Embryonenschutz um jeden Preis?
Claudia Wiesemann zu ethischen Fragen der Fortpflanzungsmedizin

Embryonenschutz um jeden Preis?

Es ist ein Dilemma der Reproduktionsmedizin: Was geschieht mit überzähligen Embryonen? Darüber hat katholisch.de mit Claudia Wiesemann, der Stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, gesprochen.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 07.06.2017

Frage: Frau Wiesemann, in Australien gibt es eine Firma, die aus Embryonen Schmuckstücke fertigt, was halten Sie davon?

Wiesemann: Ich habe von dem Fall gehört. Eine australische Mutter hatte nach Ende der künstlichen Befruchtung aus der Asche ihrer verbleibenden Embryonen ein Schmuckstück fertigen lassen. Ich kann das Motiv der Mutter nachvollziehen, mit ihren Embryonen, die nicht mehr implantiert werden sollen, etwas für sie Bedeutungsvolles zu machen, anstatt sie verwerfen zu lassen. Allerdings glaube ich, dass man das menschliche Leben nicht auf diese Weise verdinglichen sollte. Wenn ein menschlicher Embryo zu einem Schmuckstück verarbeitet wird, wird er zu etwas Profanem herabgewürdigt. Man macht ihn so zu einer Art Ding des Alltagslebens. Das scheint mir eine nicht angemessene Haltung gegenüber dem menschlichen Leben zu sein.

Frage: In Deutschland ist der Missbrauch von menschlichen Embryonen laut dem Embryonenschutzgesetz unter Strafandrohung verboten.

Wiesemann:  Ja. Allerdings ist damit noch nicht gesagt, was mit künstlich befruchteten Embryonen, die überzählig sind, geschehen soll. Nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz werden zwar maximal drei Embryonen auf die Frau übertragen, aber oft mehr Eizellen für den Transfer befruchtet. Sollten einige übrig bleiben, werden sie vorerst eingefroren. Es gibt dann mehrere Möglichkeiten: Sie bleiben für immer tiefgefroren, sie werden verworfen, man spendet sie für die Forschung (das ist allerdings in Deutschland verboten) oder man gibt sie für Paare zur Adoption frei, die mittels künstlicher Befruchtung keine genetisch eigenen Kinder bekommen können.

Frage: Wäre die Bestattung ein angemessener Umgang mit Embryonen?

Wiesemann:  Ja, aber das ist rechtlich nicht vorgeschrieben. Menschliche Föten müssen erst ab einem Gewicht von 500 Gramm, als sogenannte Totgeburten, beerdigt werden. Für Fehlgeborene unter 500 Gramm Körpergewicht gibt es keine Bestattungspflicht, allerdings wünschen dies viele Eltern. In jedem Fall muss der Embryo dem sittlichen Empfinden entsprechend entsorgt werden; eine solche Regelung existiert etwa auch für abgetrennte menschliche Körperteile. Ihn als Schmuckstück um den Hals zu hängen entspricht dem wohl nicht. 

Die Ärztin Claudia Wiesemann ist seit April 2016 Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats.

Frage: Sollte es Ihrer Ansicht nach für Embryonen im Reagenzglas eine Beerdigungsregelung geben?

Wiesemann: Ja, ich glaube, das wäre wichtig. Vor allem deswegen, weil für die große Mehrheit der betroffenen Paare, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, auch schon ein Embryo etwas Bedeutungsvolles ist. Das wissen wir aus wissenschaftlichen Untersuchungen. Viele empfinden es von Anfang an als "ihr Kind" und nicht als nur einen Zellhaufen. Solchen Paaren ist es nicht gleichgültig, was mit ihren überzähligen Embryonen und befruchteten Eizellen geschieht. Es täte der Reproduktionsmedizin gut, dafür angemessene Rituale zu entwickeln und die überzähligen Embryonen nicht einfach – um es einmal drastisch auszudrücken – in den Ausguss zu schütten.

Frage: Die Mutter in Australien fand dafür ein Ritual…

Wiesemann: …aber am Ende bleiben ein mulmiges Gefühl und große Zweifel, ob das ein respektvoller Umgang mit Embryonen ist. Im Zusammenhang damit fällt mir der ausgeprägte Reliquienkult der Katholischen Kirche ein. Hier werden auch Überbleibsel von verstorbenen Menschen zu Schmuckstücken verarbeitet und in Kirchen zur Verehrung ausgestellt. Das Schmuckstück aus Embryonenasche ist so etwas wie die säkulare Version der Heiligenverehrung. Einen für mich wichtigen Unterschied gibt es allerdings, denn die Art und Weise der Präsentation von Reliquien in einem religiösen Zusammenhang wertet den dahinter stehenden Menschen auf, der Schmuckanhänger hingegen wertet das menschliche Leben eher herab.

Frage: Aber beim Reliquienkult geht es doch um verstorbene Heilige

Wiesemann: Die Heiligkeit menschlichen Lebens ist ein wichtiges ethisches Prinzip. Damit ist letztlich die unantastbare Würde jedes Menschen gemeint. Wir müssen uns jedoch immer wieder neu mit der Lebenswirklichkeit von Menschen vertraut machen, um zu verstehen, was Würde meint und was Schutz benötigt. Dies gilt besonders für die Kinderwunschbehandlung, bei der für uns unvertraute Formen menschlichen Lebens entstehen.

Frage: Laut kirchlicher Lehrmeinung ist das Leben von Anfang an schützenswert...

Wiesemann: Der Embryo verdient Schutz, aber nicht um jeden Preis. Denn wenn man diese Forderung tatsächlich für alle Situationen umsetzen würde, dann müsste man alles dransetzen, jeden Embryo in der Petrischale zu erhalten, damit jedes Leben gerettet wird. Das würde dann konsequenterweise bedeuten, alle überzähligen Embryonen austragen zu lassen, auch gegen den Willen der Mutter, oder sogar Zwangsadoptionen anzuordnen. Diese Konsequenz scheint mir unmenschlich zu sein.

Linktipp: "Der Embryo ist Beginn des Lebens und keine Sache"

Die Reproduktionsmedizin verspricht, jeden Kinderwunsch zu erfüllen. Doch dabei wird Leben oft eher zerstört als erzeugt. Für den Moraltheologen Franz-Josef Bormann ist das nicht hinnehmbar. Auch zu dem Fall des "Embryonen-Schmucks" hat er eine klare Meinung. (Interview vom Mai 2017)

Frage: Gibt es hierfür eine ethisch angemessene Lösung?  

Wiesemann: Der Deutsche Ethikrat hat im März 2016 eine Stellungnahme zur Embryospende und Embryoadoption veröffentlicht. Ungeplant überzählige Embryonen können von einem Paar, das seine Kinderwunschbehandlung abgeschlossen hat, für ein ungewollt kinderloses Paar freigegeben werden. Das halten wir für ethisch gerechtfertigt. Wir haben uns auch die Frage gestellt, ob die Freigabe der Embryonen eine selbstbestimmte Entscheidung der Eltern sein darf. Auch das haben wir bejaht und uns klar gegen eine Zwangsweitergabe entschieden, weil dies ein zu großer Eingriff in die Fortpflanzungsfreiheit der Eltern wäre.

Frage: Was meint die Fortpflanzungsfreiheit von Eltern genau?

Wiesemann: Fortpflanzungsfreiheit bedeutet in diesem Fall, dass die Eltern nach eigenem Gewissen entscheiden können, ob sie im Fall einer Embryonenspende ihren Embryo zur Adoption freigeben wollen oder nicht. Sie können entscheiden, ob sie diesen Schritt guten Gewissens ihrem Kind und letztlich auch sich selbst zumuten können und wollen. Diese Freiheit schien uns wichtig, auch im Wissen darum, dass nur eine kleine Minderheit der Eltern sich derzeit zur Freigabe durchringen kann.

Frage: Die Alternative wäre, den Embryo sterben zu lassen?

Wiesemann: Das stimmt, aber auch das kann eine verantwortliche Entscheidung sein. Ich kann Eltern verstehen, die das Gefühl haben, sie können die Verantwortung für ihr Kind nicht so einfach an andere Menschen, die sie gar nicht kennen, abgeben. Jedes Paar sollte für sich entscheiden, welchen Weg es gehen kann. Wenn es aber gelingt, das Leben als Geschenk zu sehen und dieses Geschenk an andere weiterzugeben, dann ist das ein großer Schritt, vor dem ich sehr viel Achtung habe.

Von Madeleine Spendier

Zur Person

Claudia Wiesemann (58) ist ausgebildete Ärztin und Medizinethikerin und forscht an der Universität Göttingen zu ethischen Fragen der Fortpflanzungsmedizin. Seit April 2016 ist sie Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Sie ist katholisch und die Schwester des Speyerer Bischofs Karl-Heinz Wiesemann.