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"Keine Abstriche von der kirchlichen Lehre"

Er ist der oberste Glaubenswächter der römisch-katholischen Kirche: Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Im Interview mit katholisch.de spricht der Präfekt der Glaubenskongregation über einige "heiße Eisen" innerhalb der Kirche.

Kurie | Vatikanstadt - 03.08.2015

Er ist der oberste Glaubenswächter der römisch-katholischen Kirche: Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Im Interview mit katholisch.de spricht der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre zu Beginn der vatikanischen Sommerpause über einige "heiße Eisen" innerhalb der Kirche. Unter anderem äußert sich Müller zur bevorstehenden Familiensynode, zu den Piusbrüdern sowie zum bosnischen Wallfahrtsort Medjugorje.

Frage: Herr Kardinal, der Vatikan geht in diesen Tagen in die Sommerpause - eine letzte Pause vor einem ereignisreichen Herbst mit der Bischofssynode zur Familie als Höhepunkt. Was erwarten Sie von dem Treffen?

Müller: Die Fragen im Zusammenhang mit Ehe und Familie haben in unserer Zeit eine ganz neue Aktualität erhalten. Wir müssen den Menschen, auch den Katholiken, helfen, neu zu verstehen, welchen Sinn es hat, eine Ehe einzugehen und sich so, auch öffentlich, an einen Menschen zu binden. Ehevorbereitung und Ehebegleitung bedürfen einer Erneuerung und Vertiefung. Die Kirche muss sich neu der Familie zuwenden, und die Familie muss sich neu für die Kirche öffnen. Schließlich gibt es die bekannten Fragen des pastoralen Umgangs mit Menschen in schwierigen Situationen: Hier steht die Synode vor der Herausforderung, pastorale Wege einer stärkeren Integration in die Gemeinschaft zu finden, ohne Abstriche vom Wort Jesu und der darauf aufbauenden kirchlichen Lehre zu machen. Für die Zukunft der Kirche und der Gesellschaft ist die Familie von unersetzlicher Bedeutung.

Frage: Sie gelten als guter Kenner der Kirche in Lateinamerika. Was sagen Sie zur jüngsten Reise des Heiligen Vaters nach Südamerika?

Müller: Diese Reise zeigt, dass sich die Kirche für eine authentische Befreiungstheologie einsetzen muss. Seit vielen Jahren arbeite ich - im Einklang mit der Instruktion der Glaubenskongregation über die christliche Freiheit und die Befreiung - für eine solche Theologie, die nicht ideologisch ausgerichtet ist, sondern das Wohl der Menschen und der Gesellschaft vor Augen hat. Das Büchlein, das ich vor kurzem mit Gustavo Gutierrez herausgegeben habe und zu dem Papst Franziskus ein Vorwort geschrieben hat, ist ein Zeichen dafür. Der Heilige Vater kennt die Chancen und Herausforderungen Lateinamerikas wie kein anderer. Es ist ein Zeichen der Vorsehung, dass er auf den Stuhl Petri gewählt wurde, denn die Mehrheit der Katholiken lebt mittlerweile in Mittel- und Südamerika. Papst Franziskus hat die Gläubigen auf seiner Reise vom Evangelium her gestärkt und ermutigt und die Völker dort zu einem friedlichen und gerechteren Miteinander aufgerufen. Das ist ein Gebot der Stunde.

Frage: Zuletzt hat Ihre Äußerung für Diskussionen gesorgt, Ihre Behörde habe die Aufgabe, das Pontifikat von Franziskus theologisch zu strukturieren. Wie soll dieses Strukturieren aussehen?

Müller: Mein Anliegen bestand darin, auf die spezifische Aufgabe der Kongregation für die Glaubenslehre hinzuweisen: Sie hat die Glaubens- und Sittenlehre in der ganzen katholischen Kirche im Auftrag des Papstes zu fördern und zu schützen. Konkret hilft die Glaubenskongregation dem Nachfolger Petri bei der Vorbereitung wichtiger Dokumente, denken wir etwa an die beiden großen Enzykliken "Lumen fidei" und "Laudato si". Manchmal veröffentlicht sie im Auftrag des Papstes eigene Dokumente zu neueren Fragen. Zugleich greift sie wesentliche Anliegen des Papstes auf, um sie theologisch zu vertiefen. Dabei helfen auch die Päpstliche Bibelkommission, die gerade ein Dokument über anthropologische Grundfragen vorbereitet, und die Internationale Theologische Kommission, die im Vorjahr einen hilfreichen Text über den "Sensus fidei", den Glaubenssinn, veröffentlicht hat und zur Zeit Dokumente zu den wichtigen Themen der Religionsfreiheit, des Zusammenhangs von Glaube und Sakramenten sowie der Synodalität der Kirche erarbeitet. Persönlich ist mir die Treue zum Papst mein Leben lang ein Herzensanliegen gewesen.

