Der Nevigeser Mariendom wird nachts angestrahlt.
Vor 50 Jahren wurde der Mariendom in Neviges geweiht

An dieser Kirche scheiden sich die Geister

Meisterwerk oder einfach nur hässlich? Wohl an keiner zweiten Kirche in Deutschland scheiden sich die Geister derart wie am Mariendom zu Neviges. Vor 50 Jahren wurde das Gotteshaus geweiht.

Von Tobias Glenz |  Bonn/Neviges - 22.05.2018

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Unter Katholiken führt das nicht selten dazu, auch kontrovers über die Architektur ihrer Kirchen zu diskutieren. Vor allem die "Betonbunker" der Nachkriegszeit treffen längst nicht jedermanns Stilempfinden. In Zeiten von Kirchenschließungen sollten diese Gotteshäuser deshalb in den Augen vieler die ersten Opfer der Abrissbirne werden – wenn schon von Kirchen trennen, dann am ehesten von den ungeliebten, grauen "Neubauten". Eine Kirche, deren Architektur wie bei kaum einer zweiten in der Kritik stand und steht, ist die Wallfahrtskirche "Maria, Königin des Friedens" im nordrhein-westfälischen Velbert-Neviges. Am 22. Mai jährt sich die Weihe des vom Kölner Architekten Gottfried Böhm entworfenen Sakralbaus zum 50. Mal.

Weit älter als die heutige Wallfahrtskirche ist die Nevigeser Wallfahrtstradition. Ihr Ursprung liegt in einer Marienerscheinung im Jahr 1676. Der Dorstener Franziskanerpater Antonius Schirley vernahm der Überlieferung nach beim Beten vor einem Heiligenbild der Gottesmutter eine Stimme: "Bring mich nach dem Hardenberg, da will ich verehret sein." Schirley brachte das Bild daraufhin zu den in Hardenberg-Neviges ansässigen Franziskanern. Nachdem der schwerkranke Fürstbischof von Paderborn und Münster, Ferdinand von Fürstenberg, unerwartet seine Gesundheit wiedererlangt hatte, unternahm er zum Dank eine Pilgerreise nach Neviges. Zudem finanzierte er die Fertigstellung des dort im Bau befindlichen Franziskanerklosters. Rasch entwickelte sich um den Ort eine Wallfahrtstradition, die 1688 durch den Kölner Generalvikar offiziell genehmigt wurde. Papst Clemens XII. (1730-1740) gewährte allen Neviges-Pilgern sogar einen vollkommenen Sündenablass.

Ein begeisterter Kardinal Frings

Nicht zuletzt wegen steigender Pilgerzahlen – nach dem Zweiten Weltkrieg kamen jährlich mehrere Hunderttausend Menschen nach Neviges – wurde der Ruf nach einer neuen, größeren Wallfahrtskirche laut. 1960 wurde deren Bau beschlossen und ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Tatsächlich belegte Gottfried Böhm mit seinem Entwurf bei der Ausschreibung nicht den ersten Platz. Dass er dennoch mit dem Bau beauftragt wurde, ist auf den Kölner Kardinal Josef Frings (†1978) zurückzuführen: Der Erzbischof, dessen Sehfähigkeit stark eingeschränkt war, ließ sich die eingereichten Modelle vorführen und tastete sie ab. Ihm sagte der revolutionäre Entwurf Böhms derart zu, dass er den Wettbewerb neu ausschreiben ließ – und diesmal machte der Kölner Architekt das Rennen. Ab 1966 wurde der Mariendom nach den Plänen Böhms errichtet. Am 22. Mai 1968 weihte der in Köln wirkende chinesische Exil-Bischof Vitus Chang die Kirche. Frings öffnete den Sakralbau nach einem Gottesdienst und der Übertragung des Gnadenbildes tags darauf offiziell für die Wallfahrt.

Der Nevigeser Wallfahrtsdom "Maria, Königin des Friedens"

Der Nevigeser Wallfahrtsdom mit Pilger-Vorplatz. Im Hintergrund ist die alte Wallfahrtskirche St. Mariä Empfängnis zu erkennen.

