Schachfigur
Standpunkt

Wider die verbalen Ausgemeindungen!

Wenn nur zehn Prozent der Katholiken sonntags den Gottesdienst besuchen, dann heißt das noch lange nicht, dass der Rest nur noch "formal" katholisch ist, kommentiert Andreas Püttmann. Er antwortet damit auf Äußerungen des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf.

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 15.01.2019

Die weihnachtliche Festzeit beschert den Kirchen den größten Resonanzraum im Jahreskreis. "Proppenvolle" Gottesdienste an Heiligabend, Andrang bei Weihnachtsoratorien und Neujahrs-"Te Deum" mit opulenter Kirchenmusik, Sternsinger-Invasion in Haushalten und Ämtern bis in die Staatsspitzen, Honneurs auf Empfängen, erhöhte Medienpräsenz. Vielleicht meint mancher deshalb, dem Abschmücken der Deko gleich ein Abschminken volkskirchlicher Illusionen folgen lassen zu müssen – obwohl es die kaum noch gibt. Der Bischof von Mainz sagte jetzt, dass hierzulande rund 90 Prozent der Katholiken zwar formal noch Mitglied der Kirche seien und Kirchensteuer zahlten, "aber das klassische kirchliche Angebot der Territorialgemeinde nicht brauchen …Worauf warten diese Menschen? Wohl nicht auf das Hochamt am Sonntagmorgen."

Wer sonntags um 10 Uhr im Kölner Dom dank Messdienern und Chor mehr Menschen feierlich einziehen sieht als im Mittelschiff sitzen, mag das für realistisch halten und sich einer Stimmung hingeben als wäre schon Aschermittwoch. Doch Vorsicht! Wenn zehn Prozent der Katholiken in die Sonntagsmesse kommen, heißt das nicht, dass die anderen nur "formal" katholisch sind. Legt man den Begriff "regelmäßig" für den Kirchgang weiter aus, wie der Bertelsmann- "Religionsmonitor" 2013, kommt man auf viel mehr "praktizierende" Christen: Damals gab jeder dritte Katholik an, mindestens einmal monatlich zur Kirche zu gehen, übrigens nicht weniger als Muslime in die Moschee. Sich der Kirche "eng" oder "kritisch verbunden" zu fühlen, erklären noch mehr. TV- und Online-Übertragungen von Gottesdiensten werden nicht nur von Kranken zu frommer Andacht genutzt. Als "religiöser Mensch" bekannten sich 2017 laut Allensbach 65 Prozent der deutschen Katholiken.

Man hüte sich also vor verbalen Ausgemeindungen! Aber auch vor einer Demoralisierung der Minderheit, die das Hochamt am Sonntag und die Angebote der "Territorialgemeinde" schätzen. Populisten mögen "Politik für die Mehrheit" propagieren. Der Kirche ist es auch die kleine Schar wert, ihr Bestes zu geben. Den Glutkern katholischen Glaubens mögen heute nur noch drei bis vier Millionen hoch identifizierte Kirchenmitglieder bilden. Aber Millionen kirchlich "randständiger", kulturell katholisch geprägter Menschen leisten auch einen Beitrag zur sozialen Präsenz des Christentums. An sie denke ich mit, wenn im Vierten Hochgebet demütig und einfühlsam derer gedacht wird, "um deren Glauben niemand weiß als du".

Machen wir uns also nicht größer als wir sind – aber bitte auch nicht kleiner! Der Trend legt kognitiven Pessimismus nahe. Ein Christ zeichnet sich aber durch das "Dennoch" eines habituellen Optimismus aus.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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