Frage: Papst Franziskus hat vor Kurzem die Enzyklika "Laudato si" vorgelegt. Was ist Ihrer Ansicht nach das Hauptanliegen des Dokumentes?

Müller: Es handelt sich um ein richtunggebendes Rundschreiben, das die Tradition der Sozialenzykliken weiterführt. Ich bin dem Heiligen Vater sehr dankbar für die Enzyklika. Mir scheint, dass es Papst Franziskus vor allem darum geht, die Augen aller Menschen guten Willens für die Problematik der Umwelt- und der Humanökologie zu öffnen und den Dialog untereinander auf allen Ebenen zu fördern. Denn nur miteinander können wir diese Probleme einer Lösung zuführen und die Verantwortung aller für das Gemeinwohl stärken. In diesem Sinn hat das Dokument eine sehr starke sozialethische Komponente.

Mitglieder der traditionalistischen Piusbruderschaft bei einem Gottesdienst.
Zur Frage des künftigen Umgangs mit den Piusbrüdern gibt es laut Kardinal Müller "keine substantiellen Neuigkeiten".
 KNA

Frage: Auffallend still ist es in jüngster Zeit um die Piusbrüder geworden. Sind die Einigungsbemühungen ausgesetzt oder verschoben?

Müller: In dieser Frage gibt es keine substantiellen Neuigkeiten. Der Heilige Vater möchte, dass wir am Ball bleiben: "con tenacia e pazienza" - "mit Entschiedenheit und Geduld". Die Voraussetzung für eine volle Versöhnung ist die Unterzeichnung einer lehrmäßigen Präambel, um die volle Übereinstimmung in den wesentlichen Glaubensfragen zu garantieren. In den vergangenen Monaten gab es Begegnungen verschiedener Art, die das gegenseitige Vertrauen stärken sollten.

Frage: Der Papst hat eine baldige Entscheidung zum bosnischen Wallfahrtsort Medjugorje in Aussicht gestellt, der durch angebliche Marienerscheinungen seit Jahrzehnen von sich reden macht. Jetzt ist Ihre Behörde am Zuge. Wie geht es weiter?

Müller: Bekanntlich hat eine von der Glaubenskongregation errichtete und von Kardinal Camillo Ruini geleitete Kommission in den vergangenen Jahren die ganze Frage gründlich untersucht. Diese Dokumentation und das Material, das die Kongregation gesammelt hat, muss im Herbst von der Ordentlichen Versammlung der Glaubenskongregation behandelt werden. Die Stellungnahme der Kongregation wird dann dem Heiligen Vater zur weiteren Entscheidung vorgelegt.

Frage: In den vergangenen Jahren gab es Spannungen zwischen den US-Ordensfrauen und der Glaubenskongregation. Ist dieser Konflikt überwunden?

Müller: Ja, die viele Jahre andauernden Schwierigkeiten mit der Dachorganisation des Großteils der Ordensfrauen in den USA, Leadership Conference of Women Religious, konnten gottlob im Wesentlichen gelöst werden. Ein langer und geduldiger Dialogprozess, die Mitarbeit kompetenter US-Bischöfe sowie die Bereitschaft der Dachorganisation, die eigenen Statuten zu überarbeiten und die kirchliche Grundausrichtung zu bekräftigen, haben zu diesem positiven Ergebnis geführt.

Frage: Benedikt XVI. hat für konvertierte Gruppen aus der Anglikanischen Gemeinschaft eine Konstitution "Anglicanorum coetibus" verfasst und die Errichtung von Personalordinariaten ermöglicht. Wie steht es darum?

Müller: Bisher gibt es drei Personalordinariate für Gruppen von konvertierten Anglikanern: eines in England und Wales, ein zweites in den USA und ein drittes in Australien. Zahlenmäßig handelt es sich dabei um kleinere Gruppen, insgesamt rund 200 Geistliche mit ihren Gemeinden. Wegweisend scheint mir die Grundidee von "Anglicanorum coetibus": volle Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri unter Wahrung der Eigentraditionen. Diese Lösung beinhaltet ein großes Potential für die ökumenische Bewegung. Zur Zeit sind wir dabei, im Einvernehmen mit der Gottesdienstkongregation eigene Rituale und ein eigenes Messbuch für die Ordinariate zu erstellen, die ihre Identität und ihr Proprium stärken werden.

Zur Person

Kardinal Gerhard Ludwig Müller (*1947) ist seit Juli 2012 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre. Zuvor war er von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg.

Von Johannes Schidelko

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