Fällt bei der Amazonas-Synode der Zölibat?
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Kardinal Marx im Interview zu wichtigen Themen im Jahr 2019

Fällt bei der Amazonas-Synode der Zölibat?

2018 war ein schwieriges Jahr für die katholische Kirche – 2019 wird kaum einfacher. Im Interview blickt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, auf die Herausforderungen des neuen Jahres. Außerdem spricht er über die Zukunft des K9-Rats und die Finanztransparenz der deutschen Bistümer.

Von Christoph Renzikowski (KNA) |  München - 11.01.2019

Auch im Jahr 2019 warten auf die katholische Kirche viele Herausforderungen. Im Interview wagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, einen Ausblick, vom Missbrauchs-Sondergipfel in Rom über die Wahl zum Europäischen Parlament bis zur Amazonas-Synode.

Frage: Herr Kardinal, Papst Franziskus hat Ende Februar zum Missbrauchs-Sondergipfel geladen. Welche Fortschritte erhoffen Sie sich?

Marx: Bei diesem weltweiten Problem gibt es regional sehr unterschiedliche Bewusstseinsstände: Manche Ortskirchen haben noch kaum eine Diskussion geführt, manche sind mittendrin, andere haben schon Maßnahmen in die Wege geleitet. Papst und Kurie können nicht die Probleme der ganzen Weltkirche lösen. Aber wenn in Rom die Vorsitzenden sämtlicher nationaler Bischofskonferenzen zusammenkommen, erhoffe ich mir die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen öffentlich deutlich machen: Gemeinsam gehen wir das Problem des sexuellen und auch geistlichen Missbrauchs in der Kirche an. Dabei wird es wichtig sein, dass die Bischofskonferenzen, die sich schon lange mit dem Thema befassen, ihre Erfahrungen in die Diskussion einbringen. Das werde ich selbst auch tun.

Frage: Noch vor dem Treffen sollen nach dem Wunsch des Papstes alle Teilnehmer persönlich mit Missbrauchsopfern sprechen. Haben Sie diese Hausaufgabe erledigt?

Marx: Ich habe schon 2010 mit Betroffenen gesprochen, mit einzelnen bin ich weiter in Kontakt. Es ist wichtig, sich den persönlichen Lebensgeschichten zu stellen und zu versuchen, die Perspektive dieser Menschen einzunehmen.

Frage: Zur Kurienreform: In Kürze wird der Kardinalsrat, dem Sie angehören, seine Vorschläge vorlegen. Worauf kommt es Ihnen an?

Marx: Wir haben sehr lange diskutiert, vielleicht zu lange. Ich glaube, wir werden einen neuen Impuls setzen, aber entscheiden muss letztlich der Papst. Die Frage ist ja: Wozu ist die Kurie überhaupt da? Dem Papst bei der Wahrnehmung seines weltweiten Dienstes zu helfen, aber auch der ganzen Kirche, und zwar nicht nur als oberste Kontrollinstanz. Diese Dienstleistungsfunktion werden wir herausstellen. Wobei Strukturen nur das eine sind. Man braucht auch Personen, die das umsetzen. Das aber ist dann nicht mehr unsere Aufgabe, wir sind nicht das Kabinett des Papstes, sondern ein Beratungsorgan.

Linktipp: Welche Kurie will der Papst?

Von einigen Beobachtern war das Projekt einer Kurienreform schon beerdigt worden; zu lange hatte man von dem Projekt nichts mehr gehört. Doch nun zeichnet sich ab, dass Papst Franziskus 2019 tatsächlich die fünfte Kurienordnung der Kirchengeschichte erlassen könnte. Umso mehr stellt sich die Frage, welche Kurie der Papst eigentlich will. Zum Problem könnten die Finanzen werden. (Artikel von Dezember 2018)

Frage: Aus K9 ist K6 geworden. Läuft Ihre Zeit als Papstberater ab?

Marx: Ich habe den Eindruck, dass die Gruppe, die der Papst viermal im Jahr einberuft, ihm gut tut. Er ist ja fast immer bei allen Sitzungen dabei. Zunächst dachte ich, vielleicht ernennt er neue Mitglieder. Das ist nicht ausgeschlossen, aber er nimmt sich jetzt Zeit. Auch in kleinerer Besetzung haben wir nicht schlechter gearbeitet. Auch als Koordinator des Wirtschaftsrates bleibt für mich noch einiges zu tun. Auch in anderen Fragen wollte Franziskus unsere Meinung wissen. In unserem Entwurf wird das Gremium jedenfalls erwähnt. Der Papst hat es selbst in der Hand, wie er das am Ende ausfüllt.

