Wenn die Worte fehlen ...
Das Bistum Speyer führt einen neuen Sterbesegen ein

Wenn die Worte fehlen ...

Angesichts des Sterbens eines geliebten Menschens kann sich Ohnmacht breit machen. Das Bistum Speyer hat ein Ritual entwickelt, das in dieser Situation helfen soll. Aber was ist mit dem Sakrament der Krankensalbung?

Von Björn Odendahl |  Speyer - 14.12.2016

In der modernen, säkularen Gesellschaft wird über fast alles offen und frei diskutiert. Das Sterben ist dagegen noch immer ein Tabuthema, dem man so lange wie nur irgendwie möglich ausweicht. Wenn es dann soweit ist, fühlen sich Freunde und Angehörige Sterbender oft ohnmächtig. Sie sind sprachlos. Genau gegen diese Sprachlosigkeit möchte das Bistum Speyer etwas tun - und hat einen speziellen Sterbesegen entwickelt.

Unterschiede zwischen Krankensalbung und Sterbesegen

Aber hat die katholische Kirche dafür nicht bereits die Krankensalbung? Ja und nein. Zwar kann das früher als "letzte Ölung" bezeichnete Sakrament, wird es in ihrem Beisein gespendet, auch den Angehörigen Hoffnung schenken. In erster Linie ist es aber ein Zwiegespräch zwischen Priester und Gläubigem. Es geht um Zuspruch für den Betroffenen und um das Vergeben der Sünden. Im Gegensatz dazu soll das neue Ritual vor allem den Angehörigen helfen, die Unausweichlichkeit des Todes und den Abschiedsschmerz auszuhalten.

"Bei der Krankensalbung steht zudem der Aspekt der Heilung im Mittelpunkt", sagt Bistumssprecher Markus Herr gegenüber katholisch.de. Das Sakrament werde bei schweren Krankheiten gespendet, aber eigentlich nicht dann, wenn der Sterbende nicht mehr ansprechbar ist. Der Sterbesegen sei aber genau für diese Situation, für die letzten Momente vor dem Tod da. Und es gibt noch einen weiteren Unterschied: Während die Krankensalbung dem Priester vorbehalten ist, kann der Sterbesegen auch von Laien gespendet werden.

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Video: © katholisch.de

Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger". Die Zeichentrickserie erklärt auf einfache und humorvolle Art zentrale Begriffe aus Kirche und Christentum. In dieser Folge geht es um das Sakrament der Krankensalbung.

"Kraft der Taufe können alle Gläubigen ihren Mitmenschen den Beistand Gottes zusagen", erklärt der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann und weist auf die Möglichkeit hin, den Sterbesegen auch ökumenisch zu feiern. Angehörige und Freunde könnten zuhause zusammenkommen, aber auch in Krankenhäusern, Altenheimen oder Hospizen. Gut sei es, wenn "der Sterbesegen in eine seelsorgliche oder hospizliche Begleitung eingebunden ist", so der Bischof. Daher sind die Seelsorger in den Altenheimen und Krankenhäusern auch die ersten Ansprechpartner für Menschen, die den Sterbesegen für sich oder ihre Angehörigen wünschen. Aber auch für die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Pfarreien soll es im Laufe des kommenden Jahres entsprechende Fortbildungsmöglichkeiten geben. "Wir setzen sehr auf die Ausbildung Ehrenamtlicher", sagt Bistumssprecher Herr.

Die Initiative zur Einführung des Sterbesegens sei aber aus dem Kreis der Seelsorger in den Krankenhäusern gekommen. "Die Sehnsucht nach kirchlichem Beistand gerade in der Sterbestunde ist ungebrochen", berichtet etwa Pastoralreferentin Birgit Kiefer aus ihrer Arbeit. Viele Angehörige fühlten sich hilflos und überfordert. Der Sterbesegen sei eine Hilfe, die letzte Lebenswende eines Menschen, seinen Übergang vom Leben zum Tod, würdig zu begleiten.

Bistum Rottenburg-Stuttgart als Vorreiter

Ganz neu ist die Idee allerdings nicht. Bei der Ausarbeitung des Sterbesegens konnte die sechsköpfige Arbeitsgruppe, in die auch Erfahrungen aus der Hospiz- und Trauerseelsorge, der ökumenischen Hospizhilfe und der Ausbildung der pastoralen Mitarbeiter einflossen, auf ähnliche Konzepte und Erfahrungen aus anderen Bistümern zurückgreifen. Vor allem das Bistum Rottenburg-Stuttgart gilt als Vorreiter. Dort erschien bereits vor vier Jahren eine Handreichung, die die Einführung eines Sterbesegens ähnlich begründete wie nun das Bistum Speyer: "Krankensalbung und Krankenkommunion bieten in dieser Situation meist nicht die angemessene Form der Stärkung, weil der Empfang dieser Sakramente voraussetzt, dass die Patientin, der Patient einigermaßen bewusst mitfeiern kann." Die Situation des nahenden Übergangs vom Leben zum Tod erfordere einen anderen Ritus. Der Sterbesegen sei deshalb auch für Priester ein "angemessenes religiöses Ritual am Übergang vom Leben zum Tod".

