Rottenburger Dom
Keine mangelnde Kooperation mit Staatsanwaltschaft

Missbrauch: Bistum Rottenburg wehrt sich gegen Vorwürfe

Strafrechtler haben im Bezirk jeder deutschen Diözese Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Ihr Vorwurf: mangelnde Zusammenarbeit durch die Kirche beim Umgang mit Missbrauch. Das Bistum Rottenburg-Stuttgart wehrt sich nun.

Rottenburg - 30.10.2018

Das Bistum Rottenburg-Stuttgart wehrt sich gegen den Vorwurf mangelnder Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft beim Thema sexueller Missbrauch. Die Kommission sexueller Missbrauch (KsM) der Diözese habe in den vergangenen Jahren wegen des Verdachts auf Sexualdelikte zwei Strafanzeigen erstattet, erklärte Bischof Gebhard Fürst am Dienstag.

Er betonte, in sieben weiteren Fällen sei die Staatsanwaltschaft von sich aus tätig geworden. Auch da habe die Diözese "eng mit der Staatsanwaltschaft kooperiert". Der Bischof wörtlich: "Sexueller Missbrauch wird bei uns verfolgt und nicht vertuscht!" Hintergrund der Erklärung sind Strafanzeigen von fünf Jura-Professoren gegen Unbekannt. Sie fordern Ermittlungen der Staatsanwaltschaften in allen Diözesen, wie der "Spiegel" am Samstag berichtete. Demnach geht es um den Verdacht von teils schwerem sexuellen Missbrauch, bisweilen bis ins Jahr 2016.

Angst vor einer erneuten Traumatisierung

Fürst fügte hinzu, mit dem Stuttgarter Oberstaatsanwalt Daniel Noa sitze seit Jahren "ein absoluter Experte" mit in der Kommission. Eine Reihe von Opfern habe in Gesprächen mit Mitgliedern der Kommission von sich aus darum gebeten, nicht die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Dies sei meist aus Angst vor einer erneuten Traumatisierung erfolgt.

Laut Fürst befasste sich die Kommission seit ihrer Gründung 2002 mit 146 Vorwürfen Betroffener. 90 hätten sich gegen Kleriker gerichtet, 56 gegen Ordensleute und Laien. Von den Priestern und Diakonen aus dem Bistum seien knapp zwei Drittel bereits gestorben. In 11 Fällen sei das Ergebnis der kircheninternen Untersuchung nach Rom gemeldet worden. Zwei Priester seien aus dem Klerikerstand entlassen oder aus dem Gemeindedienst entfernt worden. Bei den anderen 9 Fällen seien Verweise ausgesprochen worden, die teils mit Gehaltseinbußen für eine Dauer von bis zu fünf Jahren verbunden gewesen seien.

Für die katholische Kirche hatten Wissenschaftler die "Studie über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" Ende September in Fulda bei der Herbstvollversammlung der Bischöfe vorgestellt. In den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 hatte das Forscherteam Hinweise auf 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute gefunden. Die Experten gehen zudem von weiteren Fällen aus, die nicht in den Akten erfasst sind. (tmg/KNA)