Ein Kreuz vor schwarzem Himmel
Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche

Zwei Probleme: Klerikalismus und Sexualmoral

Über die erschreckenden Zahlen zum Missbrauch in der katholischen Kirche haben diverse Medien bereits berichtet. Doch was sind die Ursachen? Und welche Empfehlungen sprechen die Forscher aus? Katholisch.de hat sich die Studie angeschaut – auch im Hinblick auf das "Tabuthema" Homosexualität.

Von Björn Odendahl |  Bonn/Fulda - 25.09.2018

Die Zahlen der Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland liegen auf dem Tisch – und das bereits seit der Vorabveröffentlichung von "Spiegel" und "Zeit" vor rund zwei Wochen: 3.677 betroffene Kinder und Jugendliche auf der einen, 1.670 beschuldigte Kleriker auf der anderen Seite. Auf die Begrifflichkeiten legen die Wissenschaftler der Studie wert. Von "Opfern" und "Tätern", wie es die meisten Medien tun, sprechen sie nicht. Denn untersucht haben sie lediglich die "Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger".

Doch auch wenn nicht jeder Beschuldigte gleich Täter war oder ist. Es relativiert die Zahlen nicht. Denn die Dunkelziffer liegt laut Angaben der Forscher wohl weitaus höher als die schon erschreckend hohen 4,4 Prozent aller Kleriker aus dem untersuchten Akten im Zeitraum von 1946 bis 2014. Zumindest eine Annäherung an die tatsächlichen Zahlen liefern die Forscher aber mit: Dafür verglichen sie die Anträge von mutmaßlichen Opfern auf Anerkennungszahlungen mit den Personalakten der mutmaßlichen Täter. Das Ergebnis: Nur bei jedem zweiten Geistlichen fand sich ein entsprechender Eintrag. Umgekehrt bedeutet das: Rund 50 Prozent der Missbräuche wären bei einer ausschließlichen Durchsicht der Personalakten unentdeckt geblieben.

Nicht alle Diözesen von 1946 bis 2014 erfasst

Untersucht wurden für die Studie mehr als 38.000 Personalakten aus allen 27 deutschen Diözesen. Das Forschungsteam hatte dabei allerdings keinen Zugriff auf die Originalakten. Stattdessen waren es das Personal der Diözesen selbst oder eine beauftragte Anwaltskanzlei, die die Missbrauchsbefunde in die dafür vorgesehenen Erfassungsbögen übertrugen. Auch wurden nur in zehn Diözesen die Akten für den gesamten Zeitraum von 1946 bis 2014 erfasst. Eine Personalakte von 1946 kann dabei durchaus auch Missbrauchsvorwürfe beinhalten, die noch weiter zurückliegen. Der älteste Fall, der in der Studie erfasst wurde, datierte aus den 1910er Jahren. In den übrigen 17 Diözesen beschränkte sich die Durchsicht auf die Jahre 2000 bis 2014.

Den Forschern genügte das allerdings, um mit der Studie einen "unverzichtbaren Zugang zur Analyse des sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche" zu liefern. Zum Projekt gehörte neben der Durchsicht der Personalakten nämlich auch die Analyse der Strafakten, die Interviews mit Betroffenen, beschuldigten sowie nicht beschuldigten Klerikern, eine anonymisierte Internet-Umfrage und die Untersuchung der Präventionskonzepte.

Neben dem übergeordneten Ziel, die Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker festzustellen, ging es dem siebenköpfigen Forscherteam rund um Studienleiter Harald Dreßing noch um eine weitere wichtige Erkenntnis: die spezifischen Merkmale der Kirche, die Missbrauch fördern und dessen Aufklärung verhindern können. Dabei fallen vor allem zwei Schlagworte: Klerikalismus und die katholische Sexualmoral.

Die gesamte Studie

Die "MHG-Studie ist benannt nach den Orten der Universitäten des Forschungskonsortiums – M(annheim)-H(eidelberg)-G(ießen) – und trägt den Titel "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz".

Klerikalismus definiert die Studie zunächst als "hierarchisch-autoritäres System", das zu einer Dominanz der geweihten über die nicht geweihte Person führen könne. Sexueller Missbrauch sei dann ein extremer Auswuchs dieser Dominanz. Das autoritär-klerikale Amtsverständnis könne darüber hinaus bei Verantwortlichen dazu führen, dass begangener Missbrauch eher als Bedrohung des eigenen Systems statt als Gefahr für weitere Kinder und Jugendliche betrachtet würde. Das Ergebnis: Vertuschung statt Offenlegung.

Die Forscher belegen ihre Schlussfolgerungen unter anderem so: Nur bei 33,9 Prozent aller Beschuldigten war ein kirchenrechtliches Verfahren und bei 37,7 Prozent eine Strafanzeige dokumentiert. Auf der anderen Seite war der Anteil der Versetzungen innerhalb der eigenen Diözese mit 91,8 Prozent bei den mutmaßlichen Tätern signifikant höher als bei nicht beschuldigten Priestern (86,8 Prozent). Das gleiche Bild ergibt sich auch für Versetzungen von einem in ein anderes deutsches Bistum sowie ins Ausland. Dabei fanden sich auch Hinweise, dass "die Mehrzahl dieser Versetzungen oder Wechsel nicht mit einer entsprechenden Information der aufnehmenden Gemeinden oder Diözesen über die jeweiligen Beschuldigungen" einhergingen.

