Schachfigur
Standpunkt

Der "heilige Rest" ist laut, aber nicht mächtig

"Katholische" Internetportale und konservative Blogs sorgen dafür, dass die Rückwärtsgewandten in der Kirche zahlreicher erscheinen, als sie sind. Die Reformer sollten sich von ihnen nicht einschüchtern lassen, meint Björn Odendahl.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 21.02.2019

Wie schaffen wir es, Kirche in der Welt von heute zu sein? Die Frage ist nicht neu. Vor mehr als 50 Jahren haben die Konzilsväter ihr mit "Gaudium et spes" gleich ein ganzes Dokument gewidmet. Damals war die Antwort klar: Es braucht einen Dialog mit der Welt. Kirche muss ihre frohe Botschaft verkünden. Aber sie muss auch zuhören und lernen – von den Wissenschaften, von der Gesellschaft, von der Wirklichkeit. Vielerorts klappt das in der Kirche schon ganz gut. Und doch gibt es auch im 21. Jahrhundert noch Katholiken, die sich diesem Dialog komplett verschließen; für die die Gleichstellung von Mann und Frau ebenso verunsichernd ist wie angedachte Reformen kirchlicher Hierarchien und Machtverhältnisse.

Man könnte es ignorieren. Schließlich ist das Phänomen der Rückwärtsgewandtheit in Teilen der Kirche so alt wie die Kirche selbst. Auch ist es nur eine kleine Gruppe, wie etwa jüngst die (vermutlich noch) geschönte Zahl von rund einem Prozent der Priester zeigt, die die "Alte Messe" feiern. Aber durch die Digitalisierung, die Sozialen Netzwerke und kirchliche Filterblasen suggeriert die kleine Gruppe an Reformgegnern und Franziskus-Kritikern heute, weitaus größer und mächtiger zu sein, als sie es wirklich ist. Was früher bestenfalls im Priesterseminar der Piusbrüder in Zaitzkofen propagiert wurde, überflutet heute als Propagandamaschinerie das Internet – und damit Welt und Wohnzimmer vieler Menschen.

Einschlägige "katholische" Nachrichtenportale vermischen dabei Nachrichten mit Meinungen – inklusive Verunglimpfung von Einzelpersonen oder gesellschaftlichen Gruppen. Es werden Stellungnahmen und Kampfschriften der ewig gleichen Kirchenvertreter publiziert, die in der Kirche längst an Bedeutung verloren haben oder die diese niemals besaßen. In Blogs und den Kommentarspalten lobt und bekräftigt man sich gegenseitig für das Verkünden der "Wahrheit" und verurteilt die, die vermeintlich "Verwirrung" stiften. Die "Verwirrer" erwartet zudem ein hausgemachter "Shitstorm".

Doch der vermeintlich "heilige Rest" ist vor allem eins: laut. Umso schlimmer, wenn sich viele Vordenker innerhalb der Kirche trotzdem davon lähmen lassen. Priester und Bischöfe mit einem differenzierten Blick auf die Realität werden vorsichtig. Regenten und Professoren mit guten Ideen haben Angst. Dabei sollte doch klar sein: Wer laut ist, hat meist weniger Macht als er denkt.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Chef vom Dienst bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.