Schachfigur
Gabriele Höfling über niederländische Verhältnisse

Wo Sterbehilfe ganz normal ist

Gabriele Höfling über niederländische Verhältnisse

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 09.03.2018

Die Zahlen, die Mitte dieser Woche in Den Haag veröffentlicht wurden, sind ein Skandal: 6.585 Menschen starben 2017 in den Niederlanden durch aktive Sterbehilfe. Das ist ein Anstieg um acht Prozent innerhalb eines einzigen Jahres. Jeden Tag sterben in unserem kleinen Nachbarland inzwischen 18 Menschen durch Sterbehilfe – das sind 4,4 Prozent aller Todesfälle.

Auch in den Niederlanden, die 2001 als erste Nation überhaupt ein Sterbehilfegesetz verabschiedeten, war es eigentlich für Einzelfälle vorgesehen. Es erschreckt mich, wie schnell sich nun eine Eigendynamik entwickelt, die mit dieser Absicht nur noch wenig zu tun hat, aber kaum noch einzufangen ist: Der Einzelfall scheint immer mehr zur Regel zu werden. Längst wollen die aktive Sterbehilfe auch Menschen in Anspruch nehmen, die zwar krank sind, aber vielleicht noch Jahre weiterleben könnten. Aktuell debattiert die Politik sogar, ob auch Senioren, die ihr Leben als "vollendet" ansehen, aktive Sterbehilfe erhalten können.

Bei allem Respekt vor der Gewissensentscheidung des Einzelnen ist das Lebens- und Menschenbild, das aus dieser Diskussion spricht, für mich doch schwer nachvollziehbar. Schon die Demut vor dem Wert des Lebens gebietet es doch eigentlich, es nicht vorzeitig zu beenden. Aber spätestens mit der christlichen Vorstellung, dass Gott das Leben schenkt und auch wieder nimmt, ist eine ausgeweitete aktive Sterbehilfe nicht mehr vereinbar. So schwer es ist: Auch Leiden und Schmerzen gehören zum Leben, sind "Part of the deal", wie der niederländische Ethikprofessor Theo Boer es kürzlich im Deutschlandfunk formulierte.

Eine zur Normalität gewordene aktive Sterbehilfe könnte zudem ungewollte Nebeneffekte mit sich bringen. Was ist, wenn sich Menschen unter Druck gesetzt fühlen, sich töten zu lassen: solche etwa, die unter Altersarmut leiden, oder kranke Menschen, deren Behandlung viel Geld kostet und die ihren Angehörigen nicht auf der Tasche liegen wollen?

Dieses Risiko dürfen die Niederlande nicht eingehen. Sie müssen ihr Gesetz um das Kriterium ergänzen, dass der Tod bei einer Sterbehilfe unmittelbar bevorstehen muss. Für Deutschland sollte der Nachbar ein warnendes Beispiel sein. Soweit darf es hier nicht kommen. Gesellschaft, Staat und Kirchen müssen alles versuchen, damit auch zweifelnden Menschen die Aussicht auf ein natürliches Lebensende erträglich wird: Durch einen konsequenten Ausbau der Palliativmedizin, durch staatliche Angebote und intensive Seelsorge für alte und einsame Menschen. Die aktuelle Debatte in den Niederlanden ist für das Nein der katholischen Kirche zur Sterbehilfe jedenfalls eine klare Bestätigung.

Von Gabriele Höfling

Die Autorin

Gabriele Höfling ist Redakteurin bei katholisch.de.

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