister Walter Veltroni zum "Civis Romanus" - zum römischen Bürger - gewählt.

Nach dem Anno Santo 2000 verlieh der Ex-kommunistische Bürgermeister Walter Veltroni dem Papst die Ernennungsurkunde zum "Civis Romanus", zum römischen Bürger. Was den polnischen Papst zu der scherzhaften Antwort veranlasste, dass der Völkerapostel Paulus schon mit der Geburt das römische Bürgerrecht bessesen habe, er selbst jedoch 24 Jahre dafür habe arbeiten müssen. Entspannt war dann auch der Kontakt unter Gianni Alemanno von der rechten Alleanza Nazionale. Dagegen stimmte die Chemie zwischen Papst Franziskus und dessen Nachfolger Marino von Anfang an nicht. Recht unwirsch reagierte der Pontifex öffentlich auf dessen Versuch, ihn familienpolitisch vereinnahmen zu wollen.

Wie geht es weiter mit der vatikanischen Steuerschuld?

Wie sich der Kontakt zwischen dem Vatikan und Frau Raggi entwickelt, wird sich zeigen. Vermutlich wird die neue Bürgermeisterin, die sich selbst als "Katholikin, aber nicht praktizierend" bezeichnet, wie ihre Vorgänger bald um eine Audienz beim Papst nachfragen. Es wird zu einer freundlichen Begegnung kommen. Davon werden Fotos mit strahlenden Gesichtern veröffentlicht, mit denen sich bei katholischen Bürgern werben lässt. Was die angebliche vatikanische Steuerschuld betrifft, wird sich die neue Bürgermeisterin demnächst einen Überblick über das komplizierten Geflecht kirchlicher Immobilien in Rom machen. Denn da gibt es neben Gebäuden von Ordensgemeinschaften - auf die sie möglicherweise anspielte - auch Gotteshäuser, Pfarreien und exterritorialen Vatikanbesitz, die sie kaum gemeint haben dürfte.

Von Johannes Schidelko