Warum Priester und Co. von liturgischen Regeln abweichen
Sogar das Hochgebet wird verändert

Warum Priester und Co. von liturgischen Regeln abweichen

Kritiker nennen es liturgischen "Missbrauch": Gottesdienste werden oft nicht so gefeiert, wie es die Kirche vorschreibt. Eine neue Studie zeigt, wo, wie häufig und warum von der Norm abgewichen wird. Darüber sprach katholisch.de mit dem Liturgiewissenschaftler Martin Stuflesser.

Von Tobias Glenz |  Bonn/Würzburg - 17.12.2018

Nach dem Willen der Kirche sollen Gottesdienste nicht beliebig gefeiert werden. Deshalb existieren liturgische Regeln, sogenannte "Normen", die einen universellen, verbindlichen Vergleichsmaßstab für die katholische Liturgie darstellen. In der Geschichte des christlichen Gottesdienstes waren diese Normen mal enger, mal weiter gefasst. Die konkrete gottesdienstliche Realität ist heute jedoch oft nicht deckungsgleich mit den Vorgaben liturgischer Bücher – es kommt zu Normabweichungen. Warum ist das so? Der Würzburger Liturgiewissenschaftler Martin Stuflesser hat mit dem Religionspädagogen Hans-Georg Ziebertz drei Jahre lang zum Verhalten von liturgischen Akteuren – Priestern, Ständigen Diakonen, hauptamtlichen pastoralen Mitarbeitern – geforscht und Interviews geführt. Jetzt wurde die Studie veröffentlicht. Ein Interview.

Frage: Herr Stuflesser, Sie haben in Ihrer Studie sogenannte liturgische "Normabweichungen" untersucht. Wie oft kommen solche Abweichungen vor?

Stuflesser: Mehr als die Hälfte der von uns befragten liturgischen Akteure nimmt regelmäßig Veränderungen der Liturgie vor, um gottesdienstliche Feiern "passend" zu machen – für sich selbst und ihre Gemeinden. Viele wollen also verschiedene liturgische Vorgaben nicht mittragen, sondern die Liturgie anders feiern als vorgeschrieben. Dass Gottesdienste angepasst werden, war im Grunde keine Überraschung für uns. Unsere Studie wollte vielmehr herausfinden, wo genau von der Norm abgewichen wird, und vor allem die Gründe erörtern, warum das so ist.

Frage: In welchen Teilen der Liturgie wird denn besonders häufig von der Norm abgewichen?

Stuflesser: Das betrifft zum einen den Bereich der liturgischen Sprache, die häufig als unverständlich und sperrig bemängelt wird. Man ändert also die vorgegebenen Gebete ab, sucht Alternativgebete aus einschlägigen Publikationen aus, oder man schreibt Texte gleich komplett selber – bis hin zum Hochgebet. Ein weiteres Beispiel ist der Bereich der Leseordnung: Hier werden häufig Lesungen weggelassen – bevorzugt die alttestamentlichen –, weil man sie zu kompliziert oder zu wenig ansprechend findet. Ein prominentes Beispiel ist auch die Schlussdoxologie des Hochgebets: Viele Priester lassen die ganze Gemeinde das "Durch ihn und mit ihm und in ihm..." mitbeten. Das ist so nicht vorgesehen. Seit der frühen Kirche spricht die Gemeinde hier nur das "Amen", das das gesamte Eucharistiegebet des Vorstehers ratifiziert. Hierbei spielt der Wille nach einer größtmöglichen aktiven Teilnahme aller Gläubigen eine Rolle. Das ist vielleicht das wichtigste Ergebnis der Studie: dass Abweichungen nie beliebig vorgenommen werden, sondern die Akteure immer ihre Gründe haben.

Frage: Und was sind die Gründe für Abweichungen?

Stuflesser: Es lassen sich unter den Akteuren zwei grobe Grundlinien ausmachen: Die einen halten sich weitestgehend an die Normen – die anderen weichen generell eher davon ab. Wer welche Linie vertritt, das hat viel mit dem jeweiligen Liturgieverständnis zu tun. Wenn es primär darum geht, dass der Gottesdienst ein Gemeinschaftserlebnis sein soll, das den Leuten eine "gute Zeit" bereitet, in der sie zusammen beten und singen, dann geht man mit den Normen kreativer um. Wer eine solche Linie vertritt, der empfindet Vorgaben eher als einengend – man will ja auf die Gemeinde eingehen, sie aktiv beteiligen. Die andere Seite hingegen sieht Liturgie primär als Gottesbegegnung mit offiziellem Charakter und betont die Einheitlichkeit für die Weltkirche: Dann werden die Normen natürlich als hochgesetzt angesehen, vielleicht noch die offiziellen Auswahlmöglichkeiten in den liturgischen Büchern genutzt – aber eben alles in den Grenzen, die die Normen vorgeben.

