Der Sargnagel des Feminismus
Religionsphilosophin Gerl-Falkovitz über die Würde der Frau im Licht der Pillen-Enzyklika

Der Sargnagel des Feminismus

Emanzipation auf Kosten der weiblichen Leiblichkeit: Für die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist das die Emanzipation vom eigenen Leib zugunsten einer verdeckten Unterwerfung unter den Mann.

Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz |  Bonn - 05.09.2018

Worin liegt die bis heute nachhallende Anstößigkeit der "Humanae vitae" Enzyklika Papst Pauls VI., die im ominösen Jahr 1968 herauskam? In dem Satz: "dass jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muss". Und weiter: Diese Lehre gründe "in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte - liebende Vereinigung und Fortpflanzung -,die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Vereinigung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen." Wahrhaftig Spreng-Sätze! Auch wenn sie nicht neu waren, wirkten sie doch klar herausfordernd.

Die Enzyklika ist sich ihrer Herausforderung des Zeitgeistes und seiner fraglosen Praxis bewusst. Sie führt selbst zwei gewichtige Einwände an, die abzuwägen sind.

Der erste ist psychologischer Art und berührt die Ganzheitlichkeit der Ehe, die sich ja nicht aus einzelnen Akten zusammensetzt, sondern von einer Grundhaltung gegenseitiger Zuneigung getragen ist. Der zweite Einwand ist empirischer Art. Die "Natur" selbst trennt Liebe und Zeugung voneinander: entweder an den unfruchtbaren Tagen der Frau oder während einer Schwangerschaft oder bei natürlicher Unfruchtbarkeit des Mannes, jedenfalls aber im Alter, wobei die beiden letzteren Tatsachen kein Ehehindernis darstellen. Auch unabsichtlich unfruchtbare Ehen dürfen ja deswegen nicht aufgelöst werden.
Dennoch bleibt die päpstliche Lehraussage bei der ursprünglichen Betonung, jeder einzelne Akt sei in seiner doppelten Zielrichtung gekoppelt: in der liebenden Hingabe und im Willen zum Kind.

Die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz mit einem Bild von Edith Stein.

Es liegt auf der Hand, dass sowohl die Kürze des Dokuments als auch die Erlaubnis, die von Natur aus unfruchtbaren Tage zu "nutzen", die erhobenen Bedenken nicht ausführlich beantworten und auch nicht ganz ausräumen. Vor allem das Ausweichen auf die unfruchtbaren Tage enthält ja auch die Absicht, ein Kind auszuschließen. Sonst geschieht es eben manipulativ oder chemisch etwa durch die Pille. Was unterscheidet aber dann Absicht von Absicht?

Was unterscheidet Absicht von Absicht?

Man kann darauf verweisen, dass im Fall periodischer Unfruchtbarkeit das vertrauensvolle Gespräch zwischen den Eheleuten geführt wird und Rücksicht auf den weiblichen Rhythmus genommen ist, während bei der chemischen Verhütung ein solches Gespräch entfällt und die Devise "Allzeit bereit!" der Frau eine beständige Verfügbarkeit auferlegt. Das führt nahe an eine Instrumentalisierung des weiblichen Leibes heran, zu schweigen von der konstanten körperlichen Belastung durch die Pille. So führt die erlaubte "Nutzung" der empfängnisfreien Tage zu einem  atmosphärisch menschlicheren Umgang der Eheleute miteinander und schont die Frau deutlich, würdigt ihren natürlichen Rhythmus, steigert auch die gegenseitige Erwartung.

Daher sei diese Schwierigkeit nicht von der "Absicht" aus verfolgt, sondern von anderer Seite her beleuchtet: Was bewirkt es für die Frau, wenn Liebe und Fruchtbarkeit getrennt werden? Allein schon die Rücksicht auf die fein differenzierte Leiblichkeit der Frau ist ein klarer Gewinn in der ganzen Frage. Das lässt sich eindrücklich feststellen, wenn das Gegenteil der Fall ist: Wo nämlich die Fruchtbarkeit der Frau chemisch oder physisch etwa durch eine Spirale geblockt wird.

Papst Paul VI.
Bild: © KNA

Papst Paul VI. führt das Zweite Vatikanum zum Ende. Seine Enzyklika "Humanae vitae" wurde so kontrovers wie kaum eine zweite diskutiert.

In einer Zeitströmung, welche die "grüne Natur" verherrlicht, bleibt unverständlich, weshalb junge Frauen über zwei bis drei Jahrzehnte ihren Monatsrhythmus abstellen sollen und damit leider schon sehr früh einsetzen, teilweise schon in der Pubertät, wenn der Organismus noch gar nicht ausgereift ist. Gynäkologische und psychologische Erfahrungen (Frigidität) sprechen nachweislich dagegen.

Ferner erlaubt die manipulative Unterbrechung des Geschlechtsaktes nicht, dass das innige Zugehören von Mann und Frau über die Feinabstimmung ihrer Organe erfahren wird, sondern stört ihre Zugehörigkeit ausgerechnet am Höhepunkt.

