Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer während eines Interviews in Regensburg am 21. Juli 2016.
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Missbrauchsstudie bisher nur in Händen der Medien

Voderholzer: Studie sofort allen Bischöfen zuschicken!

"Es ist ein Unding, wenn die Studie der 'Zeit' und dem 'Spiegel' vorliegt, die Auftraggeber sie aber noch nicht in den Händen halten": Die DBK-Missbrauchsstudie sollte nach Auffassung des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer umgehend allen deutschen Bischöfen zugänglich gemacht werden.

Regensburg - 17.09.2018

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer fordert, dass die Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz nach Bekanntwerden ihrer Ergebnisse durch Medienveröffentlichungen sofort allen deutschen Bischöfen zugänglich gemacht wird. "Wir brauchen sie dringend, noch heute", sagte sein Sprecher Clemens Neck der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) auf Anfrage am Montag in Regensburg. "Es ist ein Unding, wenn die Studie der 'Zeit' und dem 'Spiegel' vorliegt, die Auftraggeber sie aber noch nicht in den Händen halten."

Offiziell soll die "Studie über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Geistliche" von den beauftragten Forschern bei der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe am 25. September in Fulda vorgestellt werden. Mehrere Medien berichten seit einer Woche vorab. Neck sagte dazu, den Berichterstattern sei deshalb kein Vorwurf zu machen. "Dass Medien so eine Information unter dem Deckel halten, kann man wirklich nicht erwarten." Den Vertrauensbruch habe "ein anderer" begangen. Bischof Voderholzer bedaure aber sehr, sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter äußern zu können, weil er die Untersuchung noch nicht kenne.

Der Sprecher sagte, der Bischof wolle "die Studie zunächst gut durchschauen und eventuell auch Fachleuten vorlegen, damit wir die Aussagekraft ihrer Ergebnisse richtig bewerten können". Es gehe ihm auch darum, die Untersuchung "in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen". Bei einer Pressekonferenz am 25. September werde die Diözese die in die Studie eingeflossenen Regensburger Daten transparent machen. Danach werde sich der Bischof mit einem Hirtenwort an alle Gläubigen wenden.

"Furchtbar, aber nicht wirklich neu"

Laut Neck sind die publizierten zusammengefassten Zahlen "furchtbar, aber nicht wirklich neu". Sie gäben nur wieder, was einzelne Diözesen in unterschiedlichen Formen bereits berichtet hätten. Wichtiger seien Erkenntnisse der Studie, mit denen sich die kirchliche Aufarbeitung und Prävention verbessern ließen.

Der Sprecher erinnerte zudem an die Vergebungsbitte Bischof Voderholzers, mit der sich dieser anlässlich der Veröffentlichung des Berichts zu den Regensburger Domspatzen vor einem Jahr anstelle der Täter an die Betroffenen gewandt hatte. Die Übergriffe seien "für diese Menschen eine Katastrophe, die nicht selten ihr ganzes Leben prägt". Der Bischof habe sich bereits mit vielen Geschädigten getroffen und sei auch weiterhin zum Gespräch bereit. Er wolle wissen, was geschehen sei, und alles in die Wege leiten, um geschehenes Unrecht anzunehmen und den Opfern zu helfen, "mit diesem leidvollen Kapitel ihres Lebens Frieden zu schließen, soweit das auch immer möglich ist".

Am Mittwoch waren erste Ergebnisse der "Studie über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch Geistliche" bekanntgeworden. Demnach gab es zwischen 1946 und 2014 in Deutschland 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe von mindestens 1.670 Beschuldigten, darunter mehrheitlich Priester. Bei den Betroffenen handelte es sich überwiegend um männliche Minderjährige. Bereits am Wochenende hatten mehrere Bischöfe die Opfer um Verzeihung gebeten und Konsequenzen angekündigt. (tmg/KNA)

Das sagen die anderen Bischöfe zur Studie

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, mahnte eine Opferperspektive an. "Wir sehen mit den Augen der Opfer, mit den Betroffenen, auf das, was geschehen ist", sagte Marx am Sonntag im rheinland-pfälzischen Vallendar. "An ihrer Seite müssen wir stehen", betonte der Münchner Erzbischof. Der sexuelle Missbrauch sei "eine Wunde, etwas, was uns zutiefst bedrückt und erschüttert und erschrocken macht, dass inmitten der Kirche das geschehen ist und geschieht".

"Radikale Form der Selbstkritik"

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki nannte es beschämend, dass die Kirche solche Taten zugelassen habe und "dass nachweislich vertuscht wurde, weil man den Ruf der Institution über das Wohl des Einzelnen gestellt hat". Passaus Bischof Stefan Oster mahnte "eine radikale Form der Selbstkritik im Blick auf die Institution" an. Ausdrücklich würdigte der Jugendbischof den "großen Mut" Betroffener, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Man werde sich nun auch der Diskussion stellen müssen über Themen wie eine Änderung der Sexualmoral oder die Abschaffung des Zölibats.

