Mit WhatsApp Gott nahe kommen
Über 1.400 junge Christen bei neuem Gebetsnetzwerk

Mit WhatsApp Gott nahe kommen

Glaube - Sie sollen "allezeit beten und nicht nachlässig werden", forderte Jesus seine Jünger auf. Diese Ermahnung gilt bis heute - doch wie betet man richtig? Eine Initiative im Bistum Augsburg will Hilfestellung geben.

Von Julia-Maria Lauer |  Bonn - 26.01.2017

Beten spielt für den Glauben eine besondere Rolle. Sie sollen "allezeit beten und nicht nachlässig werden", forderte schon Jesus seine Jünger laut dem Lukasevangelium (18,1) auf. Er selbst zog sich regelmäßig zum Gebet mit dem Vater zurück. Auch Paulus erinnerte seine Gemeinden schließlich daran: "Betet ohne Unterlass!" (Thessalonicher 5,17). Diese Forderung ist bis heute gültig, doch immer weniger Christen wissen, wie das gehen soll. Gerade junge Menschen sind mit dem persönlichen Gebet häufig überfordert.

Auch Jugendpfarrer Daniel Rietzler aus dem Bistum Augsburg kennt diese Probleme der Jugendlichen. "Viele wissen nicht, wie sie anfangen sollen zu beten", erzählt er. Dadurch sei es gar nicht erst möglich, ein kontinuierliches Gebetsleben aufzubauen oder durch das Gebet in eine tiefere Gottesbeziehung hineinzufinden. Auf dem Weltjugendtag in Krakau im August 2016 sprach Rietzler mit vielen jungen Menschen und nahm ihnen die Beichte ab. Ihm wurde klar: Diese Menschen freuen sich über eine Hilfestellung für ihr Gebetsleben. Er begann nach Büchern oder Handreichungen zu suchen, die konkrete, kurze Anleitungen geben. Doch er fand nichts.

Gebetsanleitung im Internet

Deshalb nahm der Jugendpfarrer die Sache kurz entschlossen selbst in die Hand. Mit seinem langjährigen Freund, Frater Dominikus von der Ordensgemeinschaft der Passionisten, entwarf er einen Ablauf für eine Morgen- und eine Abendandacht. Auf der Internetseite credo-online.de wird diese Anleitung kostenlos zur Verfügung gestellt. Beim auf etwa zwölf Minuten ausgelegten Morgengebet geht es darum, sich zunächst zu sammeln und das Kreuzzeichen zu machen. Ein feststehendes Gebet der heiligen Mirjam von Abellin eröffnet den Tag. Den Text sollen die jungen Leute mehr und mehr verinnerlichen. Das etwa dreiminütige Abendgebet wird frei gesprochen. Einige Hinweise sollen auch hier dabei helfen, in das Gebet hineinzufinden. "Danke Gott, dass du kein Zufallsprodukt bist, sondern dass er dich einmalig geschaffen und dich durch den vergangenen Tag begleitet hat", heißt es etwa.

Jugendpfarrer Daniel Rietzler

"Wir müssen wieder beten lernen", sagt Jugendpfarrer Daniel Rietzler.

Die Gebetszeiten müssen auch vorbereitet werden. "Einen ruhigen Gebetsort suchen", "die kleinen Zettel mit den täglichen Gebeten bereitlegen" und – ganz wichtig – "den Flugmodus beim Handy aktivieren", empfehlen die Initiatoren beispielsweise. Die Initiative mit dem Namen "einfach gemeinsam beten" fand großen Anklang. Rund 40 Jugendliche kamen vergangene Woche zu einem "Lobpreisabend" ins bayerische Weißenhorn, um die Aktion offiziell zu eröffnen.

Das Besondere: Wer mitmacht, vernetzt sich mit den anderen über WhatsApp. Schon innerhalb weniger Tage hatte das Gebetsnetzwerk über 1.400 Teilnehmer. Und jeden Tag kommen neue hinzu. Eine Nachricht an Rietzler und Frater Dominikus genügt um teilzunehmen. Jeden Abend verschicken die beiden für den kommenden Tag einen etwa zweiminütigen Audio-Impuls, der die jungen Menschen nach dem immer feststehenden, vorformulierten zu einem persönlichen Gebet inspirieren soll. Per WhatsApp tauschen sich die Teilnehmer auch über ihre Erfahrungen aus. Damit die Kommunikation besser gelingt, umfasst eine WhatsApp-Gruppe maximal 40 Personen. Außerdem sind die Gruppen regional organisiert. Denn alle ein bis zwei Monate soll es ein Treffen geben, bei dem die jungen Menschen sich untereinander kennenlernen. Auf dem Programm einer solchen Begegnung stehen Lobpreis, das Ausprobieren unterschiedlicher Gebetsformen und Gespräche. Verwaltet werden die Gruppen durch sogenannte Netzwerker.

