Die Einfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.
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Auschwitz-Überlebende wenden sich an Teilnehmer des Weltjugendtags

"Liebt und schützt Eure Welt"

Damit das Grauen nicht vergessen wird: Das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau steht auf dem Besuchsprogramm vieler Teilnehmer des Weltjugendtags. Für die Überlebenden ist das ein gutes Zeichen.

Berlin - 19.07.2016

Liebe Freunde!

Als junge Menschen seid Ihr aus der ganzen Welt nach Krakau gekommen, um gemeinsam mit Papst Franziskus den Weltjugendtag der katholischen Kirche zu feiern.

Wir sind dankbar, dass so viele von Euch in diesen Tagen auch die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besuchen wollen. Ihr werdet einen der traurigsten Orte der Welt sehen: Den Ort, der wie kaum ein anderer zum Symbol für den Mord an den jüdischen Familien Europas, an den Sinti und Roma, den Polen, Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion und zahlreichen politischen Gefangenen aus vielen Ländern Europas geworden ist. Ein Tatort, ein Friedhof, eine Gedenkstätte.

Viele der Opfer waren damals so alt, wie Ihr heute seid. Auch wir als Häftlinge waren junge Menschen in Eurem Alter. Wir liebten das Leben und unsere Familien. Aus Auschwitz und den Feldern der Asche, die Ihr besuchen werdet, sind die allermeisten von uns alleine zurückgekehrt. Wir hatten überlebt und wir überleben bis heute - unsere Erinnerungen an den Hass, die Verfolgung und dann das Grauen von Auschwitz prägen unser Leben bis zum heutigen Tag.

Und dennoch sind wir nicht im Hass auf die Mörder erstarrt, hat uns die Verzweiflung und Bitterkeit nicht stumm werden lassen. Viele von uns Überlebenden haben in den vergangenen Jahrzehnten auf der ganzen Welt über ihre Erinnerungen berichtet: Wir haben Bücher geschrieben, Filme gedreht und immer wieder das Gespräch mit jungen Menschen, mit Euch gesucht. Deshalb ist Euer Besuch in Auschwitz für uns besonders wichtig: Wir wollen nicht, dass dieser Ort des Grauens in die Stille fällt.

Wir hoffen, dass Ihr unsere Erinnerungen bewahrt, dass Euch gerade hier in Auschwitz deutlich wird, wie bedroht und zerbrechlich die Welt ist: Auch in diesen Tagen durchzieht viele Länder die Abneigung gegen Fremde, rechtsextreme und fundamentalistische Gewalt vermehren sich, der antisemitische Hass ist immer noch nicht erloschen. Menschen verachten die Demokratie, hetzen gegen Flüchtlinge und schreien nach den giftigen Antworten alter Zeiten.

Und deshalb bitten wir Euch heute: Liebt und schützt Eure Welt, seid besorgt um Eure Familien und Eure Mitmenschen! Empört Euch über das Unrecht und die Gleichgültigkeit derer, die das Unrecht geschehen lassen. Die Welt ist in Eure Hände gelegt, so wie unsere Erinnerungen. Schützt die Toleranz und die Demokratie, habt Freude am Leben: Das ist das Ergebnis unserer Erfahrungen und das wollen wir Euch mitgeben - bei Eurem Besuch in Auschwitz und für Euer zukünftiges Leben.

Wir danken für Euren Besuch.

Linktipp: Bischof: Papst will in Auschwitz beten und schweigen

Papst Franziskus will bei seinem Besuch im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz keine Ansprache halten - anders als seine Vorgänger Benedikt XVI. und Johannes Paul II.