Niels Stensen wird besonders im Norden verehrt

Vom Universalgelehrten zum Bischof und Seligen

Aktualisiert am 25.11.2018  –  Lesedauer: 
Eine Zeichnung des seligen Niels Stensen
Bild: © KNA

Bonn ‐ Er war einer der bedeutendsten Wissenschaftler seiner Zeit. Doch Niels Stensen verzichtete auf Ruhm und Karriere, wurde Priester und ein begnadeter Seelsorger. Wie kam es zu diesem Lebenswandel?

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Es ist eine der ungewöhnlichsten Karrieren der Kirchengeschichte: Wilhelm von Humboldt bezeichnete ihn einst als "Vater der Geologie". Niels Stensen machte aber auch bahnbrechende Entdeckungen im Bereich der Anatomie und galt als einer der angesehensten Forscher seiner Zeit. Doch fand Stensen in diesem Leben offenbar keine Erfüllung. Freiwillig verzichtete er auf seine wissenschaftliche Laufbahn und wurde Priester. Als Seelsorger, Bischof und Missionar wurde er von Katholiken wie Protestanten geschätzt. Nach seinem Tod geriet er jedoch für lange Zeit in Vergessenheit. Erst seit 1988 wird Stensen in der Kirche wieder vermehrt Verehrung zuteil – vor allem in Norddeutschland.

Dass er es einmal zum Seligen der katholischen Kirche bringen würde, darauf deutete zunächst nichts hin: Am 11. Januar 1638 erblickte Niels Stensen – latinisiert auch Nicolaus Steno(nis) – in Kopenhagen das Licht der Welt. Ein Jahrhundert zuvor, 1536, war im Königreich Dänemark die lutherische Konfession zur Staatsreligion erklärt worden. Entsprechend wurde auch Stensen evangelisch-lutherisch getauft. Als Sohn eines wohlhabenden Goldschmieds war es ihm vergönnt, die Kopenhagener Lateinschule – die damals angesehenste Schule des Landes – zu besuchen. Schon dort zeichnete sich ein großes Interesse für Naturwissenschaften und Fremdsprachen ab; der spätere Universalgelehrte beherrschte insgesamt acht Sprachen perfekt, darunter auch die deutsche.

Ab 1656 studierte Stensen Medizin und Anatomie in Kopenhagen und an der damals weltberühmten medizinischen Fakultät im niederländischen Leiden. Durch Studien- und Vortragsreisen durch ganz Europa wurde er international bekannt. Einen Namen machte er sich vor allem durch seine revolutionäre Denkweise; überkommene Lehrmeinungen stellte er infrage. So veröffentlichte Stensen 1663 das Buch "Beobachtungen über Muskeln und Drüsen", in welchem er erstmals nachwies, dass das Herz ein für die Blutversorgung zuständiger Muskel ist.

Leibarzt bei den Medici

Als frisch gebackener Doktor der Medizin reiste er 1666 durch Italien und kam schließlich nach Florenz. Dort wurde er Leibarzt des Großherzogs Ferdinand II. von Medici und arbeitete im Hospital Santa Maria Novella. Durch die finanzielle und ideelle Unterstützung der Medici vollbrachte Stensen weitere wegweisende wissenschaftliche Leistungen. In anatomischen Studien wies er als erster nach, dass die Frau über ein Ovarium – einen Eierstock – als Geschlechtsorgan verfügt. Damals lautete die Lehrmeinung, sie besitze adäquat zum Mann atrophierte, also verkümmerte Testikel.

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Vermehrt widmete Stensen sich ab dieser Zeit auch geologischen Forschungen. Er reiste durch ganz Europa und untersuchte die unterschiedlichen Boden- und Gesteinsschichten. Dadurch konnte er beweisen, dass die Erde eine eminent lange Entwicklungsgeschichte hinter sich haben müsse; der Begriff "Evolution" fiel hier selbstverständlich noch nicht. Stensen begründete damit aber die Geologie als moderne Wissenschaft. Bahnbrechende Entdeckungen machte er etwa auch auf dem Gebiet der Paläontologie, indem er Fossilien als Überreste von Lebewesen beschrieb – nicht wie damals angenommen als natürliche Gesteinsauswüchse.

