Eine alte Teufelsdarstellung
Theologin Theresia Kamp kommentiert Fastenansprache des Papstes

Den Missbrauchsskandal nicht mit göttlicher Pädagogik erklären

Papst Franziskus erklärte diese Woche den Missbrauch innerhalb der Kirche erneut mit dem Teufel und der "Macht der Bösen". Für die Theologin Theresia Kamp zeigt das eine mangelnde Sensibilität für das Thema Missbrauch und für Betroffene. Ein Kommentar.

Von Theresia Kamp |  München - 09.03.2019

Schon im Kleinen finde ich es ziemlich unerträglich, wenn Leid vorschnell ein Sinn zugeschrieben und hinter wirklich unangenehmen Umständen eine göttliche Pädagogik vermutet wird. Jemand kann wegen einer Krankheit wochenlang nicht arbeiten gehen und bekommt zu hören: "Diese Auszeit kommt für dich doch gerade recht, in dem ganzen Stress". Wer hinter dem Leid so rasch einen tieferen Sinn erblickt, nimmt es selbst nicht ernst und lässt den Schmerz und die Trauer nicht zu, die normalerweise als erstes in solchen Situationen auftreten.

Papst Franziskus hat sich diese Logik nun im ganz großen Stil zu eigen gemacht. Schon seit Monaten ist es gute päpstliche Tradition, den Missbrauchsskandal auf den Teufel zu schieben und damit die persönliche Verantwortung von Tätern und Vertuschern zu minimieren. Nun hat er noch eine Schippe draufgelegt. Als er in einer Bußliturgie zum Beginn der Fastenzeit am Donnerstag in Rom auf das Thema zu sprechen kam, betonte er, dass dahinter eindeutig die Macht des Bösen stecke. So weit, so bekannt. Dann aber führte er aus, dass wir uns nicht entmutigen lassen sollten, denn "der Herr ist dabei, seine Kirche zu reinigen und uns alle zu ihm zu bekehren. Er lässt uns diese Prüfung erleben, damit wir erkennen, dass wir ohne ihn Staub sind". Quasi lehramtlich erklärt ist der Missbrauchsskandal damit eine Station des Weges, den Gott mit seinem Volk geht. Mit anderen Worten: Das alles musste passieren, damit sich Amtsträger einmal so richtig schlecht fühlen und dadurch wieder erkennen, dass sie eigentlich auf Gott angewiesen sind.

Mangelnde Sensibilität für das Thema Missbrauch

Mich schockiert schon lange, wie leichtfertig der Papst mit dem Konzept des Bösen und des Teufels jongliert. Wenn er jetzt den gesamten Missbrauchsskandal auch noch in eine göttliche Heilspädagogik einordnet, die der Reinigung der Kirche dient, zeigt das für mich gerade nicht die allenthalben geforderte gesteigerte, sondern im Gegenteil eine mangelnde Sensibilität für das Thema. Was ein Missbrauchsopfer über die päpstlichen Aussagen denkt, die dem Leid eine pädagogische Bedeutung für die Kirche zuerkennen, vermag ich mir nicht auszumalen.

Zur Person

Theresia Kamp ist Theologin und Romanistin. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin für verschiedene katholische Medien.

Dieselbe Unsensibilität zeigt sich auch im weiteren Verlauf der Rede. "Und er [Gott] haucht seinen Geist aus, um seiner beim Ehebruch überraschten Braut Schönheit zurückzugeben", so Franziskus' Wortwahl laut Vatican Insider. Freilich, die "Braut Christi" ist ein traditionelles Bild für die Kirche. Ausgerechnet im Kontext von Missbrauch, der vor allem von männlichen Amtsträgern begangen und vertuscht wurde, ein weiblich konnotiertes Bild zu verwenden, das außerdem die Schuld mit der Frau verbindet, hat mehr als einen faden Beigeschmack. Vor allem lenkt es erneut von den ganz konkreten, männlichen Tätern ab und spiritualisiert deren Verfehlungen.

Ehebruch – das klingt nach Ausrutscher, Fehler, Dummheit. Je nach Stabilität der Beziehung scheint es möglich, um Verzeihung zu bitten und neu anzufangen. Zu 3.677 bekannten Opfern und 1.670 Tätern allein in Deutschland, zu systematischer Manipulation und Machtmissbrauch, passt das Bild nicht. Wenn die Priester, an die sich der Papst wandte, damit das Gefühl bekommen, sie müssten im übertragenen Sinne nur einen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen beisteuern und das Verhältnis zwischen Gott und seiner Kirche sei wieder in Ordnung, ist das ganz sicher zu wenig.

Leider zeigen die jüngsten Äußerungen des Papstes vor allem eines: Die "Aufarbeitung" des Missbrauchsskandals geht so weiter, wie sie begonnen hat – mit vielen Worten und Erklärungen. Genau das war ja auch der Eindruck, den der Anti-Missbrauchsgipfel im Februar hinterließ. Schmerz, von echten Emotionen geprägte Wortmeldungen oder gar Sprachlosigkeit ob der furchtbaren Ausmaße, die durch immer neue Enthüllungen bekannt werden, scheinen bei Kirchenvertretern selten zu sein. Wenn man diese Stufe aber andauernd überspringt und gleich zu scheinbaren "Erklärungen" (Der Teufel! Der Klerikalismus! Gott reinigt seine Kirche!) kommt, deren Gemeinsamkeit es ist, die individuelle Verantwortung kleinzureden, habe ich wenig Hoffnung auf eine echte Veränderung des Klimas in der Kirche.

Von Theresia Kamp