"Frieden beginnt auf dem Teller"
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Der Vegetarier und Priester Rainer Hagencord wirbt für Fleischverzicht

"Frieden beginnt auf dem Teller"

Für viele Besucher des Katholikentags gehört die Bratwurst mit dazu. Der Priester Rainer Hagencord ist keiner davon. Als Vegetarier will er durch Fleischverzicht "Frieden" mit den Tieren schaffen.

Von Roland Müller |  Münster - 11.05.2018

Fischbrötchen, Pfefferpotthast und Münsterland-Burger – wer am Mittwoch durch Münsters Innenstadt geschlendert ist, konnte diesen kulinarischen Spezialitäten nicht aus dem Weg gehen. Auf sechs Plätzen wurde mit einem "Abend der Begegnung" die Eröffnung des 101. Katholikentags gefeiert. Die verschiedenen Regionen des Bistums Münster präsentierten sich den Katholiken aus ganz Deutschland mit Musik, Kultur – und vor allem viel Fleisch.

Rainer Hagencord war nicht unter den 30.000 Besuchern des "Abends der Begegnung". "Ich konnte dort nicht hingehen", sagt der Münsteraner Priester. Hagencords Gesicht verzieht sich vor Ekel, wenn er über die vielen Würstchen und Steaks spricht, die zur Einstimmung auf den Katholikentag verkauft wurden. "Ich ertrage es einfach nicht", klagt der Theologe. Er versteht Tiere als Mitgeschöpfe des Menschen und setzt sich für einen wertschätzenden Umgang mit ihnen ein. Hagencords Sicht auf die Tiere wandelte sich durch sein Zweitstudium der Biologie. Ihm wurde klar, dass die Menschheit mit der Massentierhaltung einen "systematischen Krieg gegen die Tiere" führt. Er zog die Konsequenz aus seinem "neuen Blick auf die Schöpfung" und wurde Vegetarier.

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Rainer Hagencord am Stand des Instituts für Theologische Zoologie beim Katholikentag in Münster.

Auf dem Katholikentag in Münster ist Hagencord am Stand des Instituts für Theologische Zoologie zu finden. Dort informiert er eine Lehrerin über Unterrichtsreihen zur Tierethik und verteilt Teilnahmebögen für ein Quiz zu Tieren in der Bibel. Um sein Engagement für die Tiere auf ein theologisches Fundament zu stellen, gründete Hagencord vor neun Jahren gemeinsam mit dem Kapuziner-Pater Anton Rotzetter das Institut für Theologische Zoologie in Münster. Die Mitarbeiter haben sich einer "Theologie mit dem Gesicht zum Tier" verschrieben. Daher haben sie an ihrem Zelt ein Banner angebracht, auf dem das Katholikentags-Motto mit einigen Worten ergänzt wird: "Suche Frieden mit den Tieren" ist dort schon von weitem zu lesen. Ein lebensgroßer Papp-Esel und -Schimpanse sollen die Besucher dazu bewegen, ein Foto mit dem erweiterten Leitspruch des Katholikentags zu machen.

Landwirtschaftsministerin Klöckner: "Ich bin keine Vegetarierin"

Den Stand, den sich das Institut mit der "Aktion Kirche und Tiere" teilt, besuchen viele Familien mit Kindern und junge Menschen. Einige kommen, weil sie Selfies mit dem aufgestellten Esel machen wollen, andere informieren sich über Tierschutz. Hagencord macht in Kirche und Gesellschaft ein ambivalentes Verhältnis zu den Tieren aus: Einerseits sei immer mehr Menschen das Wohl der Tiere wichtig. Daher hätten sich die Organisatoren des Katholikentags dazu entschieden, die etwa 2.000 freiwilligen Helfer mit einem ausschließlich vegetarischen Mittagessen zu versorgen. "Das ist ein Riesenfortschritt", schwärmt Hagencord. Andererseits werde der übermäßige Konsum von Fleisch nicht als Problem angesehen. "Ob man Fleisch isst oder nicht, ist für viele immer noch eine Privat-Angelegenheit". Dass die Konsequenzen des Verzehrs von Fleisch selbst in Kirchengemeinden nicht thematisiert werden, findet Hagencord problematisch.