Von Beginn an gab es hitzige Debatten über die Architektur. Während die eine Seite von einem kirchenbaulichen Meisterwerk sprach, lehnte die andere Seite den Bau als graue Betonwüste ab. Bis heute scheiden sich die Geister an dem Gotteshaus. Dabei hatte sich Böhm mit seinem kühnen Entwurf deutlich am Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) orientiert: Das gezackte Äußere ähnelt einem großen Zelt – als Behausung des wandernden Gottesvolkes. Der weite Innenraum hingegen gleicht einem Marktplatz – Sinnbild dafür, dass sich die Kirche der Welt öffnen muss, um allen Menschen die Frohe Botschaft anzubieten. Der Stil des Brutalismus – von französisch "beton brut", "roher Beton" – hat sich dabei einer "Ehrlichkeit" in Bezug auf Material und Konstruktion verschrieben – durch keine Ausschmückungen wird der nackte Beton verborgen.

Der Besuch von Karol Wojtyla und ein Schockmoment

Das bringt den Vorteil, dass einzelne Elemente des Baus wesentlich besser zur Geltung kommen: Das wiederkehrende Symbol der Innengestaltung ist die Rose – Zeichen der Jungfrau Maria –, die als Motiv auch die großflächigen Fensterverglasungen bestimmt. Die farbig-leuchtenden Kirchenfenster nehmen – zumal bei einfallendem Sonnenlicht – dem massiven Betonbau seine Kälte und schaffen eine mystische Atmosphäre. Das postenkartengroße Nevigeser Gnadenbild wurde in eine große Stele eingelassen: von der Gestaltung her eine Art Lebensbaum, aus der Maria mit dem Jesuskind "herauswächst", während im Hintergrund bereits das Kreuz angedeutet wird.

Der weite Innenraum des Mariendoms.

Im September 1978, drei Wochen vor seiner Wahl zum Papst, besuchte Kardinal Karol Wojtyla mit einer Krakauer Pilgergruppe den Nevigeser Wallfahrtsdom. An den Besuch des polnischen Marienverehrers erinnern eine Gedenktafel nahe der Marienstele und ein Ölbild. Noch einmal erregte Neviges im Februar 2016 mediale Aufmerksamkeit: Das Gnadenbild war von Unbekannten aus der Stele entfernt und gestohlen worden – ein Schock für das Erzbistum wie für alle Neviges-Wallfahrer. Doch schon wenige Tage später fanden die Franziskaner, die den Wallfahrtsort bis in die Gegenwart betreuen, das Bild vor ihrer Klosterpforte liegend wieder. Täter und Motiv geben bis heute Rätsel auf.

Bild: © KNA

Das nur postkartengroße Gnadenbild im Wallfahrtsdom ist seit Jahrhunderten Ziel von Pilgern.

Mit einem Fassungsvermögen von mehr als 6.000 Menschen ist die Wallfahrtskirche nach dem Dom das zweitgrößte Gotteshaus der Erzdiözese Köln. Und die Kölner sind durchaus stolz auf ihren "Felsendom". Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das Erzbistum das 50. Weihejubiläum gleich mit einem ganzen Festjahr begeht. Bis in den November hinein finden zahlreiche Veranstaltungen wie Konzerte und Ausstellungen in Neviges statt. Eröffnet wurde das Jahr – passend zum Beginn der Wallfahrtssaison – mit einem Pontifikalamt am Himmelfahrtstag. "Die Architektur dieser Kirche, sie ist Ausdruck eines Kirchenverständnisses, in dem die vermeintlichen Gegensätze von Himmel und Erde, von heilig und profan, von innen und außen aufgehoben sind", betonte Kardinal Rainer Maria Woelki in seiner Festpredigt. Und weiter: "Wir dürfen immer wieder diese wunderbare Kirche – das Zelt Gottes mitten unter uns – aufsuchen, um uns hier stärken zu lassen … und dann als seine Zeugen in der Welt zu leben." Bis heute ist Neviges auf diese Weise Kraftquelle für Pilger – aller Stilkritik zum Trotz.

Von Tobias Glenz