Kirchenrechtler Thomas Schüller
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Erste Reaktionen reichen von "schamlos" bis "Fiasko"

Schüller über Papstrede: Es ist das Ende des Pontifikats...

Die ersten Reaktionen zur Abschlussrede des Papstes beim Anti-Missbrauchsgipfel fallen ernüchternd bis vernichtend aus. Laut Kirchenrechtler Thomas Schüller kann man in gewisser Weise sogar von einem Pontifikatsende sprechen.

Rom - 24.02.2019

Die Rede von Papst Franziskus zum Abschluss der Anti-Missbrauchskonferenz im Vatikan war nach Ansicht des Münsteraner Kirchenrechtlers Thomas Schüller ein "Fiasko". "Es war eine vertane Chance (...) Es ist das Ende des Pontifikats in dem Sinne, dass Franziskus nicht als Reformpapst in die Geschichte eingehen wird, sondern als Bewahrer", sagte Schüller am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur.

Franziskus hatte in seiner Rede Missbrauch unter anderem als globales Phänomen dargestellt, das vor allem Familien betreffe. "Anstatt konsequent aus der Opferperspektive die Verantwortung der Kirche zu benennen, (war es) routiniertes und uninspiriertes Abspulen von Selbstverständlichkeiten", sagte Schüller weiter. Franziskus habe das Problem der Kirche relativiert, indem er Missbrauch als gesamtgesellschaftliches Phänomen dargestellt habe. "Ganz schlimm", fasste Schüller zusammen.

Auch Missbrauchsopfer haben empört auf die Rede des Papstes reagiert. Sie sei "der schamlose Versuch, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, ohne sich der Schuld und dem Versagen zu stellen und wirkliche Veränderung anzugehen", twitterte Matthias Katsch vom deutschen Opferschutzverband "Eckiger Tisch" nach der Ansprache des Kirchenoberhauptes. Der Papst hatte ein Ende der Vertuschung und Durchgreifen gegen Täter versprochen. Konkrete Maßnahmen, wie er das in Zukunft erreichen will, nannte er nicht.

"Dieses Bekenntnis haben wir schon oft gehört"

"Wir haben dieses Bekenntnis, Missbrauch zu bekämpfen, schon oft gehört. Wann und wie, das ist es, was wir hören müssen - im Detail", schrieb die Irin Marie Collins nach der Rede auf Twitter. Collins war selbst Opfer von Missbrauch und saß einst in der päpstlichen Kinderschutzkommission.

Bundesjustizministerin Katarina Barley forderte die Kirche auf, bei der Aufarbeitung der Missbrauchsskandale umfassend mit der Justiz zusammenarbeiten. "Missbrauchstaten sind von Strafgerichten zu beurteilen", sagte die SPD-Politikerin Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Montag). "Den Worten des Papstes müssen jetzt auch Taten folgen."

Schweigekartelle dürfe es nicht mehr geben, verlangte Barley. "Unsere Strafprozessordnung kennt keine Geheimarchive." Zu lange habe die Kirche Erniedrigungen, Misshandlungen und Vergewaltigungen von Kindern verleugnet. "Der Gedanke, dass Kleriker, die schwere Schuld auf sich geladen haben, noch heute mit Kindern zu tun haben könnten, ist unerträglich." Das Bemühen der Kirche um Aufklärung sei überfällig. "Es kommt für viele Opfer aber zu spät." Nur wenn sich die Kirche ernsthaft der Debatte über Machtstrukturen und Sexualmoral stelle, könne sie Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückgewinnen.

Der BDKJ übergibt in Rom tausende Postkarten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an Papst Franziskus

Der BDKJ-Vorsitzende Thomas Andonie (links) zeigte sich enttäuscht vom Anti-Missbrauchsgipfel.

Enttäuscht von den Ergebnissen des Anti-Missbrauchsgipfels zeigten sich die im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) zusammengeschlossenen Jugendverbände. "Es wurde beim Treffen der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen nur teilweise erkannt, dass die Probleme struktureller Art sind", sagte der BDKJ-Bundesvorsitzende Thomas Andonie am Sonntag in Düsseldorf.

Der Dachverband vieler katholischer Jugendverbände sieht die Bischöfe weltweit nun in der Pflicht, vor Ort die nötigen strukturellen Veränderungen anstoßen. So seien auch die deutschen Bischöfe gefragt, ihr Engagement zu intensiveren: "Solange es keine unabhängigen Untersuchungen der Vertuschung, keine Übernahme von persönlicher Verantwortung und keine angemessenen Entschädigungszahlungen gibt, ist der häufig formulierte Wille zur Veränderung für uns nicht glaubwürdig." Außerdem brauche es eine grundsätzliche Begrenzung klerikaler Macht, denn sexualisierte Gewalt sei vor allem eine Form von Machtmissbrauch.

Ein großes Problem sähen viele in einer weithin wahrgenommenen Doppelmoral der katholischen Kirche, ergänzte die BDKJ-Bundesvorsitzende Lisi Maier: "Junge Menschen sehen auf der einen Seite die in ihren Augen rigide Sexualmoral der katholischen Kirche und auf der anderen Seite unbestrafte Täter sexualisierter Gewalt. Das Vertrauen junger Menschen in kirchliche Institutionen ist schwer erschüttert." Der BDKJ sehe aber auch die Bemühungen zur Prävention sexualisierter Gewalt, "gerade in Deutschland", so Maier weiter. Dieser Weg müsse intensiviert fortgesetzt werden. (tmg/dpa/KNA)

24.2., 14:20 Uhr: Ergänzt um die Absätze 7 bis 9.