Eine Frau liest in der Bibel.
Moraltheologe Herbert Schlögel erklärt die christlichen Weisungen

Das sind die fünf Gebote der Kirche

Jedes Kommunionkind kennt die Zehn Gebote. Im Gegensatz zu den fünf Geboten der Kirche. Viele Gläubige halten sich dennoch an die Weisungen - ohne sie zu kennen, sagt Moraltheologe Herbert Schlögel.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 16.06.2017

Die fünf Gebote der Kirche

  1. Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sollst du die Heilige Messe mitfeiern und keine Arbeiten und Tätigkeiten verrichten, welche die Heiligung dieser Tage gefährden!
  2. Empfange wenigstens einmal im Jahr das Sakrament der Versöhnung zur Vergebung deiner Sünden!
  3. Du sollst wenigstens zur österlichen Zeit sowie in Todesgefahr die heilige Kommunion empfangen!
  4. Halte die von der Kirche gebotenen Fast- und Abstinenztage!
  5. Steh der Kirche in ihren Erfordernissen bei!

Die Kirchengebote finden sich im Katechismus der Katholischen Kirche unter den Nummern 2041 bis 2043 oder im Gotteslob unter der Nummer 29,7.

Frage: Herr Schlögel, man kennt die Zehn Gebote, aber die fünf Kirchengebote sind doch längst vergessen, oder?

Schlögel: Das sehe ich anders. Ich denke, dass die Einzelformulierungen nicht so bekannt sind, aber schauen wir zum Beispiel auf das fünfte Kirchengebot. Hier geht es darum, die Kirche durch Kirchensteuer und Spenden zu unterstützen. Vor allem bei der finanziellen Unterstützung sind die Christen in Deutschland vorbildlich, ohne dass dem Einzelnen wahrscheinlich bewusst ist, dass er dadurch ein Kirchengebot erfüllt. Ich glaube also nicht, dass jeder die einzelnen Kirchengebote beim Namen kennt, aber jeder weiß, worauf es ankommt.  

Frage: Sind diese Kirchengebote nicht längst veraltet?

Schlögel: Nein, denn die Kirchengebote sind zum Beispiel in das neue Gotteslob aufgenommen worden. Was mir dabei wichtig erscheint, ist der erste Satz der Einleitung dazu. Hier wird darauf verwiesen, dass die Kirchengebote das Wachstum der Gottes- und Nächstenliebe aller Gläubigen fördern wollen. Das halte ich für die richtige Perspektive und das ist auf jeden Fall etwas Positives. Im Gotteslob wird zudem der verbindliche Charakter der Kirchengebote herausgestellt. Ich habe mir auch die Formulierung im Katechismus angeschaut. Dort wird zwar die Ernsthaftigkeit betont, aber der Katechismus spricht auch davon, dass durch die Einhaltung der Gebote ein Mindestmaß der gläubigen Teilnahme an der Kirche gesichert sein soll. Ich habe das Gefühl, dass es viel wichtiger ist, den positiven Charakter dieser Weisungen stärker hervorzuheben. Um ein Bild zu bemühen: Die Gebote sind wie die Leitplanken an der Autobahn. Sie bieten ein sicheres Geländer an, um sich im Glaubensleben zu orientieren und sich nicht in Gefahr zu begeben.

Frage: Sind die Kirchengebote den Zehn Geboten gleichgestellt?

Schlögel: Nein, sie sind nicht gleichgestellt. Die Zehn Gebote sind göttliche Offenbarung und biblisch begründet. Die Kirchengebote hingegen sind Äußerungen der Kirche und haben sich aus der Tradition und Glaubenspraxis entwickelt. Sie werden auch in ihrer Zahl immer wieder variiert beziehungsweise anders formuliert. Das geht bei den Zehn Geboten natürlich nicht. Die Kirchengebote versuchen das Leben im Glauben etwas mehr zu konkretisieren. Die Fünfzahl gab es seit dem Mittelalter. Immer wieder wurden allerdings andere Gebote aufgegriffen oder Details ergänzt. Heute zitiert das neue Gotteslob den Katechismus aus dem Jahr 1997 und erklärt die Gebote.

Herbert Schlögel (67) ist Priester, gehört dem Dominikanerorden an und war bis 2015 Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Regensburg.

Frage: Sind die Kirchengebote also nicht ausdrücklich verpflichtend?

Schlögel: Der Katechismus spricht vom "verpflichtenden Charakter" (KKK 2041), das Gotteslob vom "verbindlichen Charakter". Wenn die mit den Kirchengeboten verbundenen Inhalte lebendig bleiben, dann sind solche verbindlichen Weisungen hilfreich. Es geht immer um das Verhältnis des Gläubigen zu Gott und zu seinem Nächsten. Die Kirchengebote wollen ein Ansporn für eine gute Lebensführung aus der Perspektive des Glaubens sein. Wer zum Beispiel regelmäßig in den Gottesdienst geht, wird auch eine andere Beziehung zu Gott aufbauen, als jemand, der nicht zur Messe geht.

Frage: Begehe ich eine Sünde, wenn ich ein Kirchengebot nicht einhalte?

