Streikende Frauen in der Schweiz.
"Gleichberechtigung. Punkt. Amen."

Pinke Mitren und mehr Mitbestimmung - Schweizer Frauenkirchenstreik

Eigentlich hätten sie sich an "Maria 2.0" dranhängen können. Doch die Schweizer Frauen hatten schon andere Pläne: Ab heute gehen sie auf die Straße und fordern Gleichberechtigung und mehr Mitsprache. Denn die Kirche ist ihnen Heimat und ein Austritt kommt nicht infrage.

Von Matthias Altmann |  Bonn - 14.06.2019

Vroni Peterhans, Religionslehrerin und Bäuerin, hat von ihrem Hof im Kanton Aargau genau verfolgt, was Mitte Mai vor vielen katholischen Gotteshäusern in Deutschland passiert ist. Eine Woche lang hatten Tausende Frauen dort die Kirche inklusive der Heiligen Messe bestreikt. Die Initiative "Maria 2.0", die die Proteste initiiert hatte, brachte Peterhans und ihre Kolleginnen in eine Art Dilemma. "Hätten wir früher davon erfahren, hätten wir uns vermutlich drangehängt ", sagt die stellvertretende Vorsitzende des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds (SKF). Doch der Verband hatte bereits eigene Pläne. Drei Tage lang wollen die Katholikinnen in der Schweiz für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche protestieren. Beginn ist an diesem Freitag.

Der Auftakttermin ist dabei bewusst gewählt. Denn für den 14. Juni haben Schweizer Gewerkschaften, Parteien und Verbände einen nationalen Frauenstreik ausgerufen, um für Gleichberechtigung, Lohngleichheit und bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu demonstrieren. Der SKF, mit 600 Vereinen und 130.000 Mitgliedern größter Frauenverband in der Schweiz, teilt diese Anliegen und wird sich an den Kundgebungen beteiligen – einige führende Mitglieder werden sogar Reden halten. Zweimal werden am Freitag in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken läuten: um 11.30 Uhr als Zeichen gegen den Missbrauchsskandal und um 15.30 Uhr – ab diesem Zeitpunkt arbeiten in der Schweiz die Frauen sozusagen gratis.

Das Erkennungszeichen der Schweizer Katholikinnen wird ein pinker Button mit der Aufschrift "Gleichberechtigung. Punkt. Amen." sein – eine Adaption des Mottos des allgemeinen Frauenstreiks, "Gleichberechtigung. Punkt. Schluss.". Manche werden sogar selbstgebastelte pinke Mitren und Gummistiefel tragen, "um auch aufzufallen", wie Peterhans ergänzt. Die pinke Mitra steht für sich. Und die Stiefel? "Sie sind ein Symbol dafür, dass wir uns aus dem Sumpf, in dem sich die Kirche momentan befindet, befreien wollen."

Mit ihrer Teilnahme am Frauenstreik wollen die Schweizer Katholikinnen ein klares Zeichen setzen. Sie haben genug von den Missbrauchsskandalen und dem Reformstau in der Kirche. "Wir werden oft angefragt, warum wir da überhaupt noch mitmachen und uns katholisch nennen", sagt Peterhans. "Wir haben beschlossen, auf die Barrikaden zu gehen, damit sich etwas verändert – bevor wir austreten." Die Frauen wollen um ihre Kirche kämpfen. Sie ist ihnen nach wie vor Heimat.

Teilnehmerinnen des schweizerischen Frauenstreiks halten Protestplakate hoch.

Teilnehmerinnen des Frauenstreiks mit Protestplakaten auf einer Bühne.

Doch die Negativschlagzeilen in den vergangenen Jahren hätten gezeigt, dass es einen Richtungswechsel brauche. Es gehe um die Zukunftsfähigkeit der Kirche. "Wir wollen eigentlich keine Konfrontation", betont Peterhans. "Unser Anliegen ist es, zusammen mit den Männern in den Entscheidungsgremien vertreten zu sein und die Kirche strukturell so anzupassen, dass sie weiterhin als Institution bestehen kann." Die Frauen wollen schlicht und ergreifend mitwirken.

Damit die Pfarreien auch etwas vom Streik spüren, hat der SKF ihn sozusagen um zwei Tage verlängert: Für den 15. und 16. Juni, Samstag und Sonntag, hat der Verband zu Protestaktionen in den Gemeinden aufgerufen. Diese sollen ähnlich wie bei "Maria 2.0" in Deutschland ablaufen. So werden die Frauen etwa mit weißer Kleidung und mit weißen Tüchern vor den Gotteshäusern ihren  Forderungen auch optisch Nachdruck verleihen. Geplant ist zudem, dass Frauen den Gottesdienst vor der Tür feiern, an Kirchtürmen pinke Ballons anbringen oder an Kirchentüren Transparente platzieren. Vielerorts wird in den Gottesdiensten eine sogenannte Widerstandserklärung verlesen, die der SKF zur Verfügung gestellt hat. Darin heißt es unter anderem, dass Frauen "allein aufgrund ihres Geschlechts immer noch abgewertet und ausgeschlossen werden".