Daraus leiten die Forscher zahlreiche Empfehlungen ab: Ganz praktisch brauche es eine für alle Diözesen verbindliche, einheitliche und transparente Personalaktenführung. Die Untersuchung und Sanktionierung von Missbrauchsvorwürfen müssten kirchlicherseits transparenter und beschleunigt werden. Die Sanktionen sollten außerdem "der Schwere des jeweiligen Delikts entsprechen". Darüber hinaus sei es zwar wichtig, als Diözese sofort Strafanzeige zu erstatten. Doch würde es auf der anderen Seite nicht ausreichen, "die Problematik damit vollständig an die staatliche Verantwortlichkeit zu delegieren". Letztlich müsse sich die Kirche aber auch mit den klerikalen Machtstrukturen, dem Weiheamt und dem Rollenverständnis des Priesters auseinanderzusetzen.

Der Umgang mit der eigenen Sexualität

Eine große Mitverantwortung an der Missbrauchskrise geben die Forscher zudem der katholischen Sexualmoral sowie den Umgang mit Sexualität im Allgemeinen. Zwar habe die Mehrzahl der Diözesen mittlerweile sexualpädagogische Module in die Priesterausbildung übernommen. Mit Bezug auf das Thema Missbrauch dauerten sie aber lediglich ein bis zwei Tage. Unterrichtseinheiten, die sich allgemein mit dem Thema Sexualität befassten, würden darüber hinaus nur in 62,5 Prozent der Diözesen mit Priesterseminar angeboten. Angesichts der Herausforderungen, den gerade der Zölibat lebenslang an katholische Priester stelle, seien Zeit und Bedeutung, die der Thematik gewidmet würden "knapp bemessen", urteilen die Forscher. Den Zölibat bezeichnen sie aber nicht "eo ipso" (von sich aus) als Risikofaktor für Missbrauch.

Sie empfehlen daher, der Auswahl, der Ausbildung und der berufsbegleitenden psychologischen Beratung von Klerikern eine höhere Bedeutung zukommen zu lassen. Aspekte der "sexuellen Identitätsfindung" und der hohen seelischen Anforderung müssten verstärkt beachtet werden. Ein pastoral-spiritueller Zugang sei dafür jedoch nicht ausreichend. Stattdessen müssten moderne psychologische und sexualwissenschaftliche Erkenntnisse in die Aus- und Weiterbildung einbezogen werden.

Ein Kandidat liegt während seiner Priesterweihe auf dem Boden.

Die Forscher Empfehlen: Bei der Ausbildung künftiger Priester muss den Umgang mit der eigenen Sexualität stärker in den Fokus rücken.

Ein ganz eigenen Punkt widmen die Forscher dem Thema Homosexualität. Die Zahlen scheinen in diesem Punkt zunächst für sich zu sprechen. 62,8 Prozent der Betroffenen insgesamt waren männlich. Bei der Analyse der Strafakten lag die Zahl sogar bei 80,2 Prozent – ein großer Unterschied zu den Befunden in nicht-kirchlichen Kontexten. Bei den Beschuldigten gab es in 14 bis 19 Prozent der Fälle Hinweise auf eine homosexuelle Orientierung. Zum Vergleich: An Schulen sind es nur 6,6 Prozent.

Dennoch stellen die Forscher fest: "Homosexualität ist kein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch." Stattdessen verweisen sie zunächst auf die Kontaktmöglichkeiten für Priester. Ministranten waren bis in die jüngste Vergangenheit zum Großteil männlich. In kirchlichen Internaten und Heimen sah es ähnlich aus. Als Begründung reicht den Wissenschaftlern das aber nicht aus. Vielmehr könne ein zölibatäres Leben Priesteramtskandidaten mit "einer unreifen und abgewehrten homosexuellen Neigung" als Lösung für ein innerpsychisches Problem erscheinen. Hinzu käme, dass die Kirche homosexuelle Beziehungen und Praktiken nach außen hin ablehne.

"Homosexualität ist kein Risikofaktor"

Das komplexe Zusammenspiel von sexueller Unreife, abgewehrter und verleugneter Homosexualität in einer homophoben Umgebung kann daher laut Forscher eine weitere Ursache für die meist männlichen Betroffenen sein. Sie betonen deshalb, dass "die ablehnende Haltung der katholischen Kirche zur Weihe homosexueller Männer dringend zu überdenken sei". Formulierungen wie die der "tief verwurzelten homosexuellen Neigung", die etwa in den Leitlinien zur Priesterausbildung auftauchen, entbehrten zudem "jeder wissenschaftlichen Grundlage". Entscheidend sei es, eine "offene und toleranzfördernde Atmosphäre" zu schaffen.

Doch über allem Reformbedarf der Kirche steht letztlich die Verantwortung gegenüber den Opfern. Diese vermissten trotz des Bedauerns "Zeichen einer wirklichen Reue und eines authentischen Schuldeingeständnisses", schreiben die Forscher. Zudem wünschten sich einige Betroffene einen Gedenktag für die Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche und höhere Zahlungen als Anerkennung für das erlittene Leid. Auch empfehlen die Wissenschaftler, Betroffene stärker in die Präventionsarbeit der Kirche einzubinden. Nur so könne man ein Zeichen dahingehend setzen, "dass die Kirche Betroffene und deren Perspektiven wirklich ernst nimmt".

Von Björn Odendahl