Frage: Sie lehnen den Begriff des liturgischen "Missbrauchs" in Ihrer Studie explizit ab. Weshalb?

Stuflesser: Zunächst: Es geht uns überhaupt nicht darum, liturgisch abweichendes Verhalten zu denunzieren. Wir wollen es lediglich empirisch erfassen. "Missbrauch" wäre so oder so der falsche Begriff, denn spätestens seit der Frage des sexuellen Missbrauchs in der Kirche ist das Wort viel zu stark und negativ konnotiert. Da bewegen wir uns hier ja in einer ganz anderen Kategorie.

Bild: © Privat

Martin Stuflesser ist Professor für Liturgiewissenschaft und Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Würzburg. Er ist Priester des Bistums Mainz und Berater der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Frage: "Abweichungen" klingt nun aber nicht nach etwas Verbotenem. Sind also sämtliche Normabweichungen legitim?

Stuflesser: Natürlich nicht. Unsere Liturgie sieht zwar eine ganze Reihe von Auswahlmöglichkeiten vor und wünscht auch ausdrücklich Anpassungen an die Gemeinde vor Ort. Allerdings sagt das Kirchenrecht auch ganz klar, dass die Gläubigen ein Recht darauf haben, dass der Gottesdienst gemäß den Vorschriften der Kirche gefeiert wird (Anm.: Can. 214 CIC). Etwa bei Tages-, Gaben- oder Schlussgebet ist vorgesehen, dass sie genau so gebetet werden, wie sie im Messbuch stehen. Wenn jemand nun einfach ein eigenes Gebet schreibt, das nicht approbiert ist, dann ist das nicht erlaubt.

Frage: Was passiert denn, wenn solche illegitimen Abweichungen bekannt werden?

Stuflesser: Das liegt in den Händen der Bischöfe. Die vatikanische Instruktion "Redemptionis sacramentum" hängt liturgische Normen sehr hoch und sieht auch Sanktionsmöglichkeiten vor. Wie häufig diese Abweichungen "nach oben" weiterkommuniziert werden, haben wir nicht untersucht. Ich könnte mir aber denken, dass so mancher Bischof schlaflose Nächte bekäme, wenn er wüsste, dass über 50 Prozent seiner Mitarbeiter die Liturgie nicht so feiern wie vorgegeben.

Frage: Jetzt könnte man denken, dass liturgische Normen verzichtbar sind, wenn sie sowieso ohne Probleme umgangen werden können…

Stuflesser: Das definitiv nicht. Es braucht liturgische Normen, weil sie eine theologische Qualitätssicherung darstellen und ein gottesdienstliches Grundgerüst vorgeben. Unbeantwortet ist jedoch die Frage, wie viel Einheitlichkeit der Ablauf der Liturgie in der Weltkirche tatsächlich braucht, damit man überall sagen kann: Wo römisch-katholisch draufsteht, ist auch römisch-katholisch drin. Klar ist, dass Liturgie an die jeweilige Ortskirche angepasst werden kann und muss, damit dort mit Blick auf Sprache und rituelle Abläufe authentisch Gottesdienst gefeiert werden kann. In der Liturgiewissenschaft sprechen wir daher auch erst mal nicht in den Kategorien "erlaubt und unerlaubt", sondern "sinnvoll und weniger sinnvoll".

Frage: Und was bedeuten diese Kategorien mit Blick auf die Normabweichungen?

Stuflesser: Der Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass viele Liturgiereformen aus Normabweichungen hervorgegangen sind. Das waren Bewegungen "von unten". Wenn etwa junge Mönche zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Krypta von Maria Laach die Gemeinschaftsmesse auf Deutsch feiern, tun sie das zu einer Zeit, in der das eigentlich verboten ist. Trotzdem nimmt das Zweite Vatikanum das irgendwann auf, denn aus der gesamten Weltkirche kommen immer mehr Stimmen, die es für sinnvoll halten, dass die Volkssprache in der Liturgie einen breiteren Raum einnimmt.

Das Zweite Vatikanische Konzil im Petersdom.
Bild: © KNA

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) nahm liturgische Normabweichungen auf und überführte sie in eine Liturgiereform.