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"Netzwerker sind häufig junge Leute, die zwar gläubig sind, aber bisher noch nicht übermäßig engagiert waren", erzählt Manuel Hartwig. Die meisten seien etwa 17 bis 25 Jahre alt. Hartwig selbst ist gerade "Koordinator" für Schwaben geworden. Damit ist er Ansprechpartner für alle regionalen Gruppen in dieser Region. Die Idee: Er gründet Gruppen, unterstützt sie in den ersten Wochen und zieht sich anschließend zurück. Der 20-Jährige ist begeistert von dem neuen Projekt. Es sei nicht mehr die Kirche, die überlege, wie sie Jugendliche erreichen könne, sagt er. Die jungen Menschen würden selbst missionieren und der Kirche damit etwas zurückgeben. "Die Jugendlichen brennen dafür. Das ist eine Begeisterung, die man sich fast nicht vorstellen kann", berichtet Hartwig. "Ich kann es mir nicht anders denken, als dass der Heilige Geist da mitarbeitet."

Der Student des Informationsdesign war selbst Oberministrant und ist in einer Lobpreisband aktiv. Schon in der Schule stellte er häufig fest, wie groß das Interesse seiner Mitschüler am Glauben war. "Die kamen immer wieder und wollten mehr erfahren", berichtet Hartwig. In der Welt gebe es eine große Sehnsucht nach Gott, doch man brauche einen Anstoß, um wieder einen Zugang zu bekommen, fügt er hinzu.

Manuel Hartwig

"Ich kann es mir nicht anders denken, als dass der Heilige Geist da mitarbeitet", sagt Manuel Hartwig (20) über das schnelle Anwachsen des Gebetsnetzwerkes.

"Wir müssen neu an dieses Thema ran. Wir müssen wieder beten lernen", sagt auch Jugendpfarrer Rietzler. Wenn man mit dem Menschen, den man liebe, nicht mehr spreche, nehme eine Freundschaft ab – oder sei sogar gefährdet. "Genauso ist das auch mit Gott. Ohne persönliches Gebet kann eine Gottesbeziehung nicht lebendig sein", führt er aus. Worauf es dabei ankommt? Man müsse offen dafür sein, dass Gott sich zeigt und durch Jesus zu einem spricht, so der Jugendpfarrer. "Gott hat die Welt gut erschaffen, er hat sie nicht verlassen und gibt uns durch Jesus die Möglichkeit, zu ihm zurückzukehren."

Jesus Christus lehrt Beten

Deshalb ist Rietzler überzeugt: "Wir kommen um eine Erneuerung der Beziehung zu Jesus Christus nicht herum." Schon die Jünger Jesu hätten erkannt, dass er Kraft und Frieden im Gebet findet. "Herr, lehre uns beten", bitten sie ihn deshalb. Dabei ist dem Jugendpfarrer wichtig, dass es die Jugendlichen selbst sind, die das Netzwerk tragen. Deshalb sollen die Audio-Impulse nicht nur von Priestern und Ordensleuten kommen, sondern ebenso von engagierten Laien. "Kirche sind nicht nur Priester und Bischöfe, Kirche sind wir alle in ganz unterschiedlicher Weise", sagt er.

Das kommt an – nicht nur bei Katholiken. "Vor einigen Tagen fragte eine evangelische Christin aus Göttingen an, ob sie teilnehmen kann", erzählt Rietzler. Sie könne es gerne ausprobieren und mitmachen, habe er geantwortet. Und auch bei Menschen jenseits der 30 stößt die Initiative auf Interesse. "Wir wissen aber noch nicht, was wir für Erwachsene anbieten", so der Jugendpfarrer. Bisher verweise man diese auf die Homepage, auf der die Gebete zum Ausdrucken bereitstehen. Zudem werden dort die Audio-Beiträge für alle Interessierten zum Nachhören hochgeladen. Einige wollten ein offizielles Angebot für Erwachsene jedoch nicht abwarten. "Eine Ü30-Gruppe hat sich schon gebildet. Die haben das einfach selbst in die Hand genommen", sagt Rietzler. Auch er ist begeistert, welches Interesse "der Anstoß" bereits ausgelöst hat. Der Jugendpfarrer zitiert Papst Benedikt XVI: "Wer glaubt, ist nie allein." Und setzt hinzu: "Wer glaubt und betet, ist nie allein."

Von Julia-Maria Lauer

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