Gustavo Gutierrez
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Der Befreiungtheologe Gustavo Gutierrez spricht im Vatikan

"Aus dem Herzen der Kirche"

Gustavo Gutierrez, Vater der Befreiungstheologie, beeinflusste die Theologie des 20. Jahrhunderts maßgeblich mit. Nun spricht er erstmals im Vatikan.

Von Christoph Strack (KNA) |  Bonn/Rom - 11.05.2015

Gemeinsam mit Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga stellt der peruanische Priester und Theologe die 20. Generalversammlung von Caritas Internationalis vor.

Der gebürtige Peruaner, der zu den wichtigsten Theologen weltweit zählt, studierte in Belgien und Frankreich, veränderte von Lima aus die Welt. Überall hat er Verehrer, gelegentlich auch Kritiker, bekommt Ehrendoktortitel rund um den Globus. Und doch kehrt er häufig heim in die Armenviertel. Dort ist Gutierrez zu Hause. Seine Stärke ist nicht eine weltweite Vernetzung der Theologie, sondern ihre Verortung in den Menschen der Slums Lateinamerikas.

Wenn in 50 Jahren gefragt wird, wer die katholische Theologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusste, wird auch der Name des kleingewachsenen Peruaners fallen: Gustavo Gutierrez, Vater der Theologie der Befreiung. Denn er nimmt sich die krasse Not des Volkes zu Herzen.

Namensgeber der Befreiungstheologie

Andere Namen wie die der Gebrüder Boff sind populärer. Doch auch ihre Werke basieren auf dem systematischen Entwurf jenes Vordenkers, der die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung Lateinamerikas früh auch theologisch ernst nimmt. 1971 erschien Gutierrez' Buch "Theologie der Befreiung", das der gesamten Bewegung den Namen gab. Es formuliert den Vorrang des konkreten praktischen Lebens vor der theologischen Reflexion, sieht Arme und Unterdrückte als erste Adressaten des Evangeliums.

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Der Befreiungstheologe Gustavo Gutierrez und der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller sind langjährige Freunde. Hier besucht der damalige Regensburger Bischof im Jahr 2011 Gutierrez in Peru.

Zur Verkündigung der befreienden Botschaft gehört für den Kleine-Leute-Priester auch das Engagement gegen die Siegergeschichte, die sich an Geld und Macht orientiert. Allerdings war es zu seinen aktivsten Zeiten noch als klassenkämpferisch verschrien, die Finanzmärkte wegen ihrer Auswüchse als "Monster" zu titulieren.

Gutierrez' Ansatz ist es, die Lage der Armen und Ausgegrenzten ebenso wie die pastorale Praxis der Kirche "realitäts- und evangeliumsgemäß zu reflektieren". In den 50er und 60er Jahren wuchs die krasse Verarmung weiter Teile der Bevölkerung. "Wie den Armen sagen 'Gott liebt Euch'? Das ist für unsere heutige Welt die bedeutendste Frage. Unmöglich, sie zu beantworten. Aber zur Antwort gehört, mit den Armen zu leben, einer von ihnen zu werden", betonte er.

Sich selbst revidiert und korrigiert

Für den Peruaner kommt Theologie, so gesellschaftskritisch sie sein mag, stets "aus dem Herzen der Kirche". Und ist zugleich immer "Antwort auf gesellschaftliche Wirklichkeit". Gutierrez steht zu Zweifeln. Er hatte die Größe, knapp 20 Jahre nach dem ersten Erscheinen seiner "Theologie der Befreiung" eine neue, in Teilen "revidierte und korrigierte" Version dieses Stücks theologischer Weltliteratur zu veröffentlichen. Bezeichnend, dass die römische Glaubenskongregation das Werk des Theologen lange Zeit kritisch, aber ergebnislos beäugte. Stattdessen erhielt er theologische Ehrendoktoren zuhauf, rund zwei Dutzend weltweit.

Der persönliche Lebensweg von Gutierrez, schon früh Mitglied im franziskanischen Dritten Orden, war nicht untypisch für seine Arbeit. Zunächst studierte er Medizin, dann in Löwen und Lyon Psychologie, Philosophie - und Theologie. Der Entschluss zum Priestertum reifte allmählich. Erst seit 1999 ist er Dominikaner; der Orden bot ihm auch eine weltweite Heimat und im Zweifelsfall Schutz gegen Vorgaben aus dem Heimatbistum.

Eines unterscheidet den bescheidenen älteren Herrn mit dem markanten, oft lächelnden Gesicht von den meisten europäischen Theologen: Seine wissenschaftliche Arbeit geht immer mit der Nähe zur sogenannten Basis einher. So sehr Gutierrez forscht, so gern ist er bei den Menschen in den Slum-Vierteln. Das System der "Basisgemeinde" stammt als Idee von Gutierrez und lebt heute in Lateinamerika zigtausendfach. So lebt er viel lebendiger als viele andere.

Von Christoph Strack (KNA)