Das sind die jüngsten Augustiner Deutschlands
Serie: Mein Glaube

Das sind die jüngsten Augustiner Deutschlands

Beide haben sich für ein Leben als Ordensleute entschieden und beide sind unter 30 Jahre alt. In der heutigen Zeit mehr als ungewöhnlich. Warum Philipp Katzenberger und Michael Clemens ein Leben im Kloster gewählt haben und warum auch ein Ordensmann einen Ohrring tragen kann, erzählen sie im katholisch.de-Interview.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 30.09.2018

Beide haben sich für ein Leben im Kloster entschieden: Am 1. September legten Bruder Philipp Katzenberger (23) und Bruder Michael Clemens (29) ihre zeitliche Profess im Augustinerorden im oberbayerischen Kloster Maria Eich in Planegg bei München ab. Damit sind die beiden die jüngsten Augustinerbrüder Deutschlands. Heute leben sie im Kloster in Würzburg.

Frage: Wie hat Ihre Familie auf Ihre Entscheidung reagiert, ins Kloster zu gehen?

Br. Michael: Sehr unterschiedlich. Meine Eltern waren anfangs schockiert, als sie hörten, dass ich ins Koster will. Ich hatte kurz zuvor mein Jurastudium abgeschlossen und eine berufliche Tätigkeit an der Uni aufgenommen. Da war die Verunsicherung über meine Neuorientierung groß. Mit der Zeit hat sich das gelegt. Sie spüren, dass ich einen guten Platz für mich gefunden habe und freuen sich darüber. Außerdem hat mein Bruder in diesem Jahr geheiratet, was ein weiterer Grund zur Freude ist. Also alles gut. Ich bin jedenfalls überzeugt, hier bei den Augustinern meinen Platz gefunden zu haben.

Frage: Warum sind Sie sich da so sicher?

Br. Michael: Alles in allem lebe ich jetzt seit zwei Jahren im Kloster. Also viel Zeit mich mit mir und diesem Lebensentwurf auseinanderzusetzen. Gespräche und die Begleitung durch andere waren mir immer hilfreich. Ein geistlicher Begleiter hat mir einen Satz mit auf den Weg gegeben: "Prüfe, ob du in deiner Fähigkeit zu lieben wächst. Merkst du, du wirst offen für Menschen und für das Leben, dann ist es der richtige Ort für dich. Fühlst du dich eingeengt oder sogar verbittert, dann ist es der falsche Ort." Wenn ich diese Kriterien anlege, fühlt es sich so an, dass ich am richtigen Ort bin.

Frage: Sie haben vor kurzem Ihre erste Profess abgelegt. Was versprechen Sie damit dem Orden?

Br. Michael: Bei der zeitlichen Profess verspricht man zunächst für einen bestimmten Zeitraum, bei uns für ein Jahr, ein Leben in Gütergemeinschaft, Gehorsam und Ehelosigkeit zu führen. Als Zeichen für die Aufnahme bekommt man die Regel des heiligen Augustinus und die Konstitutionen, unsere Ordensverfassung, überreicht. Darin geht es um die Struktur des Ordens oder die Finanzen im Kloster. Ein großes Thema. Ab dem Ordenseintritt lebt man nicht mehr von seinem "privaten" Geld, sondern vom Geld der Gemeinschaft. Dafür verspricht man, alles was man selbst erwirtschaftet, in die Gemeinschaft einzubringen. Mit der ewigen Profess gilt das auch für das Vermögen, das sich vor dem Klostereintritt angesammelt hat. Die Idee ist, alles was man erwirtschaftet oder je erwirtschaftet hat mit den Mitbrüdern zu teilen.

Von links: Bruder Philipp Katzenberger (23) und Bruder Michael Clemens (29) sind die beiden jüngsten Augustiner Deutschlands.

Frage: Fällt es Ihnen leicht, das zu akzeptieren?

Br. Michael: Nein. Leicht fällt es nicht. Ich habe als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Öffentliches Recht der Uni Würzburg gearbeitet und so mein eigenes Geld verdient und ein eigenes Bankkonto gehabt. Das ändert sich mit dem Klostereintritt. Als ich ins Kloster ging, waren diese Änderungen allerdings gar nicht so präsent oder bedeutsam. Erst mit der Zeit habe ich wirklich realisiert, dass das Ordensleben auch bedeutet, wertvolle Dinge und Möglichkeiten aufzugeben und loszulassen. Ich finde es wichtig, sich dies immer vor Augen zu führen.  

Frage: Wie geht es bei Ihnen jetzt beruflich weiter?

Br. Michael: Der Orden hat mir die Wahl überlassen. Ich könnte in Jura promovieren oder das Zweite Staatsexamen ablegen und Rechtsanwalt werden. Mein Professor hat mir sogar angeboten, dass ich nach dem Noviziat zurückkommen kann. Aber ich habe mich entschieden, Katholische Theologie in Würzburg zu studieren, weil mich das interessiert und ich mehr in das Fach hineinwachsen will. Damit habe ich natürlich auch die Möglichkeit, eines Tages Priester zu werden. Aber darum geht es nicht. Ich muss nicht Priester werden, das ist bei uns keine Pflicht.

