"Die Frauen sind im Vatikan unersetzlich"
Bild: © KNA
Mitbegründerin Gudrun Sailer über den neuen Frauen-Verein im Vatikan

"Die Frauen sind im Vatikan unersetzlich"

Vatikan - Was wollen die weiblichen Vatikan-Angestellten mit ihrem neuen Verein "Donne in Vaticano" erreichen? Journalistin und Gründungsmitglied Gudrun Sailer erzählt ihr Anliegen - und von einem Generalverdacht.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 09.12.2016

Frage: Frau Sailer, warum brauchen die Frauen im Vatikan einen eigenen Verein?

Gudrun Sailer: Es gibt ja nicht wenige Frauen im Vatikan. Sie machen immerhin 20 Prozent der Beschäftigten aus. Viele sind sich dessen aber gar nicht bewusst. Deswegen gab es schon seit Jahren Überlegungen, einen Verein zu gründen, in dem sich die Frauen ihrer Existenz vergegenwärtigen. Wir wollen uns kennenlernen, zeigen, dass wir da sind und uns gemeinsam auf den Weg machen.

Frage: Geht es eher um gemütliches Beisammensein oder um echte Lobbyarbeit?

Sailer: Wir sind nicht die Gewerkschaft der Frauen im Vatikan. Wir sind aber auch mehr als ein Frauenverein, der Kekse bäckt und beim Tee zusammensitzt. Es ist ein Netzwerk von katholischen Frauen, das nicht bloß auf sich selbst verweisen möchte, sondern auch Solidarität mit anderen Frauen draußen in der Welt zeigt, die es weniger gut getroffen haben. Die meisten von uns sind unglaublich viel beschäftigt, stehen in Beruf, haben ein Privatleben, Familie, engagieren sich ehrenamtlich. Aber trotzdem ist es uns wichtig genug, dieses Netzwerk aufzuziehen.

Eine Gruppe von Frauen vor einem Gebäude im Vatikan.
Bild: © Gudrun Sailer

Der "D.VA" (Donne in Vaticano, Frauen im Vatikan) am Tag seiner Gründung dem 1. September 2016. In der ersten Reihe an vierte Stelle von links steht Gudrun Sailer.

Frage: Welche konkreten Forderungen hat der Verein zum Umgang der Kirche mit Frauen?

Sailer: Forderungen stellen wir überhaupt nicht. Wir sind aber aufmerksame Beobachterinnen. Das mag damit zusammenhängen, dass viele von uns Journalistinnen sind — mehr als die Hälfte der Gründerinnen kommt ja aus dem Kreis von Radio Vatikan. Wir schauen aufmerksam darauf, welche Berufungen und Ernennungen im Kirchenstaat vor sich gehen. Franziskus hat ja zwei große neue Behörden geschaffen, die für Laien und Familie und das Sekretariat für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Da stehen wichtige Personalien noch aus. Außerdem warten wir auf die Ernennung der neuen Direktion der Vatikanischen Museen. Man kann davon ausgehen, dass unser Verein mit großem Interesse verfolgt, ob diese Posten auch mit Frauen besetzt werden.  

Frage: Inwiefern will sich "Donne in Vaticano" denn mit ähnlichen Vereinen vernetzen? Streben Sie auch eine kirchenrechtliche Anerkennung an?

Sailer: Die kirchenrechtliche Anerkennung haben wir. Wir sind ein eingeschriebener Verein im Vatikan, haben vatikanische Statuten und sind vom Vatikan approbiert. Außerdem sind wir mittlerweile mit einer gewissen Sichtbarkeit ausgestattet. So ist zum Beispiel Ana Cristina Villa Betancourt, die Frau, die in der neuen Großbehörde für Familie und Laien für die Anliegen der Frauen zuständig ist, Mitglied bei uns. Insgesamt stehen wir aber erst ganz am Anfang. Wir freuen uns, dass es uns gibt und dass wir nach einigen Jahren Arbeit diese Anerkennung haben. Das hängt sicher auch mit dem jetzigen Pontifikat zusammen. Wir fühlen uns sehr ermutigt von Papst Franziskus und allem, was er zum Thema Frauen sagt.

Frage: Der Verein ist schon im September gegründet worden. Was waren die ersten Aktivitäten?