Für das Bistum Speyer stellt der Sterbesegen ebenfalls eine sinnvolle und hilfreiche Ergänzung zu den Kranken- und Sterbesakramenten dar, "auch dort, wo diese Sakramente bereits gespendet wurden". Dazu gehören das gemeinsame Beten und Zeiten der Stille ebenso wie das Lesen in der Heiligen Schrift. "Segnen bedeutet, dass wir einander von Gott her Gutes zusagen", erläutert Wiesemann. Das werde auch in Zeichen sichtbar. So sei jeder aus dem Familien- und Freundeskreis eingeladen, dem Kranken ein Kreuzzeichen auf die Stirn zu zeichnen. "Es erinnert viele Menschen ganz unmittelbar an frühe Glaubenserfahrungen aus der Kindheit und erreicht auch denjenigen, der das gesprochene Wort nicht mehr erfassen kann."

Seit 2008 ist Karl-Heinz Wiesemann Bischof von Speyer.
Bild: © KNA

Karl-Heinz Wiesemann ist seit 2008 Bischof von Speyer und seit 2016 Vorsitzender der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Ganz konkret hat das Bistum folgenden Aufbau für das Ritual vorgesehen: Es beginnt mit dem Kreuzzeichen, gefolgt von eine persönlichen inhaltlichen Einführung in die Feier, die mit einer Gebetsstille abgeschlossen wird. Im Anschluss sind Kyrierufe möglich. Sie können vor allem die Sterbesituation in besonderen Fällen aufgreifen. Der Eröffnungsteil schließt immer mit einem Gebet ab. Anschließend wird aus der Heiligen Schrift gelesen, bevor der eigentliche Sterbesegen gespendet wird. Der soll nach Möglichkeit durch Zeichenhandlung und Berührung  - Kreuzzeichen mit Weihwasser - unterstützt werden. Die Handauflegung ist mit dem Kreuzzeichen verbunden.

Nach dem Sterbesegen besteht die Möglichkeit für die Angehörigen, den Segensgestus oder die Berührung selbst zu bekräftigen. Der Sterbesegen wird mit dem Vaterunser und dem allgemeinen Segen abgeschlossen. Der wird von einem Priester oder Diakon als Zuspruch formuliert ("Es segne euch"). Laien beten ihn in der "uns"-Fassung. Das Bistum empfiehlt, insbesondere bei entsprechender Prägung und auf Wunsch der Sterbenden, den Sterbesegen mit einem Mariengruß oder Marienlied abzuschließen.

Ab sofort kann der Segen gespendet werden

Segnen kann übrigens erst einmal jeder Gläubige. Im "Benediktionale", dem kirchlichen Buch der Segnungen, heißt es über Christen: "Sie können aufgrund des allgemeinen Priestertums, das sie in Taufe und Firmung erlangt haben, entweder Kraft ihrer Stellung - Eltern segnen zum Beispiel ihre Kinder - oder durch die Ausübung eines besonderen Dienstes gewisse Segnungen vollziehen." Priester und andere Seelsorger - zum Beispiel Pastoralreferenten - in Speyer dürfen daher auch den Sterbesegen qua Amt spenden. Darüber hinaus können Ehrenamtliche, die eine der angebotenen Ausbildungen absolvieren, ebenfalls eine bischöfliche Beauftragung erhalten.

"Aus der Taufberufung heraus ist es jedoch auch möglich, dass Angehörige im Kreise ihrer Familie den Sterbesegen feiern", heißt es vom Bistum Speyer. Ab sofort ist das Ritual in der gesamten Diözese gültig. "Wo Worte fehlen, können Rituale helfen", sagt Bischof Wiesemann. Durch den Sterbesegen sollten Menschen erfahren, "dass sie in der Stunde des Todes nicht allein sind, sondern von Gott und ihren Mitmenschen begleitet werden".

Von Björn Odendahl

Linktipp

Alle weiteren Informationen zum Ablauf des Rituals sowie ein entsprechendes Buch zur liturgischen Feier des Sterbesegens finden Sie auf der Internetseite des Bistums Speyer.