Leibhafte Verletzungen

Geradezu leibhaft verletzt wird aber die Frau durch anschließende Praktiken wie die "Pille danach" oder gar die Abtreibung. Leibhafte Verletzung schließt seelische Verletzung zwangsläufig ein. Psychologisch gesehen führt die ständige Sterilisierung des weiblichen Rhythmus zu organischen und nicht selten seelischen Blockaden. Insofern kann die beständige Neutralisierung und "Bereitstellung" des weiblichen Leibes auch als Sargnagel des Feminismus gesehen werden. Emanzipation auf Kosten vorwiegend der weiblichen Leiblichkeit ist Emanzipation vom eigenen Leib zugunsten einer verdeckten und uneingestandenen Unterwerfung unter den Mann.

Fünfzig Jahre später lässt sich sehen, was das Abkoppeln der Zeugung von der Liebe auslöst: Ei- und Samenbanken mit Gen-Beipackzettel, anonyme Zeugungen im Labor, bezahlte Samenspender statt Väter. Auf der weiblichen Seite: Eimutter, Leihmutter, Beimutter - statt einfach Mutter. Als Leihmutter wird die Frau offenkundig zum bloßen "Uterus" herabgesetzt, was durchaus drastisch mit "Gebärmaschine" wiederzugeben ist, eine empörende Vermarktung des weiblichen Unterleibs. Und auf der Seite des Kindes: Es wird Werkzeug einer Wunscherfüllung oder endlich auszulebender elterlicher "Instinkte"; kann aber auch "zurückgegeben" werden, sofern es der "Bestellung" nicht entspricht, wenn es nicht gar abgetrieben wird. Kinder werden "gemacht" und nicht gezeugt.

Ein Paar im Bett.

Das Glücken der Geschlechtlichkeit kann weder durch das Sakrament noch durch anderen Segen garantiert werden, aber die Enzyklika gibt die Elemente an, unter denen die schwierige Balance gelingen kann.

Wenn tatsächlich jeder eheliche Akt Hingabe und Fruchtbarkeit einschließen soll, so bedeutet das für Frau wie Mann, eine Sprache zu gewinnen, um sich gegenseitig abzustimmen. Der viel tiefere leibliche Einsatz der Frau für das Kind bedeutet klarerweise eine Asymmetrie der Geschlechter. Sie muss immer wieder zu einem Gespräch führen über die Belastbarkeit der Frau durch Geburten, über verteilte Arbeit, über gemeinsam verantwortete Lösungen, statt einer leichten Automatik der Unfruchtbarkeit. Dasein ist Leibsein - mit je andern Folgerungen für Frau wie für Mann.

Das Fleisch ist der Angelpunkt

Das lässt sich noch tiefer theologisch unterlegen. Im Christentum wird die Fleischwerdung Gottes ein Neueinsatz und eine Herausforderung: Wie kann Gott überhaupt einen Leib und ein Geschlecht annehmen? Dies ist entgegen allen Idealisierungen leibloser Göttlichkeit die eigentliche Unterscheidung von allen anderen religiösen Traditionen, sogar vom Judentum.

Caro cardo, das Fleisch ist der Angelpunkt. Die Inkarnation Gottes setzt das gesamte Leibphänomen in ein neues, unerschöpfliches Licht – nicht minder die leibliche Auferstehung zu todlosem Leben. Auch Kirche wird als Leib gesehen, das Verhältnis Christi zur Kirche als bräutliches (Eph 5,25), und die Ehe wird zum Sakrament: zum Zeichen realer Gegenwart Gottes in den Liebenden.

Wichtig bleibt: Das Glücken der Geschlechtlichkeit kann weder durch das Sakrament noch durch anderen Segen garantiert werden, aber die Enzyklika gibt die Elemente an, unter denen die schwierige Balance gelingen kann: a) den Leib in seinem Geschlecht und b) in der Anlage für das Kind als Vorgabe anzuerkennen. c) Auch der Eros wird in den Bereich des Heiligen gestellt: im Sakrament. Auch Zeugung und Geburt stehen im Bereich des Heiligen: Sie sind paradiesisch verliehene Gaben (Gen 1,28).

Schöpferisches, erlaubtes, leibhaftes Anderssein auf dem Boden gemeinsamer göttlicher Grundausstattung mit dem Antlitz von Frau oder Mann: das ist der Vorschlag der Enzyklika an alle Dekonstruktionen, Neutralisierungen und Verdinglichungen des Geschlechts.

Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Zur Person

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz (72) ist eine deutsche Religionspilosophin. Sie lehrte als Privatdozentin an den Universitäten in München, Bayreuth, Tübingen und Eichstätt. Von 1993 bis 2011 war sie Inhaberin des Lehrstuhls für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Inzwischen leitet sie das neu gegründete "Europäische Institut für Philosophie und Religion“ (EUPHRat) an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien.