Ein Pfarrer segnet zwei Heiligenfiguren auf einem Altar.
Bild: © Evi Seeger
Die Notkirche St. Joseph ist eine der letzten ihrer Art

Ein Provisorium für die Ewigkeit

Sie sollte es längst nicht mehr geben: Eine Werkstatt in Mittelfranken wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zur Notkirche umfunktioniert. Nun feiert sie ihr 70-jähriges Jubiläum – und bekommt einen Patron.

Von Johanna Heckeley |  Mühlhausen - 16.02.2017

Man kann an ihr vorbeilaufen, ohne es zu merken: Die Kirche St. Joseph in Mühlhausen hat keinen Kirchturm, nicht einmal ein Portal und schon gar keine auffälligen Verzierungen an der Außenwand. Das einzige, was dem flüchtigen Betrachter ins Auge fällt, sind die Anschläge an der grauen Holztür mit Gottesdienstordnung und Ankündigungen. Und die Fenster sehen mit ihrem einfachen, unebenen Glas etwas altertümlich aus. Doch diese Schlichtheit hat es in sich. Wer das Gotteshaus betritt, kann Geschichte atmen: Die Kirche, nach dem Zweiten Weltkrieg als provisorische Notkirche gedacht, feiert dieses Jahr ihr 70-jähriges Bestehen. Kurz vor ihrem Jubiläum bekam sie gleich zwei besondere Geschenke: den Denkmalschutz und endlich einen Patron.

Es war keine leichte Zeit: 1946 suchten rund 500 Heimatvertriebene eine neue Bleibe im mittelfränkischen Mühlhausen. Als wenn das für die Ortschaft mit damals ungefähr 1.500 Einwohnern nicht schon Herausforderung genug gewesen wäre, waren die Flüchtlinge, die meisten aus dem Sudetenland, katholisch – und Mühlhausen hauptsächlich evangelisch. Zwar gab es eine evangelische Kirche, die die Katholiken anfragten, um dort Gottesdienste feiern zu können, aber die ökumenische Bewegung war noch längst nicht so weit wie heute. "Es wurden Bedingungen gestellt, die nicht einzuhalten waren", erzählt Otto Pröls. Die Familie des heute 73-Jährigen war damals eine der wenigen katholischen Familien im Ort. Als sich abzeichnete, dass kein Raum zu finden war, hatte sein Vater Karl Pröls schließlich eine Idee.

Eine Außenansicht von einem unscheinbaren Haus, in dem sich eine Notkirche befindet.
Bild: © Evi Seeger

Von außen nicht erkennbar: In diesem Gebäude befindet sich die Notkirche.

Zu dieser Zeit hatte der Spenglermeister – in anderen Regionen Deutschlands würde man vielleicht Klempnermeister sagen – begonnen, eine Werkstatt zu bauen, weil ihm seine bisherige zu klein geworden war. "Da hat er verbaut, was man nach dem Krieg so zusammentragen konnte", erzählt Otto Pröls. Er bot an, dieses noch nicht vollendete Gebäude für Gottesdienste zur Verfügung zu stellen. Die Heimatvertriebenen halfen daraufhin bei der Fertigstellung. "Das war ziemlich provisorisch." Otto Pröls lacht. "Zum Beispiel ist der Holzfußboden so uneben, weil er hätte abgeschliffen werden sollen. Aber das hat man nie gemacht – bis heute."

Vom Hochaltar nur die Hälfte

Für die Innenausstattung steuerten alle etwas bei. Aus der Nachbargemeinde erhielten die Mühlhausener einen Hochaltar. "Nur ist eine Werkstatt natürlich nicht so hoch wie eine Kirche, und so musste der Altar ohne seinen oberen Teil aufgestellt werden", erzählt Pröls. "Der ist mit der Krönung Mariens eigentlich der schönere Teil – aber unsere Kirche hat auch so einen schönen Altar." Das nahegelegene Kloster Schwarzenberg spendete einen Kreuzweg. "Das sind 14 große Bilder, die jetzt zwischen den Werkstattfenstern hängen. Und es passt so gut, als wäre die Kirche für die Kreuzwegbilder gebaut worden." Pröls lacht wieder. Möbel wie die Kirchenbänke, die Schränke und ein Beichtstuhl wurden aus dem Holz der umliegenden Wälder hergestellt. Die Gemeindemitglieder stifteten, was gebraucht wurde. "So ging das eben: Wer etwas hatte, brachte es mit." Weihnachten 1947 konnten die Katholiken Mühlhausens in ihrer Notkirche den ersten offiziellen Gottesdienst feiern.

Doch die Notkirche war, wie ihresgleichen an so vielen Orten in Nachkriegsdeutschland, nur für den Übergang gedacht. Bald bildete sich ein Kirchenbauverein, der eine richtige Kirche errichten wollte. Weil es jedoch in Mühlhausen kaum Arbeitsplätze gab, zogen viele Heimatvertriebene in den folgenden Jahren weg. Die katholische Gemeinde schrumpfte, der Kirchenbauverein löste sich auf. In der Notkirche gab es schließlich keine regelmäßigen Messfeiern mehr, weil der damalige Pfarrer überlastet war. "Außer Rosenkranzbeten fand in unserer Kirche fast nichts mehr statt", erinnert sich Pröls. "Es wurde dann ein Bus bereitgestellt, mit dem wir zur Heiligen Messe in den Nachbarort fahren sollten."



Das änderte sich mit Pfarrer Günter Raab, der 1984 Pfarradministrator wurde: "Der hat wieder Gottesdienste in Mühlhausen gehalten und das Ganze in Schwung gebracht", meint Pröls. Dazu kam, dass mehr Menschen in die Ortschaft zogen, weil sie verkehrsgünstig liegt und nicht weit von Erlangen und Nürnberg entfernt ist. "Heute haben wir über 500 Katholiken in der Gemeinde. Die Vorabendmesse ist eigentlich immer gut besucht", so der Rentner. An der Orgel, die der Notkirche inzwischen gespendet wurde, sitzt übrigens meist Otto Pröls selbst, "aber Organist darf ich mich eigentlich nicht nennen", meint er bescheiden. Als Kind bekam er zwar Klavierunterricht, aber das Spielen der Orgel musste er sich selbst beibringen. "In unserer Kirche gab es nur ein Harmonium und an die Orgel in der evangelischen Kirche durfte ich nicht ran. Das war damals so." Er lacht. Heute sei es zum Glück anders: "Wenn es zum Beispiel eine größere Beerdigung gibt, dann können wir die evangelische Kirche nutzen."

Es war auch bei einem seiner Einsätze als Organist im vergangenen Jahr, als Pröls plötzlich bemerkte, dass die Kreuzwegbilder an den Stellen, auf die die Sonne schien, porös geworden waren. Ein Restaurator nahm sich der Kunstwerke an. Die Gemeinde nutzte die Gelegenheit, die Kirche neu zu tünchen. Aber mit Blick auf das Jubiläum tat sich noch etwas: "Unserem Pfarrer fiel auf, dass wir nicht einmal einen Kirchenpatron haben", berichtet Pröls. Er hatte recht: Kein Heiliger und auch keine Heilige waren bisher für das Patrozinium ausgewählt worden. "Ich hatte da direkt an den heiligen Josef, der Arbeiter, gedacht", erklärt Padre Gabriel Ramos-Valiente, "weil die Kirche ja in einer Werkstatt ist." Padre Gabriel ist seit 2014 Pfarradministrator von Wachenroth, zu der Mühlhausen zählt. Sein Vorschlag kam an und so sollte eine Figur des Heiligen aufgestellt werden. "Es hat nicht lange gedauert, da kam unser Padre mit einer großen Kiste", erzählt Pröls heiter. "Da war dann der heilige Josef drin – den hatte er im Internet ersteigert!" Weil aber der Josef so einsam auf der einen Seite des Altars gestanden habe, bekam er kurz darauf noch eine Marienfigur auf die andere Seite dazugestellt. Im September wurden beide gesegnet.

Ein Geistlicher läuft mit einem Weihrauchgefäß an einem Kreuzweg vorbei.
Bild: © Evi Seeger

Bruder Andreas Murk segnet den Kreuzweg nach der Restaurierung.

Und noch etwas Unerwartetes passierte: Um Geld für die Restaurierung des Kreuzweges zu bekommen, hatte die Gemeinde das Denkmalschutzamt angefragt. "Letzten Herbst kamen also zwei Männer, die sich unsere Kirche anschauten und Fotos machten", erinnert sich Pröls. "Als sie schon beim Rausgehen waren, sagten sie: Naja, wenn wir jetzt hier waren, dann steht die Kirche unter Denkmalschutz." Pröls lacht. "Zum Glück war mein Neffe Thomas dabei, wir waren ganz perplex." Thomas Pröls ist inzwischen der Besitzer des Gebäudes und stellt den Gottesdienstraum weiterhin zur Verfügung. Die Begründung des Denkmalschutzamtes lautete, eine solche Notkirche gebe es heute fast überhaupt nicht mehr. Die Gebäude aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg seien meist ersetzt oder anderweitig genutzt worden. "Unsere Kirche ist eigentlich noch im Urzustand", meint Otto Pröls. Ein wenig Stolz klingt in seiner Stimme mit.

Der Feier zum Jubiläum steht damit nichts mehr im Weg. Die soll – passenderweise – am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, gefeiert werden. Auch der Erzbischof von Bamberg, Ludwig Schick, will kommen. Otto Pröls hat zudem die ehemaligen Heimatvertriebenen, die in Mühlhausen lebten, eingeladen. "Jetzt bin ich gespannt, wie viele davon noch leben und wer kommen wird."

Von Johanna Heckeley