Ein profilierter Katholik verlässt das Podium
Nach 12 Jahren verabschiedet sich Norbert Lammert als Bundestagspräsident

Ein profilierter Katholik verlässt das Podium

Mit Lob aus allen Parteien verabschiedet: Bundestagspräsident Norbert Lammert hat seine letzte Bundestagsdebatte geleitet. Sein Ausscheiden aus dem Parlament ist auch aus katholischer Sicht ein Verlust.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 05.09.2017

Es ist das Ende einer Ära: Zum letzten Mal eröffnete Norbert Lammert am Dienstag eine Sitzung des Deutschen Bundestags. Nach zwölf Jahren als Präsident des Parlaments bewirbt sich der 68-Jährige bei der Bundestagswahl am 24. September nicht erneut um ein Abgeordnetenmandat. Mit Lammert verliert der Bundestag nicht nur eine seiner markantesten Persönlichkeiten, sondern auch einen profilierten Katholiken. Der scheidende Bundestagspräsident äußerte sich immer wieder zu Religion, Glaube und Kirche.

In Lammerts Abschiedsrede ging es jedoch zunächst mal um Politik: So mahnte er, die Errungenschaften der parlamentarischen Demokratie zu wahren und die Rolle des Bundestags zu stärken. Er ermutigte das Parlament, auch in Zukunft beim Kampf gegen Fanatiker und Fundamentalisten den Konsens der Demokraten über den Wettbewerb der Gruppen zu stellen. Ebenso müssten bei "ganz großen Problemen" weiterhin Mehrheiten möglich sein, die über mögliche Koalitionen hinausgingen.

Katholisches Profil in der Abschiedsrede

Lammert, der seit 1980 Abgeordneter des Bundestags ist, ermunterte in seiner Rede zugleich die Bürger, das "Königsrecht aller Demokraten" wahrzunehmen und bei Wahlen "selbst darüber zu befinden, von wem sie regiert werden wollen". "Die Demokratie steht und fällt mit dem Engagement ihrer Bürger", sagte Lammert; "das ist die wichtigste Lektion, die ich in meinem politischen Leben gelernt habe".

Aber auch Lammerts katholisches Profil blitzte in der Abschiedsrede auf: Unter den Ereignissen, die ihm aus seiner Zeit als Bundestagspräsident "immer in Erinnerung" bleiben würden, nannte er zuerst die Rede von Papst Benedikt XVI. (2005-2013) vor dem Bundestag – "die erste Rede eines deutschen Papstes vor einem gewählten deutschen Parlament", so der CDU-Politiker. Am 22. September 2011 hatte das damalige Kirchenoberhaupt im Rahmen seines Deutschlandbesuchs vor dem Parlament über die Grundlagen des Rechtsstaats gesprochen. Anlässlich des 90. Geburtstags von Benedikt XVI. würdigte Lammert den inzwischen emeritierten Papst in diesem April als herausragenden Theologen und konservativen politischen Denker.

Linktipp: Lammert fordert Debatte über Glauben und Gewalt

Der Bundestag hat in einer Gedenkstunde der Opfer des Berliner Terroranschlags gedacht. Dabei rief Bundestagspräsident Lammert die Muslime zur kritischen Auseinandersetzung mit ihrer Religion auf. (Artikel von Januar 2017)

Doch Katholisch-sein beschränkte sich für Lammert nicht nur auf den Blick nach Rom. Immer wieder äußerte er sich auch zum Verhältnis von Religion und modernder Gesellschaft. Die Frage, wie viel Religion eine aufgeklärte, liberale Gesellschaft ertrage, beantworte sich für ihn nach seinen eigenen Worten so: "Mindestens so viel, wie eine demokratisch verfasste Gesellschaft im Interesse ihrer Selbsterhaltung braucht". Er plädiere "für eine sorgfältige Trennung und zugleich eine intelligente Verbindung von Politik und Religion".

Heutzutage seien zwei Irrtümer weit verbreitet, so Lammert damals weiter: Die "Anmaßung, religiöse Glaubensüberzeugungen für unmittelbar geltendes Recht halten zu dürfen", sowie die "Leichtfertigkeit, religiöse Überzeugungen prinzipiell für irrelevant zu halten". Der zweite Irrtum sei nicht weniger gefährlich als der erste, denn "Religion ist nicht belanglos und deshalb ganz sicher nicht irrelevant". Eine demonstrative Absage an religiöse Orientierungen mache eine Gesellschaft weder moderner noch humaner, betonte Lammert, der zugleich auf eine weiterhin "überragende Akzeptanz christlicher Werte" in der Gesellschaft hinwies.