Die Stellung der Frau in der Kirche ist ein Thema, dass die Theologin Monika Hungerbühler schon ihr ganzes Berufsleben beschäftigt. Sie arbeitet als Leiterin der Offenen Kirche in Basel und wird sich auch an den Protestaktionen der Schweizer Katholikinnen beteiligen. "Viele dieser schrecklichen Ereignisse, die in den vergangenen Jahren ans Tageslicht gekommen sind, haben etwas mit der Abwertung der Frau und ihrer Unsichtbarkeit in der Struktur zu tun", ist Hungerbühler überzeugt. Ihr Anliegen sei es nicht, einen Geschlechterkampf in der Kirche vom Zaun zu brechen: "Es geht schlicht um Gerechtigkeit."

Auch über den Streik hinaus engagiert sich Hungerbühler für einen Wandel in der Kirche. Zusammen mit einigen Mitstreiterinnen wird sie am 19. Juni den Baseler Bischof Felix Gmür und seinen Generalvikar Markus Thürig treffen. Im Vorfeld haben die Frauen einen Text mit 20 konkreten Reformforderungen verfasst. Der Titel: "Wir haben es satt!" In kurzer Zeit haben rund 1.000 Unterstützerinnen – und Unterstützer – den Text unterzeichnet. Die Forderungen reichen von einer Revision des Kirchenrechts und der kirchlichen Verfassung bis hin zu einem Weihestopp, bis der Zugang zu den kirchlichen Ämtern auch Frauen offensteht.

Vroni Peterhans und Monika Hungerbühler.

Vroni Peterhans, die stellvertretende Vorsitzende des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds (SKF), und die Theologin Monika Hungerbühler nehmen am Frauenstreik in der Schweiz teil.

"Es ist eine Katastrophe, dass Hunderttausende von Ordensfrauen oder theologisch gebildete Frauen in der Kirche nichts zu sagen haben", sagt Hungerbühler. "Das ist wie ein Apartheidsystem." Sie hofft, mit der einen oder anderen Forderung Gehör zu finden. Man wolle dem Bischof aufzeigen, "wie für uns eine glaubwürdige Kirche aussieht und dass wir ihn gerne im Boot hätten". Die Kirche fahre im Moment nämlich gegen die Wand, wenn sie so weitermache wie bisher.

Hungerbühler beruft sich bei den Reformforderungen auch auf Papst Franziskus. "Er sagt ja auch, die Bischöfe mögen den Mut haben, einzelne Projekte bei sich zu wagen und nicht immer auf die Weltkirche zu verweisen." Daher hofft sie, dass alle Bischöfe, die bei diesem Thema Dialogbereitschaft signalisiert haben, sich zusammentun. "Sie könnten dann sagen: Wir versuchen in Mitteleuropa da und dort ein kleines Projekt und schauen dann, welche Erfahrungen wir machen." Ob diese "kleinen Projekte" allerdings so elementare Entscheidungen wie die Frauenweihe sein können und werden, lässt sich nach den jüngsten Wortmeldungen zahlreicher deutscher Bischöfe eher bezweifeln.

Der Frauenstreik sei dennoch ein gutes Mittel, um auf diesen Reformstau hinzuweisen, findet Hungerbühler. Auch sie hat intensiv beobachtet, was in Deutschland während "Maria 2.0" passiert ist – und fand die Aktionen sehr gelungen. Dennoch müsse beim Kirchenstreik in der Schweiz jede Gruppe und Gemeinde beurteilen, welcher Protest für sie angemessen ist: "Wenn man alle verrückt macht, bringt das nichts."

Der SKF-Vizepräsidentin Vroni Peterhans ist beispielsweise nicht bekannt, dass etwa Pastoralassistentinnen ihre Mitwirkung an Gottesdiensten verweigern. "Wir wollen keine Taufe bestreiken und damit Menschen verletzen", sagt sie. Dennoch seien viele Gemeindeleiter – ob geweiht oder nicht – froh, dass sich nun etwas bewege. "Auch sie fühlen sich mit vielen Dingen in der Kirche nicht mehr wohl", so Peterhans. Von Seiten der Schweizer Bischofskonferenz gibt es bislang kein Statement zum Kirchenstreik der Frauen. Doch deren Generalsekretär hat SKF-Vertreterinnen zu einem Gespräch eingeladen. Stattfinden soll es im August.

Ob der Frauenkirchenstreik in der Schweiz oder Maria 2.0 – Vroni Peterhans ist überzeugt, dass alle verschiedenen Initiativen zusammengenommen etwas bewirken können. Wichtig sei, dass die Frauen auch nach den Protestaktionen weiterhin Druck ausüben. Der Schweizerische Katholische Frauenbund ist ganz eng mit den europäischen katholischen Frauenorganisationen vernetzt, besonders mit den deutschsprachigen wie kfd oder KDFB. Mit ihnen will der SKF ein Treffen organisieren, bei den weitere Forderungen und Aktionen abgesprochen werden sollen.

Von Matthias Altmann