Frage: Waren Sie als Jugendlicher religiös?

Br. Michael: Nein, meine Familie war weder religiös noch kirchlich eingebunden, obwohl ich aus dem katholisch geprägten Sauerland komme. Ich selbst stand als Jugendlicher der Kirche eher fern und habe mich damals auch nicht firmen lassen. Als Einziger aus meiner Klasse.

Bruder Philipp Katzenberger und Bruder Michael Clemens bei ihrer Einkleidung im oberbayerischen Kloster Maria Eich bei Planegg.

Frage: Wie kam das denn?

Br. Michael: Ich wollte nicht etwas machen, von dem ich nicht überzeugt war. Erst mit den Jahren wuchs mein Interesse am Glauben und am kirchlichen Leben. Es gab immer wieder kleinere Momente und Anstöße, die mich zum Nachdenken brachten. Mehr und mehr erlebte ich während meines Studiums in Würzburg eine Kirche, die erfrischend und lebendig ist. Da wollte ich dazugehören. Die Firmung habe ich dann zu Beginn meines Studiums im Alter von 21 Jahren nachgeholt. Das war genau der richtige Zeitpunkt dafür.  

Frage: Hatten Sie keine Sorge, ins Kloster einzutreten, um später die älteren Mitbrüder zu pflegen?

Br. Michael: Nein. Von vielen ist der große Altersunterschied immer wieder angesprochen worden. Manche haben mich etwas zynisch gefragt, ob ich Altenpfleger werden will. Es stimmt natürlich, dass die Mehrheit meiner Mitbrüder über 70 Jahre alt ist, aber auch mit ihnen habe ich mich von Beginn an innerlich verbunden gefühlt. Hier bei ihnen ist mein Platz, an dem ich erfüllt meinen Glauben leben kann. Alles andere tritt eher in den Hintergrund. Außerdem habe ich ja auch tolle jüngere Mitbrüder. Es fällt aber auch schwer, die Facetten zu konkretisieren oder gegeneinander aufzurechnen. Im Grunde ist es eine Herzenssache, weil das Herz einem sagt, wo es dich hinzieht. Insofern ist es vielleicht ein bisschen wie Verliebtsein.

Frage: Jetzt machen Sie mich neugierig…

Br. Michael: Naja, ich bin 29 Jahre alt und war schließlich auch schon ein paar Mal verliebt. Aber dieses Gefühl ist nicht wirklich vergleichbar mit dem, was ich jetzt im Kloster fühle. Hier geht es um ein tiefes Gefühl des Am-Richtigen-Platz-Seins. Manche fragen mich, ob ich eingetreten bin, weil ich nicht die Richtige gefunden habe oder nicht genügend erfahren hätte, was zwischenmenschliche Liebe bedeutet, oder ob ich vor etwas oder vor jemandem ins Kloster geflüchtet bin. Mit diesen Fragen habe ich mich gründlich auseinandergesetzt. Seitdem ich den Weg ins Kloster eingeschlagen habe, weiß ich, dass es keine Flucht ist oder gar ein Mangel an Alternativen. Ich habe mich positiv für diesen Ort entschieden, weil ich hier als spiritueller Mensch leben kann und glücklich bin.

Bruder Philipp Katzenberger trägt bei seiner Erstprofess einen Silberohrring. Aufregung darüber gab es keine.

Frage: Bruder Philipp, Sie haben gemeinsam mit Bruder Michael die zeitliche Profess abgelegt. Und Sie trugen dabei einen Ohrring. Gab es Beschwerden?

Br. Philipp: Nein. Niemand hat mich darauf angesprochen, warum denn auch? Mein silberner Ohrring gehört einfach zu mir. Da ist nichts Besonderes daran. Ich habe auch einen Ohrring mit einem Herr-der-Ringe-Symbol darauf. Den trage ich ab und zu. Ich kenne keinen Grund, warum ich das als Ordensmann nicht tun kann.

Frage: Tragen Sie als Zeichen Ihrer Ordenszugehörigkeit auch einen Ring am Finger?

Br. Philipp: Nein, diese Tradition haben wir Augustiner nicht. Ich trage aber seit mehreren Jahren eine Halskette mit einem goldenen Kreuz. In dem Kreuz ist ein Herz mit Flammen zu sehen. Dieses brennende Herz ist das Symbol des heiligen Augustinus. Ich bin Erzieher und war vor meinem Eintritt ins Kloster in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung tätig. Damals habe ich mich stark mit der augustinischen Spiritualität auseinandergesetzt. Es hat mich fasziniert, ein Leben mit Gebet, Gottesdienst und in Gemeinschaft zu führen. Die Halskette ist heute für mich zu einem Wegzeichen meines Glaubens geworden.