Sailer: Wir wollten uns zunächst bekannt zu machen. So haben wir alle vatikanischen Behördenchefs von unserer Existenz informiert und sie sie gebeten, ihrerseits alle Frauen, die bei ihnen arbeiten, über die Initiative zu informieren. In der letzten Woche gab es eine Veranstaltung, zu der alle 750 Frauen eingeladen waren, die im Vatikan arbeiten. Im Petersdom haben wir vor ein paar Monaten eine hochinteressante Führung bekommen zu den Frauen-Grabmälern dort, auch das Schweißtuch der Veronika haben wir aus allernächster Nähe sehen dürfen, das heutzutage fast geheim gehalten und nur sehr ausgewählten Interessenten gezeigt wird. So tasten wir uns voran. Im neuen Jahr planen wir dann die nächsten Schritte.

Frage: Wer sind diese 750 Frauen, die im Vatikan arbeiten?

Sailer: In der römischen Kurie, also der Verwaltung der Weltkirche, arbeiten Frauen in mittleren und höheren Positionen. Rund 40 Prozent von ihnen sind Akademikerinnen, zum Beispiel Archivarinnen, Journalistinnen, Restauratorinnen, Büroleiterinnen und Beamtinnen in den verschiedenen Kurienbehörden. Ich habe aber auch erstaunt zur Kenntnis genommen, dass im Jahr 2016 immer noch einzelne Kurienbehörden keine einzige Frau beschäftige, etwa die Liturgiekongregation. Da herrscht noch ein gewisses Klima, das sich im Laufe der Zeit aber aufweichen wird. Die katholische Kirche kommt heutzutage nicht mehr ohne Frauen aus. Sie braucht aber an manchen Orten noch Zeit, das selbst zu begreifen.

"Frauen im Vatikan" gründen Verein

Die Kirche soll weiblicher werden: Die weiblichen Angestellten des Vatikan setzen diesen Wunsch des Papstes nun in die Tat um. Die "Frauen im Vatikan" wollen ein Zeichen für die ganze Kirche sein.

Frage: Der Frauenanteil im Vatikan steigt. Welche besonderen Fähigkeiten bringen sie ein?

Sailer: Frauen sind unersetzlich. Nicht nur, weil sie eine sehr gute Ausbildung haben. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist das Theologiestudium ja nicht mehr nur Priesteramtskandidaten vorbehalten. In Westeuropa sind mehr als die Hälfte aller Theologiestudierenden Frauen. Natürlich werden auch Laien und damit Frauen in den Vatikan geholt, weil nicht mehr genügend Priester da sind, um die Jobs zu erledigen. Aber damit ist es nicht getan. Ich glaube, dass Frauen wirklich eigene, ergänzende Perspektiven einbringen. Es kann nur gut sein, wenn unter all den Priestern und männlichen Laien auch Frauen sind, die ihren ganz normalen Alltag leben: die eine Familie haben, die sich fragen, in welche Schulen ihre Kinder gehen sollen und wo sie betreut werden können, die Verwandte pflegen müssen, die vielleicht ein Ehrenamt ausüben. All das ist Kirche, all das ist das gemeinsame Voranschreiten der Kirche.

Es muss im Vatikan keine Frauenquote geben, aber wohl ein selbstverständliches Miteinander zwischen Männern und Frauen, zwischen Geweihten und Nichtgeweihten. Da kann der Kirchenstaat noch einiges von der berühmten "Peripherie" lernen. Die Sprecherin der philippinischen Bischofskonferenz hat mir zum Beispiel neulich erzählt, dass sich dort die Frage der Frauenförderung gar nicht mehr stellt, sondern Frauen ganz selbstverständlich da sind.

Frage: Musste "Donne in Vaticano" vor der Gründung Widerstände ausräumen?

Sailer: Keine Widerstände, aber es gab schon hochgezogene Augenbrauen und den Generalverdacht: Wollt ihr euch für die Priesterweihe von Frauen einsetzen? Dabei stoßen sich die meisten Frauen in der Kirche gar nicht am "Nein" zu Priesterweihe. Auch für mich ist das kein Thema — aber alles andere ist eben ein Thema. In der Kirche sollte Verantwortung, Beratung und Expertise von beiden Geschlechtern eingebracht werden können. Wenn es wirklich einmal ein solches gemeinsames Voranschreiten gibt, erübrigt sich die Frage der Priesterweihe.

Von Gabriele Höfling

Zur Person

Gudrun Sailer ist Journalistin in Rom und Redakteurin bei "Radio Vatikan". 2008 hat sie ein Buch über die "Frauen im Vatikan" veröffentlicht.