Clemens August Graf von Galen, Kardinal und Bischof von Münster, hat sich in der Zeit des Nationalsozialismus für Menschenrechte und gegen die Nazis engagiert.
Bild: © KNA
Vor 75 Jahren bremsten von Galens Predigten die Euthanasie

Niemand war mehr sicher

Vor 75 Jahren hielt Clemens August von Galen seine berühmten Predigten gegen die totalitäre Herrschaft der Nazis. Doch trotz seines Muts blieb der Bischof von Münster eine umsrittene Persönlichkeit.

Von Christoph Arens (KNA) |  Münster - 13.07.2016

Der Anlass für die Wut des "Führers": vor allem des Bischofs Predigten gegen Euthanasie und Nazi-Terror im Sommer 1941, vor 75 Jahren. Sie wurden unter der Hand in ganz Deutschland und an allen Fronten verbreitet. Auch die Widerstandsgruppe "Weiße Rose" berief sich auf sie. Als einer von wenigen Bischöfe rang sich der "Löwe von Münster" zu öffentlichem Protest durch.

Galen: NS-Ideologie rassistisch und pseudo-germanisch

Schon zu Beginn der NS-Herrschaft hatte Galen, bei dessen Bischofsweihe 1933 erstmals Braunhemden in den Dom einmarschiert waren, deutliche Worte gefunden: 1934 brandmarkte der hoch gewachsene Geistliche die rassistischen und an eine pseudo-germanische Religion anknüpfenden Vorstellungen des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg. In der Folgezeit protestierte er immer wieder gegen die totalitäre Herrschaft der Nazis.

Prangerte die Euthanasie an: Münsters Bischof von Galen.
Bild: © KNA

War trotz seines Engagements gegen Euthanasie nicht unumstritten: Münsters Bischof von Galen.

Am deutlichsten wird das in drei Predigten vom Juli und August 1941: Weil Ordensniederlassungen von der Gestapo einfach aufgelöst und die Mönche und Nonnen aus ihrer Heimatprovinz ausgewiesen worden waren, kritisierte er am 13. und 20. Juli mit scharfen Worten die Rechtlosigkeit in Deutschland. "Der physischen Übermacht der Geheimen Staatspolizei steht jeder deutsche Staatsbürger völlig schutzlos und wehrlos gegenüber", rief er am 13. Juli von der Kanzel der Münsteraner Lambertikirche, seiner früheren Gemeinde. Keiner sei mehr sicher, "dass er nicht eines Tages aus seiner Wohnung geholt, seiner Freiheit beraubt, in den Kellern und Konzentrationslagern der Geheimen Staatspolizei eingesperrt wird".

Eine Woche später fand der Bischof in Münsters Überwasserkirche ähnliche Worte: Die Rechtlosigkeit und der Terror der Gestapo zerstörten die Volksgemeinschaft, donnerte er von der Kanzel. Da Christen aber keine Revolution machten, gebe es nur ein Kampfmittel: starkes, zähes, hartes Durchhalten. "Wir sind Amboß und nicht Hammer", so die bildreiche Predigt, die lauten Beifall und ekstatische Zustimmung auslöste. "Wenn er hinreichend zäh, fest, hart ist, dann hält meistens der Amboß länger als der Hammer."

"Wehe und allen, wenn wir alt und schwach sind"

Am 3. August 1941 prangerte der Bischof auch den organisierten Mord an Altersschwachen und Geisteskranken an. "Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den 'unproduktiven' Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden." Mutige Worte, mit denen von Galen dafür sorgte, dass die Nazis das Euthanasie-Programm zumindest stark einschränkten: Zwischen Januar 1940 und August 1941 waren der von Hitler persönlich angeordneten "Erwachseneneuthanasie" mindestens 70.000 Insassen von Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer gefallen.

Nach den Predigten des Bischofs wurde die sogenannte Aktion T4 zunächst abgebrochen. Der Luftkrieg ab 1943 und der dadurch wachsende Bedarf an Krankenhäusern lieferte dann erneut den Vorwand, um die Mordaktion wieder aufzunehmen. Nach Schätzungen wurden nach August 1941 nochmals 30.000 Behinderte ermordet.

Wir sind Amboß und nicht Hammer. Wenn er hinreichend zäh, fest, hart ist, dann hält meistens der Amboß länger als der Hammer.

Zitat: Clemens August Graf von Galen

Von Galens Standhaftigkeit wurde weltweit anerkannt. Am 21. Februar 1946 erhob Papst Pius XII. den Münsteraner Bischof in Rom zum Kardinal. Einen Monat nach seiner triumphalen Rückkehr starb von Galen am 22. März 1946. 2005 wurde er seliggesprochen.

Vom Obrigkeitsfanatiker zum Widerständler

Dabei ist Galens Persönlichkeit nicht unumstritten. Historiker werfen ihm die moralische Unterstützung des Krieges gegen die Sowjetunion sowie nationalistische und moralische Ansichten vor, die in Teilbereichen durchaus mit denen der Nazis übereingestimmt hätten. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf bezieht eine vermittelnde Position. Er beschreibt von Galen folgendermaßen: "Ein Obrigkeitsfanatiker, der jede staatliche Gewalt als von Gott kommend verstand, wird zum Widerständler gegen einen Staat, den er als Unrechtsregime erkennt und gegen dessen Morde an unschuldigen Menschen er öffentlich protestiert."

Von Christoph Arens (KNA)