Mit der Feier der Einkleidung begann das einjährige Noviziat, in dem Bruder Philipp Katzenberger und Bruder Michael Clemens intensiver in das Leben als Augustiner eingeführt wurden.

Frage: Tragen Sie auch einen Habit?

Br. Philipp: Meine schwarze Ordenstracht mit Ledergürtel und Kapuze trage ich nicht oft. Jeder Mitbruder kann bei uns selbst entscheiden, wann er den Habit tragen möchte. Für mich ist das Ordenskleid ein Zeichen für die Gemeinschaft. Also wenn wir Mitbrüder zusammenkommen, um Gottesdienst zu feiern, gehört der Habit selbstverständlich dazu. Damit signalisieren wir, dass wir zusammengehören und auf demselben Weg unterwegs sind. Aber ich brauche den Habit nicht, wenn ich auf der Straße unterwegs bin.

Frage: Wollen Sie in der Öffentlichkeit nicht als Ordensmann erkennbar und ansprechbar sein?

Br. Philipp: Ich bin seit meiner Einkleidung Ordensmann. Das ist Teil meiner Identität. Ich brauche keinen Habit, um meinen Status zu polieren. Ich finde die innere Haltung entscheidender.

Bruder Philipp Katzenberger und Michael Clemens beim Gebet in der Gemeinschaft der Augustiner in Maria Eich.

Frage: Von Ihrer Einkleidungsfeier in Maria Eich gibt es ein Foto, auf dem Sie sehr ernst blicken. Hatte das einen besonderen Grund?  

Br. Philipp: Ja, das stimmt. Ich kann mich gut an das Gefühl damals erinnern. In diesem Moment wurde klar, dass jetzt ein neuer Lebensabschnitt für mich beginnt. Die Trennung von meiner Familie stand an, weil ich zuvor noch zu Hause wohnte. Dies wurde in dem Moment auch meinen Eltern klar und es flossen Tränen. Dieser Moment war aber auch heilsam und ich konnte mich ganz auf diesen neuen Lebensabschnitt einlassen und schauen, wie er zu mir passt. Es fühlt sich gut an, Augustiner zu sein. Endgültig für den Orden entscheide ich mich aber erst mit der feierlichen Profess in vier Jahren, bis dahin habe ich noch viel Zeit.

Frage: Wie hat Ihre Familie auf Ihren Wunsch ins Kloster zu gehen reagiert?

Br. Philipp: Meine Eltern waren zuerst geschockt, denn sie dachten, jetzt ist er für immer weg und hat mit uns nichts mehr zu tun. So denken viele Menschen, wenn sie das Wort "Kloster" oder "Ordensmann" hören. Ich fände es schön, wenn ich zeigen könnte, dass ein Leben im Kloster genauso eine legitime Lebensform ist wie jede andere. Wir Augustiner sind nicht außergewöhnlich oder superspeziell, sondern eine ganz normale Gemeinschaft.

Frage: Wie viele Augustiner gibt es in Deutschland?

Br. Philipp: Wir sind 57 Augustiner in der deutschen Provinz. Mit meinen 23 Jahren bin ich der jüngste von ihnen. Aber wir haben schon bald wieder einen Novizen und ein paar Interessenten für unseren Orden. Ich habe das Gefühl, das Interesse bei den jungen Leuten an dieser Lebensform wächst wieder. Ich denke, viele setzen heute mehr auf Lebensqualität und wollen ihr Leben mit Sinn füllen. Wenn das ein Leben im Augustinerorden ist, freuen wir uns darüber. Bei den Augustinern geht es nicht so streng zu, wie es von den meisten mit Ordensleben assoziiert wird. Wir sind offen und stellen die Individualität jedes Einzelnen, eingebunden in die Gemeinschaft, in den Vordergrund. Das hat auch mich überzeugt.

Von Madeleine Spendier

Die Augustiner

Die Augustiner-Eremiten, seit 1963 Augustinerorden, ist der vierte große Bettelorden des Spätmittelalters, nach den Franziskanern, Dominikanern und Karmeliten. Die nach dem Kirchenvater Augustinus von Hippo benannte Ordensgemeinschaft richtet sich nach der Augustinusregel. Die Ordenstracht besteht aus einem schwarzen Habit, einem Ledergürtel und einer schwarzen Kapuze. Papst Johannes XXIII. ließ 1963 den Namenszusatz "Eremiten" streichen, weil das eremitische Leben schon kurz nach der Gründung aufgehört hatte, ein Kennzeichen des Ordens zu sein. (msp)

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Als Eremit lebend in der Ödnis, aus der Kirche aus- und wieder eingetreten, konvertiert oder als Erwachsener getauft: Die Themenseite bündelt Texte über Menschen, die ihren Glauben in einer besonderen Weise leben.