Ernesto Cardenal hält Pflichtzölibat für "unnatürlich"
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Paulus und Apostel als Beleg

Ernesto Cardenal hält Pflichtzölibat für "unnatürlich"

Über den Pflichtzölibat wird derzeit in der Kirche heftig gestritten. Der Befreiungstheologe Ernesto Cardenal spricht sich klar dagegen aus, lobt zugleich Papst Franziskus und blickt besorgt auf die Situation in seinem Heimatland Nicaragua.

Managua - 27.03.2019

Der Priester und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal hat die verpflichtende Ehelosigkeit in der Kirche als "unnatürlich" bezeichnet. So habe etwa der heilige Paulus den Zölibat gelebt, weil er es wollte, "aber niemanden gezwungen, so zu leben", sagte der 94-Jährige in einem Interview der Deutschen Welle. Auch die anderen Apostel hätten nicht ehelos gelebt, es sollte also "keinen obligatorischen Zölibat leben". Zudem sieht Cardenal im Pflichtzölibat einen Grund für den kirchlichen Missbrauchsskandal. Der Priester, der früher Kulturminister von Nicaragua war, bezeichnete Papst Franziskus als Erneuerer: "Er hat eine Revolution im Vatikan angestoßen und damit auch in der Kirche und in der Welt." Der argentinische Papst sei "wie ein Wunder, ein Segen Gottes".

Die politische Lage seines Heimatlandes Nicaragua erfülle ihn mit großer Sorge, sagte Cardenal weiter. "Die Situation ist schlimmer geworden. Wir wollen hier raus. Wir wollen einen echten Wandel im Land." Seit April 2018 gibt es Proteste gegen die amtierende Regierung unter Präsident Daniel Ortega, die von blutigen Straßenkämpfen zwischen den Demonstranten und der Polizei begleitet werden. Die Zahl der Opfer liegt nach Schätzungen bei 400. Die Proteste hatten sich an einer von Ortega beschlossenen Rentenkürzung entzündet und richten sich nun gegen die gesamte Politik der Regierung. Ortega ist bereits zum vierten Mal Staatschef des mittelamerikanischen Landes und hat sich vom sandinistischen Revolutionär zum autokratischen Herrscher gewandelt.

Auch die Bischofskonferenz hatte sich im vergangenen Jahr in den Konflikt eingeschaltet und vorgezogene Neuwahlen gefordert. Diesen Vorschlag nahm die Regierung nicht an, lud die Bischöfe jedoch dazu ein, im Konflikt zu vermitteln. Diese brachen die Gespräche nach kurzer Zeit ab, da sich Ortega nicht an die zuvor vereinbarte Einladung internationaler Organisationen nach Nicaragua hielt. Seit einem Monat besteht jedoch ein Dialog zwischen Regierung und Opposition zur Lösung der politischen Krise.

Diese neuen Gesprächsrunden lehnt Cardenal ab: "Nein zum Dialog. Wir wollen einfach nur, dass das Präsidentenpaar geht. Es gibt nichts zu verhandeln." Er gibt zu, selbst keine Lösung für die Krise in Nicaragua zu haben, hofft jedoch auf die Bevölkerung: "Aber das Volk weiß es und vor allem die jungen Leute, die bis jetzt erfolglos versucht haben, etwas zu verändern." Es sei diese Hoffnung, die ihn am Leben halte.

Cardenal gilt als einer der bedeutendsten Dichter Nicaraguas und kämpfte für die sandinistische Revolution im Jahr 1979. Wegen der Übernahme des Ministeramts in der ersten Regierung Ortegas wurde ihm 1985 von Papst Johannes Paul II. die Ausübung des priesterlichen Dienstes verboten. Erst im Februar wurden die kirchlichen Sanktionen gegen ihn von Papst Franziskus aufgehoben. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Cardenal wegen einer schweren Infektion im Krankenhaus. (rom)