Schlögel: Das neue Gotteslob spricht nicht davon, dass es Sünde ist, wenn man diese Gebote nicht einhält. Im katholischen Erwachsenenkatechismus der Deutschen Bischöfe von 1995 "Leben aus dem Glauben" wird von einer "ernsthaften Verfehlung" gesprochen, wenn jemand den Gottesdienst versäumt. Auch wenn man den "verpflichtenden Charakter" der Gebote einzuschärfen sucht, führt das bei weitem nicht dazu, dass sie deshalb besser eingehalten werden. Jeder muss nach seinem Gewissen handeln und selber prüfen, wie er mit dem Anspruch, der ihm hier entgegentritt, umgeht. Ich habe das Gefühl, dass man Menschen zum Beispiel eher zum Gottesdienstbesuch motivieren kann, wenn man ihnen positiv aufzeigt und sie spüren, wie sie Hoffnung aus dem Glauben an Jesus Christus für ihr Leben aus dem Besuch des Gottesdienstes erfahren können. Eine Strafandrohung ist nicht förderlich für den Gottesdienstbesuch. Aber ich möchte nichts von der Verbindlichkeit der Gebote wegnehmen, denn das ist die Spannung, in der ich auch als Priester stehe.

Frage: Die Kirchengebote sind also so etwas wie die Voraussetzung für ein christliches Leben?

Schlögel: Diese Gebote wollen das sakramentale Leben mit dem Leben eines Christen in Zusammenhang bringen und sind so etwas wie Grundregeln, ja. Sie zeigen mir, wie ich als Christ leben soll. Zum Beispiel wird hier empfohlen, die österliche Fastenzeit oder die gebotenen Abstinenztage wie Aschermittwoch oder Karfreitag einzuhalten. Aber es geht hier nicht nur um die Zurückhaltung beim Konsum von Nahrungsmitteln, sondern es geht immer um eine Neuausrichtung meines Lebens auf Gott hin und meinen Nächsten. Daran wollen die Kirchengebote uns auch erinnern und aufmerksam machen. Ich tue nicht nur etwas für mein leibliches Wohlbefinden, sondern vertiefe so meine Beziehung zu Gott, übe mich in das Gebet ein, gebe Almosen und habe so auch meinen Nächsten im Blick. Um diese Trias "Fasten, Almosengeben und Gebet" geht es bei dem Gebot der Fast- und Abstinenztage.

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Jede Gesellschaft braucht ihre Regeln, denn ohne sie läuft alles drunter und drüber. Das "katholische Grundgesetz" bilden die Zehn Gebote.

Frage: Früher gab es in manchen Katechismen auch das Kirchengebot, zu bestimmten Zeiten im Kirchenjahr keine Hochzeit zu halten…

Schlögel: Ja, es gab das Kirchengebot, das nicht erlaubte, an kirchlich geprägten, sogenannten geschlossenen Zeiten, wie in der Fastenzeit oder in der Adventszeit, kirchlich zu heiraten. Heute gilt dieses strenge Heiratsverbot für Karfreitag und Karsamstag. Man wollte mit diesen liturgischen Bestimmungen kirchlich geprägte Tage schützen. Und dieses Gebot finde ich überaus sinnvoll. Gegenwärtig stellt sich eher die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen Paare sich für eine kirchliche Hochzeit entscheiden. Das ist ein Problem, das uns pastoral mehr herausfordert als die Frage, wann geheiratet wird. Ähnlich ist es bei dem dritten Kirchengebot. Es empfiehlt, wenigstens zur österlichen Zeit sowie in Todesgefahr die heilige Kommunion zu empfangen. Früher wurde das Zusammenwirken von Beichte und Kommunion stärker hervorgehoben. Heute gehen die Gläubigen, wenn sie zum Gottesdienst gehen, regelmäßig zur Kommunion. Der Zusammenhang mit der Beichte wird dabei weniger gesehen.

Frage: Denken Sie, dass der seelsorgliche Gedanke der Kirchengebote bei den Menschen überhaupt ankommt?

Schlögel: Ich glaube, das ist schwer zu vermitteln. Wir müssen eher versuchen, positiv für die Sinnhaftigkeit der Gebote zu werben. Das ist mein Anliegen, sinnvolle Zusammenhänge herzustellen. Das Fasten, der sonntägliche Gottesdienstbesuch, der Empfang der Sakramente, das alles gehört zusammen, das nährt uns und unser Glaubensleben. Wir sollten das so positiv gestalten, dass es attraktiv für andere wird. Schließlich feiern wir Liturgie, um uns Gottes Heilszusage schenken zu lassen. Es ist wenig zielführend da mit Verboten zu agieren. Gebote können ein Ansporn sein, aber zwingen sollten sie niemanden zu etwas. Wem der Glaube wichtig ist, der geht schon fast selbstverständlich konstruktiv damit um.

Frage: Was ist für Sie das wichtigste Kirchengebot?

Schlögel: Alle fünf Kirchengebote stehen für mich nicht im luftleeren Raum, sondern sind in den Gesamtvollzug der Verkündigung gestellt und wirken so auch in der Beziehung zu Gott, zum Nächsten und zu mir selbst. Wenn wir am Sonntag in den Gottesdienst gehen, erinnern wir uns an das Wichtigste unseres Glaubens: Jesus Christus ist auferstanden. Das feiern wir und daher sollte die Arbeit an diesem Tag ruhen. Wir verbringen diesen Tag in Gemeinschaft mit anderen, vor allem aber in der Familie. So bekommt der Tag sein Gewicht und seine besondere Bedeutung. Und so ist es auch bei den anderen Kirchengeboten. Ich würde sagen, die Kirchengebote sind hilfreiche Eckpunkte, um immer wieder sein eigenes christliches Leben anzuschauen und sich von da Anregungen schenken zu lassen.

Von Madeleine Spendier

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