Aussagen zum persönlichen Glauben

Auch über seinen persönlichen Glauben sprach Lammert wiederholt. "Meine Glaubensbeziehung ist, wie wohl bei den meisten religiös gebundenen Menschen, aus der Familie heraus erwachsen und hat sich durch die aktive Mitarbeit in der Kirchengemeinde vor Ort gefestigt", sagte er kurz vor dem Katholikentag 2016. Mit Blick auf sein politisches Handeln als Christ bezeichnete er seinen Glauben als selbstverständlichen Teil seiner Persönlichkeit. "Ich weiß nicht, ob ich ohne diesen Glauben und die damit verbundenen Orientierungsmaßstäbe überhaupt die politische Laufbahn eingeschlagen hätte."

Zwar könne der Glaube bei konkreten politischen Entscheidungen in der Regel nicht entscheidend sein. "Allerdings haben wir es in jüngster Zeit immer häufiger mit Fragen zu tun, die auch eine hohe ethische Bedeutung haben. Ich denke da vor allem an Themen wie die Genforschung, die Präimplantationsdiagnostik oder all die Fragen, die das Lebensende betreffen. Hier genügt es nicht, wissenschaftlich-pragmatisch zu antworten", sagte Lammert. Gleichwohl musste er sich immer wieder auch Kritik seiner Kirche an seinem Abstimmungsverhalten als Abgeordneter anhören. Bei der Stammzellforschung etwa vertrat Lammert eine liberale Position, die nicht der von der katholischen Kirche vertretenen Linie entsprach; dies habe ihm "die Kritik einiger Bischöfe eingehandelt", erzählte er später.

Zwölf Jahre, von 2005 bis 2017, war Norbert Lammert Präsident des deutschen Bundestags.

Lammert wurde am 16. November 1948 als erstes von sieben Kindern einer Bäckermeisterfamilie in Bochum geboren. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er von 1969 bis 1972 Politikwissenschaft, Soziologie, Neuere Geschichte und Sozialökonomie an der Ruhr-Universität Bochum und der University of Oxford; in dieser Zeit war er auch Stipendiat des bischöflichen Cusanuswerks. 1975 wurde Lammert promoviert.

Seine Politiklaufbahn begann 1966 mit dem Eintritt in die CDU. Über kommunale und landespolitische Ämter gelangte Lammert 1980 in den Bundestag, wo er 2002 zunächst zu einem der Vizepräsidenten gewählt wurde, bevor er 2005 erstmals das Amt des Parlamentspräsidenten übernahm. Es folgten zwei Wiederwahlen, zuletzt wurde Lammert 2013 mit fast 95 Prozent im Amt bestätigt.

Glühender Verfechter der Ökumene

Lammert war nicht zuletzt ein glühender Verfechter der Ökumene. Als Demokrat könne er zwar mit Unterschiedlichkeit gut leben und als Christ mit Versöhnung glänzend, schrieb er anlässlich des ökumenischen Reformationsgedenkens. Mit einer "versöhnten Verschiedenheit" zwischen katholischer und evangelischer Kirche wolle er sich aber nicht abfinden. Diese "gut gemeinte ökumenische Formel" bereits für das Ergebnis der Ökumene selbst zu halten,  sei "doch eher eine Kapitulationserklärung", so Lammert in einem Beitrag für die Zeitschrift "Herder Korrespondenz" Ende 2016. Für das Reformationsjubiläum müsse vielmehr der Anspruch gelten: "Ökumene jetzt! – Wann eigentlich sonst?"

Da trifft es sich gut, dass die Abschlussveranstaltung des ökumenischen Reformationsgedenkens unter dem Leitwort "Wie im Himmel, so auf Erden" am 16. September ausgerechnet in Lammerts Heimatstadt Bochum stattfindet - natürlich mit Norbert Lammert, der den Vortrag zur Eröffnung des Fests halten wird.

Von Steffen Zimmermann