Kardinal Walter Brandmüller liest ein Buch
Kurienkardinal über Kirchenkrise und Sexualmoral

Brandmüller: Kirche in Deutschland schwindet geistlich dahin

Was sind die Gründe für die derzeitige Kirchenkrise? Kardinal Walter Brandmüller hat hierzu eine ganz bestimmte Meinung – und geißelt insbesondere die Kirche Deutschlands und Westeuropas. Dabei spricht er nicht nur über Benedikt XVI., sondern auch über Oswalt Kolle und Beate Uhse.

Bonn/Vatikanstadt - 09.01.2019

Der deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller hat die Kirche Westeuropas und namentlich Deutschlands für eine Anpassung an den Zeitgeist kritisiert. Es sei "offenkundig, dass – zumindest im westlichen Mitteleuropa – kirchliche Stellungnahmen mehr oder weniger auf der Linie des gesellschaftlichen Mainstreams liegen", sagte der Kardinal dem Internetportal "Catholic News Agency" (Dienstag). Rein weltliche Gesichtspunkte würden nicht selten Reden und Handeln kirchlicher Autoritäten bestimmen, so Brandmüller. Dabei gelte es vielmehr Benedikt XVI. zu folgen, der in seiner Freiburger Rede 2011 von der notwendigen Entweltlichung der Kirche gesprochen habe.

"Mittlerweile wurden selbst von einigen Bischöfen namentlich auf dem Gebiet der Moral Auffassungen vertreten, die der Heiligen Schrift diametral widersprechen", sagte der Kardinal weiter. Damit entferne man sich von der Existenzgrundlage der Kirche. Geistliche Vitalität und Wachstum seien in anderen Teilen der Erde – im Osten, Nordosten Europas, Afrika und Asien – jedoch noch vorhanden. Daher sei es "umso peinlicher, wenn dann eine finanziell potente, geistlich aber dahinschwindende Kirche Deutschlands meint, die 'ärmeren Geschwister' schulmeistern zu sollen", so Brandmüller.

"Man denke an Oswalt Kolle und Beate Uhse…"

Weiter wiederholte der Kardinal seine Auffassung, dass sexueller Missbrauch kein spezifisch katholisches Phänomen ist. Der "eigentliche Skandal" sei, dass Klerus und kirchliches Personal sich in diesem Punkt nicht klar genug von der gesamten Gesellschaft unterschieden. "Die jahrzehntelange Sexualisierung der Gesellschaft – man denke an Oswalt Kolle und Beate Uhse – ist auch an den Katholiken und ihrem kirchlichen Personal nicht spurlos vorübergegangen", so Brandmüller. Zugleich dürfe jedoch nicht vergessen werden, dass weltweit Hunderttausende von Priestern und Ordensleuten "treu und selbstlos Gott und den Menschen" dienten. "Sie unter Generalverdacht zu stellen ist ebenso beleidigend wie ungerechtfertigt, bedenkt man den verschwindenden Prozentsatz von Missbrauchstätern." Nur auf die katholische Kirche zu blicken sei "wirklichkeitsverengend".

Nicht weniger wirklichkeitsfremd wäre es, zu verschweigen, dass 80 Prozent der Missbrauchsfälle im kirchlichen Umfeld männliche Jugendliche, nicht Kinder, beträfen, so der Kardinal. "Dieser Zusammenhang zwischen Missbrauch und Homosexualität ist statistisch erwiesen – aber das hat nichts mit Homophobie zu tun, was immer man darunter verstehen mag", wiederholte Brandmüller seine jüngsten Ausführungen.

Um der Kirchenkrise entgegenzuwirken, sei es notwendig, "noch vor jeder religiösen Begründung, die sich aus der Natur des Menschen als Mann und Frau ergebenden Grundsätze geschlechtlicher Sittlichkeit erneut und vertieft zu verstehen", so der Kardinal. Zudem müsse es bei der Auswahl der Priesteramtskandidaten eine größere Strenge geben. Diese erhöhe zudem die Attraktivität des Priesterberufes, was der Erfolg "klassischer" Seminare sogenannter traditionalistischer Gemeinschaften belege. (tmg)