Wichtiger als der wissenschaftliche Erfolg war ihm aber offenbar seine Berufung. In Florenz setzte sich Stensen intensiv mit dem katholischen Glauben auseinander. Besondere Bezugsperson war dabei eine Ordensschwester, die die Apotheke des Florentiner Hospitals leitete. Zweimal reiste Stensen als Pilger nach Rom. Bereits 1667 konvertierte der Lutheraner zum Katholizismus. Regelmäßig nahm er nun an der Liturgie teil und vertiefte sein Gebetsleben, zudem veröffentlichte er erste theologische Schriften. 1672 arbeitete er für kurze Zeit als Anatom im dänischen Königshaus, kehrte aber wegen konfessioneller Differenzen zwei Jahre später wieder nach Florenz zurück. Dort fällte er den Entschluss, einen geistlichen Beruf zu ergreifen. 1675 erfolgte in Florenz die Priesterweihe; seitdem wirkte Stensen als eifriger Seelsorger und Beichtvater.

Bischof und Missionar

Im Jahr 1677 wurde er auf Betreiben des katholischen Herzogs Johann Friedrich von Hannover durch Papst Innozenz XI. (1676 bis 1689) zum Apostolischen Vikar der Nordischen Missionen ernannt und noch im selben Jahr in Rom zum Bischof geweiht. Das Apostolische Vikariat war nach dem Untergang der meisten norddeutschen und skandinavischen katholischen Bistümer infolge der Reformation entstanden und fasste deren Gebiete zusammen. Der Konvertit war somit fortan in der Diaspora tätig, vermittelte als Diplomat erfolgreich zwischen den Konfessionen und wirkte missionarisch.

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Video: © Annika Lippmann

Vor 375 Jahren wurde er geboren und vor 25 Jahren wurde er seliggesprochen. Doch wer war Niels Stensen eigentlich?

1680 erfolgte die Berufung zum Weihbischof in Münster und Paderborn. Dort tat er sich als Vertreter der Katholischen Reform hervor und bekämpfte Simonie und Ämterhäufung in der Kirche. Er selbst vermachte seine Einkünfte vollständig den Armen und lebte streng asketisch. Durch seine Forderung eines einfachen Lebensstils geriet er mit der häufig aus dem Adel stammenden höheren Geistlichkeit immer öfter aneinander. Zum Eklat kam es, als Stensen 1683 öffentlich Bestechungen im Zusammenhang mit der Bischofswahl in Münster kritisierte. Aus Protest verließ er die Stadt und kehrte als einfacher Seelsorger und Missionar in die Diaspora zurück. Zunächst wirkte er in Hamburg, dann in Schwerin, wo er am 5. Dezember 1686 verarmt an einer Gallenerkrankung starb. Die Medici holten den Leichnam ihres geschätzten Leibarztes nach Florenz zurück, wo Stensen in der Grabkapelle der Basilika San Lorenzo beigesetzt wurde.

So sehr ihn seine Zeitgenossen als Beispiel für ein evangeliumsgemäßes Leben auch schätzten: Stensen geriet nach seinem Tod allmählich in Vergessenheit. Drei Jahrhunderte nach seinem Ableben wollte das der damalige Apostolische Administrator von Schwerin, Bischof Heinrich Theissing, ändern. Mit Erfolg trieb er den Beatifikationsprozess voran, sodass Stensen am 23. Oktober 1988 durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen werden konnte. Aufgrund seines segensreichen Wirkens in der Diaspora wird er heute vor allem in Norddeutschland verehrt. Dort tragen Kirchen, Klöster, Schulen, katholische Bildungshäuser und Kliniken seinen Namen. Die (Erz-)Diözesen Hamburg, Paderborn, Münster, Osnabrück und Hildesheim gedenken Niels Stensens am 25. November, seinem Todestag nach dem alten julianischen Kalender. Der allgemeine kirchliche Gedenktag ist der 5. Dezember.

Von Tobias Glenz

Der Artikel erschien erstmals am 25. November 2017 und wurde am 25. November 2018 aktualisiert.