Frage: Ende Mai wählen die Europäer ein neues Parlament. Wissen Sie ein Rezept gegen das befürchtete Erstarken nationalistischer Kräfte?

Marx: Das gibt es so einfach nicht, das ist eine weltweite Bewegung mit vielen Ursachen, die sich nicht leicht beheben lassen. Es braucht eine positive Vision. Der Aufbau einer europäischen Demokratie ist ein großes, schwieriges Projekt. Man muss die Kräfte stärken, die sich dafür einsetzen. Ein Auseinanderfallen der Union in Einzelinteressen hat keine Zukunft. Nationalismus ist rückwärtsgewandt und gefährlich und hat ja Europa in der Vergangenheit zu einem Kontinent der Krieg gemacht. Deshalb erhoffe ich mir von der Wahl ein starkes Zeichen in die Öffentlichkeit, damit das Friedensprojekt Europa erfolgreich fortgeführt wird.

Die Flaggen der Europäischen Union.

Im Mai findet die Wahl zum Europäischen Parlament statt.

Frage: Das Thema Finanztransparenz treibt die Kirche in Deutschland weiter um. Werden sich die Vorschriften des Handelsgesetzbuches für große Kapitalgesellschaften als der von allen 27 Bistümern anerkannte Bilanzierungsstandard durchsetzen?

Marx: Als Vorsitzender der Bischofskonferenz kann ich nichts anordnen. In den zurückliegenden Jahren ist daran viel gearbeitet worden. Ich glaube, in die Diskussion ist gerade auch 2018 Schwung hineingekommen. Die überwältigende Mehrheit der Diözesen hat dieses Ziel akzeptiert und umgesetzt. Und jene, die sagen, wir müssen das anders machen, weil wir eine besondere Tradition haben, müssen das begründen und aufzeigen, dass auch ihr Weg zu mehr Transparenz führt. Der Weg ist jedenfalls unumkehrbar. Das war ein erfolgreicher Lernprozess.

Frage: Von vielen Erwartungen begleitet wird die Amazonas-Synode im Herbst. Fällt dort der Zölibat?

Marx: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Versammlung deshalb einberufen wurde. Die Synode wird zunächst einmal ein sozialethisches und politisches Statement setzen, das ich sehr wichtig finde: Das Evangelium ist keine weltlose Botschaft, sondern will die Welt verändern. Der Papst will am Beispiel des Amazonasgebietes den großen Wurf seiner Enzyklika "Laudato si" deutlich machen: Es geht nicht um ein isoliertes Umweltproblem, sondern eine neue, ganzheitliche Sicht auf globale Verantwortung. Klimatisch ist die Region die Lunge unseres Planeten, da kann man nicht sagen, das ist unser Land, und was daraus für die anderen wird, ist nicht mein Problem, wie der neue brasilianische Präsident das offenbar meint. Im Grunde geht es um eine neue Fortschrittsidee, wie der Papst in "Laudato si" sagt. Und was die theologischen und pastoralen Fragen angeht, dürfen wir weiter gespannt sein.

Frage: Zurück in Ihr Bistum. Zum Jahresende wollen Sie einen neuen Verwaltungschef für Ihr Ordinariat gefunden haben, der erstmals kein Priester sein soll. Welche Eigenschaften muss die gesuchte Person mitbringen?

Marx: Wir arbeiten noch an der Stellenbeschreibung. Klar ist aber, dass für die Leitung einer so großen Behörde Verwaltungserfahrung erforderlich ist, dass man juristische Kenntnisse haben muss sowie die Fähigkeit, Menschen zusammenzuführen und zu delegieren. Da muss sicher eine Frau oder ein Mann mit Erfahrung ran. Ausgangspunkt unserer Diskussion war, dass mein Generalvikar schon vor Jahren gesagt hat, 80 Prozent seiner Tätigkeit könnte auch oder vielleicht sogar besser ein Laie machen. Dann finde ich es richtig, das auch so umzusetzen. So können wir ein neues Miteinander von Priestern und Laien in der Verantwortung für die Leitung des Bistums sichtbar machen.

Von Christoph Renzikowski (KNA)