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck schrieb in einem Brief an alle Gläubigen von "schwerer Schuld" und einer "dunklen Stunde unserer Kirchengeschichte, die hoffentlich zu einer Reinigung und Erneuerung führen wird". Der Berliner Erzbischof Heiner Koch rief alle Katholiken zu Wachsamkeit auf: "Missbrauch darf in unserer Kirche keinen Platz haben." Bambergs Erzbischof Ludwig Schick sagte: "Wir sind beschämt und erschüttert."

Der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst rief die "Verantwortlichen in den Bistümern" dazu auf, Konsequenzen aus der Studie zu ziehen und Missbrauchsfälle transparent aufzuarbeiten. Nur dann könne die Kirche Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Die Ergebnisse der Untersuchung bezeichnete er als "erschreckend". Zugleich wandte sich Fürst in einem Brief an alle Mitarbeiter des Bistums. "Ich kann ihnen keine entschuldigende Antwort geben. Ich kann nur für unsere Kirche um Vergebung bitten, bei den Opfern und vor Gott", heißt es in dem Schreiben.

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Marx: "Wir sehen mit den Augen der Opfer, mit den Betroffenen, auf das, was geschehen ist."

Der Umgang mit Missbrauch sei in den vergangenen Tagen auch beim Einführungskurs für neue Bischöfe in Rom angesprochen worden, berichtete der Würzburger Bischof Franz Jung. Der Bischof sagte zudem, dass die Katholiken in diesen Tagen besonders verbunden mit den Menschen seien, die in der Kirche Missbrauch erlebt hätten. Er verband damit die Frage: "Spüren wir überhaupt dieses Leiden und wie gehen wir damit um?" Er appellierte an die Gläubigen, über das Leiden von Menschen nicht mit Ignoranz und Arroganz hinwegzugehen.

Der Limburger Bischof Georg Bätzing unterstrich, dass die Studie zeige, wie diese Verbrechen über lange Zeit fälschlicherweise abgewiegelt, verharmlost und vertuscht worden seien, um vorgeblich "Schaden" von der Kirche abzuwenden. Es sei "vom Bösen, wenn auf diese Weise Aufmerksamkeit und Ressourcen den Opfern vorenthalten werden".

Heinrich Timmerevers ist Bischof von Dresden-Meißen.

Timmerevers: "Dieses Ausmaß von sexualisierter Gewalt in unseren Bistümern habe ich nicht erwartet."

Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr betonte: "Wir Bischöfe wollten nichts geheim halten. Im Gegenteil." Er rief alle Gläubigen dazu auf mitzuhelfen, den "Sauerteig der Sünde wegzuschaffen", durch verständnisvolle Hilfe für die Betroffenen, kritische Sicht auf Strukturen und Mentalitäten der Kirche sowie wirkungsvolle Präventionsmaßnahmen.

"Stehen erst am Beginn eines langen Weges"

Der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers sagte: "Dieses Ausmaß von sexualisierter Gewalt in unseren Bistümern habe ich nicht erwartet." Seines Erachtens müsse man "nochmal den Fokus auf die Aufarbeitung legen und prüfen, ob unsere Präventionsmaßnahmen tatsächlich reichen und ausreichend greifen - die Frage habe ich schon."

Aus Sicht des Bischofs von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann, zeigen die Ergebnisse der Studie, dass das bisher Unternommene nicht ausreiche: "Wir müssen für unsere Kirche weitere Konsequenzen ziehen und uns allen damit verbundenen Fragen offen und ehrlich stellen." Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf sagte: "Was den Umgang mit dem sexuellen Missbrauch angeht, stehen wir erst am Beginn eines langen Weges." Er kündigte einen Brief an die Gemeinde zum Thema Missbrauch nach der Vollversammlung an.

Ausmaß und Dimension des jahrzehntelangen Missbrauchs durch Kleriker sowie die Vertuschung durch Bistumsverantwortliche "treffen uns alle sehr", erklärte der Freiburger Erzbischof Stephan Burger. "Auch wir, die Verantwortungsträger im Erzbistum Freiburg, müssen uns die Frage stellen, wo wir mitschuldig geworden sind, wo wir Bedingungen unterstützt haben, unter denen Minderjährigen durch Kleriker unermessliches Leid zugefügt werden konnte." Die veröffentlichten Ergebnisse forderten weiterhin eine verantwortungsvolle und sensible Aufarbeitung, so Burger. (tmg/KNA)

17.9., 16:30 Uhr: Ergänzt um Statement von Erzbischof Burger. 17:10 Uhr: Ergänzt um Statement von Bischof Fürst.