Ganz anders Julia Klöckner. Einige hundert Meter vom Stand des Instituts entfernt, legt die Bundeslandwirtschaftsministerin ein Bekenntnis ab: "Ich bin keine Vegetarierin". Klöckner sieht es nicht als ihre Aufgabe an, den Menschen vorzuschreiben, was sie zu essen haben. "Wir Politiker sind nicht dazu da, um die Bürger zu erziehen", begründet sie ihre Meinung. Für sie ist Fleischkonsum eine Privatsache. "Niemanden interessiert es, ob ich zum Frühstück eine Schale Müsli oder eine Scheibe Brot mit Wurst esse", so Klöckner. Landwirten, die mit Massentierhaltung ihr Geld verdienen, sichert sie entschieden ihre Unterstützung zu.

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"Suche Frieden mit den Tieren": Der Stand des Instituts für Theologische Zoologie beim Katholikentag in Münster.

Ein solches Wohlwollen für die Tierwirtschaft macht Hagencord auch bei den Bischöfen aus. Er nennt es jedoch eine "falsche Allianz mit den Landwirten", die innerhalb der Kirche als wichtige Gruppe des Gemeindelebens wahrgenommen würden. Ihr Einfluss sei groß, erzählt Hagencord, der vor einigen Jahren wegen seiner Thesen von einer Veranstaltung in einer Bildungseinrichtung im ländlichen Raum ausgeladen wurde. Zudem gebe es in der Kirche eine "Denkfaulheit", sich mit dem unbequemen Thema des Tierwohls auseinanderzusetzen. Deshalb organisiert das Institut für Theologische Zoologie auf dem Katholikentag ein Podium mit dem Titel "Frieden beginnt auf dem Teller". Eine Münsteraner CDU-Politikerin, der Präses der Katholischen Landjugendbewegung im Bistum Münster und ein Moraltheologe diskutieren dort die Frage, ob Ernährung reine Privatsache ist oder nicht.

Bischöfe sollen sich für Tiere stark machen

Von den Bischöfen wünscht sich Hagencord, dass sie sich für die Tiere stark machen. Sie seien auf einem guten Weg, da ihn etwa sein Bischof Felix Genn für die Arbeit am Institut freigestellt habe. Hagencord versteht das als Zeichen der Wertschätzung. Auch andere Bischöfe greifen seine Ideen auf. Doch er vermutet, dass sich viele wegen des Einflusses der Landwirte nicht zu einer größeren Solidarität mit den Tieren durchringen könnten.

Trotz seines Einsatzes für die Tiere hat Hagencord auch für Nicht-Vegetarier Verständnis. Er selbst habe den Weg zu einem vegetarischen Leben als sehr schwer empfunden. "Ich mochte den Geschmack von Fleisch", gibt Hagencord zu. Den Besuchern des Stands auf dem Katholikentag rät er, schrittweise auf Fleisch zu verzichten. Auch das Kennenlernen einer reichhaltigen vegetarischen Küche habe ihm die Umstellung erleichtert. Die Teilnehmer des Katholikentags können seinen Ratschlag vor Ort ausprobieren. Denn 20 Münsteraner Restaurants bieten den Besuchern mit dem Katholikentagsteller ein günstiges Mittagsgericht an. In diesem Jahr können sie in jedem Gasthaus zusätzlich zu den Fleischgerichten eine vegetarische oder vegane Alternative wählen, ganz nach dem Motto: "Suche Frieden mit den Tieren".

Von Roland Müller

Themenseite: Katholikentag

Vom 9. bis zum 13. Mai 2018 findet der Katholikentag in Münster statt. Alle Artikel von katholisch.de zu diesem Ereignis finden Sie auf der Themenseite.