Frage: Sie haben in Ihrer Studie in unterschiedlichen Bistümern nachgefragt. Gibt es da signifikante Unterschiede?

Stuflesser: Unterschiede schon, wenn auch nicht überproportional. Es hat sich zumindest die Tendenz gezeigt, dass die Diaspora konservativer ist, weil sie sich identitätsbildend nach außen abgrenzen möchte. Die Liturgie wird dort also zum Identitätsmarker, und man feiert sie tendenziell eher so, wie sie in den offiziellen Büchern vorgegeben ist.

Frage: Sie haben außerdem unterschiedliche Gruppen von liturgischen Akteuren befragt. Gibt es da eine Gruppe, die häufiger Änderungen vornimmt als andere?

Stuflesser: Feststellen konnten wir vor allem Unterschiede bei den Generationen. Bei jüngeren Hauptamtlichen, gerade in der jüngeren Priestergeneration, findet sich eher Ablehnung und Misstrauen gegenüber freieren liturgischen Formen. Umgekehrt gibt es die ältere Generation, die unmittelbar nach dem Konzil geweiht wurde und die damalige Aufbruchsstimmung mitbekommen hat: Da geht es sehr stark in Richtung freierer Formen. Das sind jedoch Pendelbewegungen. Eine Schwarz-Weiß-Malerei von wegen "Konservative Jungkleriker gegen die liberale Konzilsgeneration" wäre nicht richtig.

Frage: Von konservativen Kreisen kommt häufig der Vorwurf, dass gerade die reformierte Liturgie anfällig für liturgischen "Wildwuchs" sei. Gab es in der vorkonziliaren Liturgie tatsächlich keine Normabweichungen?

Stuflesser: Die These halte ich für einigermaßen unsinnig. Natürlich kann man sagen, dass die vorkonziliare Liturgie noch stärker normiert war und es deutlich weniger Auswahl- oder Anpassungsmöglichkeiten gab. Aber Normabweichungen hat es in der Kirchengeschichte zu allen Zeiten gegeben. Wenn wir uns die Liturgische Bewegung anschauen, dann zeichnet sich diese durch Normabweichungen aus. Und die wurden von der Kirche ganz bewusst aufgenommen und in eine Liturgiereform überführt. Eine überwältigende Mehrheit der Bischöfe sah hier also Handlungsbedarf. Eine Verglorifizierung der vorkonziliaren Liturgie als diejenige, die immer normgerecht gefeiert wurde, ist historisch nicht haltbar.

Frage: Was soll aus Ihrer Studie nun resultieren, und welche Rolle spielen Normen noch für den Gottesdienst der Zukunft?

Stuflesser: Wir haben ja keine Handlungsmaximen für die Zukunft entwickelt, sondern zunächst einmal erfasst, wie liturgische Akteure im Heute handeln. Ein ganz wichtiger nächster Schritt wäre nun zu schauen, was die Gemeinde sich eigentlich für die Gottesdienste wünscht. Wie also stellen sich die Gläubigen Liturgie im 21. Jahrhundert vor? Dafür haben wir bereits ein Folgeprojekt geplant. In allen Gemeinden sollte es zudem ein regelmäßiges liturgisches Qualitätsmanagement geben. Normen werden aber auch in Zukunft eine Rolle spielen. Es gibt schlicht "Essentials", die unverzichtbar sind. Etwa eine einheitliche Leseordnung und einheitliche Hochgebete. Das heißt aber nicht, dass sich hinsichtlich der Normen nicht auch künftig etwas ändern kann – das tut es permanent. Man denke an die Fußwaschung für Frauen: Papst Franziskus hat am Gründonnerstag Frauen die Füße gewaschen, obwohl die liturgischen Normen das zu diesem Zeitpunkt verboten haben. Er hat sich also als oberster Gesetzgeber über die Normen hinweggesetzt – und dann werden sie konsequenterweise irgendwann geändert. Heute ist es ganz selbstverständlich, dass allen getauften Christen die Füße gewaschen werden können. Liturgie ist und war immer etwas Lebendiges, das wächst und sich weiter entwickelt.

Von Tobias Glenz

Buchtipp:

Stuflesser, Martin / Weyler, Tobias (Hg.): Liturgische Normen. Begründungen, Anfragen, Perspektiven, Verlag Friedrich Pustet, ISBN: 978-3791725611, 264 Seiten, 34,95 Euro.