Ein Hirte geht einer Schafherde im italienischen Monti Sibillini voran.
Wie sich die Priesterdichte auf die Seelsorge auswirkt

2.393 Schafe, ein Hirte

Priestermangel - Priester werden weniger - das ist absehbar. In manchen Bistümern ist ein Geistlicher inzwischen für über 2.300 Gemeindemitglieder da, zumindest rechnerisch. Was bedeutet das für die Seelsorge?

Von Johanna Heckeley |  Bonn - 19.12.2017

Viel Zeit hat ein Hirte für ein einzelnes Schaf, wenn er nur einige wenige Tiere hält. Schafe in einer großen Herde müssen sich die Aufmerksamkeit ihres Hüters dagegen mit allen anderen Tieren teilen, und je mehr sie sind, desto kürzer die Zeitspanne. Aber lässt sich dieses oft bemühte, biblische Bild der Schafe und des Hirten auch für die Betreuungsqualität in der Kirche anwenden? Und wenn ja, stimmt es, dass es in kleineren Gemeinden eine bessere Betreuung durch den Pfarrer und weitere pastorale Mitarbeiter gibt?

Einen Überblick gibt die Statistik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), die zuletzt für 2016 die Zahlen der Priester und Seelsorger veröffentlicht hat. Die meisten Priester, inklusive die, die einem Orden angehören, gibt es im Bistum Münster (1.096), gefolgt vom Erzbistum Köln (1.016) – erst danach kommen die süddeutschen Bistümer Rottenburg-Stuttgart, München und Freising (jeweils 976) sowie Freiburg (962). Am wenigsten Priester arbeiten demnach im Bistum Görlitz (53). Was das Bild der Priester ein wenig verzerrt, ist, dass die DBK in ihrer Priesterstatistik alle Geistlichen aufführt: Bischöfe einschließlich emeritierter Bischöfe sowie die Priester im Ruhestand. Letztere sind in vielen Fällen jedoch noch im Dienst, beispielsweise als Aushilfe. Die Zahl der Priester, die aktiv in der Seelsorge tätig sind, lässt sich daher nur annähernd feststellen.

Ganz anders sieht die Deutschlandkarte aus, geht man nach der Priesterdichte – also danach, wie viele Gläubige ein einzelner Priester betreut. Rechnet man die Geistlichen insgesamt gegen die Katholiken im Bistum auf, so gibt es in den Ostbistümern die größte Dichte: In Görlitz kommen 547 Katholiken auf einen Geistlichen, in Magdeburg sind es 568, in Dresden-Meißen 633 und in Erfurt 824. Dagegen muss sich im Erzbistum Freiburg ein Priester rechnerisch um 1.952 Katholiken kümmern, in Köln um 1.962 und in Aachen sogar um 2.393.

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Aber das Bild ist nicht vollständig, nimmt man nicht auch die hinzu, die neben den Priestern in der Seelsorge tätig sind: Das sind die Diakone, die Gemeinde- und Pastoralreferenten sowie -assistenten. Addiert man die Zahl der Priester, kommt man zu folgendem Ergebnis: Das Bistum Rottenburg-Stuttgart (1.894) überholt nun das Bistum Münster (1.851), dahinter kommt das Erzbistum Freiburg (1.792). Das Erzbistum Köln, mit 1.993.000 Gläubigen das zahlenmäßig größte Bistum, kommt insgesamt auf 1.616 Seelsorger und hat so die fünftmeisten. Am wenigsten Seelsorger arbeiten im Bistum Görlitz (71), gefolgt von Magdeburg (218) und Erfurt (246).

Hier lohnt es sich ebenso, die Zahl der Seelsorger insgesamt in Verhältnis zu den Gläubigen zu setzen. Demnach ist die pastorale Betreuung in den Ostbistümern am intensivsten: Im Bistum Magdeburg kommen mit 385 Katholiken die wenigsten auf einen Seelsorger, im Bistum Görlitz sind es 408, im Bistum Dresden-Meißen 498 und im Bistum Erfurt 610. Am meisten Katholiken betreut ein in der Pastoral Tätiger im Erzbistum Köln oder im Bistum Aachen (jeweils 1.233), gefolgt von dem Bistum Essen (1.152) und dem Erzbistum Paderborn (1.122).

Der Priester ist unersetzlich

Doch "Seelsorge" bezeichnet in der katholischen Kirche nicht nur ein aufbauendes Gespräch mit einem ausgebildeten Mitarbeiter. Es geht vielmehr um die Sakramente, wie die Eheschließung, die Beichte oder die Eucharistiefeier. Letztere können nur von einem Priester, andere von einem Diakon gespendet werden. Damit hat der Priester in der Seelsorge ein Alleinstellungsmerkmal, das ihn für das Glaubensleben unersetzlich macht. "Wenn wir uns die Religiosität der Gläubigen anschauen, stellen wir fest, dass der erste und häufigste Zugang zur Seelsorge die sonntägliche Eucharistiefeier in der Pfarrei ist", meint auch Sebastian Kießig. Doch die These "je mehr Priester, desto mehr Eucharistiefeiern" entspräche weder der pastoralen Realität noch den Herausforderungen der Zukunft, meint der Eichstätter Pastoraltheologe: Die Priesterdichte allein sei nicht entscheidend bei der Qualität der seelsorglichen Beziehung. "Leichter wird es natürlich nicht, je mehr Gläubige zu betreuen sind. Aber desto wichtiger wird es, die seelsorgliche Arbeit effizient zu organisieren." Ein optimales Verhältnis ist aber nicht festgeschrieben: "Es hat nie einen allgemein anerkannten erforschten Schlüssel gegeben, wie viele Gläubige bestenfalls auf einen seelsorgenden Menschen kommen sollten."

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Auch in der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei das – entgegen einer verbreiteten Empfindung vieler Gläubiger – nie so gewesen. "Für das Jahr 1901 beispielsweise wurde im Schematismus des Erzbistums München und Freising verzeichnet, dass die dortigen großen Innenstadtpfarreien 28.000 Mitglieder pro Pfarrei und somit pro Priester hatten", erzählt Kießig. An diese Zahlen reichte die Situation heute längst nicht heran, aber das zeige, dass es auch in der Geschichte kein wirkliches Idealverhältnis gegeben habe.

Ein wichtiger Faktor für qualitative Seelsorge sei indes etwas anderes: "Die Kontinuität ist sehr wichtig", meint Kießig. Eine über Jahre beständige Betreuung durch einen Seelsorger, gleich ob Pfarrer, Diakon, Gemeinde- oder Pastoralreferent, gebe der Kirche ein Gesicht und somit den Gläubigen die Möglichkeit einer festen Anlaufstelle. "So kann der Seelsorger seiner Aufgabe als Hirte nachkommen und den Einzelnen, aber auch die Bildung einer christlichen Gemeinschaft in der Gemeinde anleiten", erklärt Kießig.

Mehr Priester, mehr Gottesdienstbesucher?

Doch zeigt sich die Qualität der Seelsorge auch in der Statistik? Auffällig ist, dass zu der hohen Priesterdichte in den Ostbistümern insgesamt auch eine höhere Zahl an Gottesdienstbesuchern kommt. Die Deutsche Bischofskonferenz erfasst die Kirchgänger, die zu zwei Zählsonntagen im Jahr in die Sonntagsmesse gehen. In der Statistik führt das Bistum Görlitz mit fast 20 Prozent, gefolgt vom Bistum Erfurt (rund 18 Prozent) und dem Bistum Dresden-Meißen (rund 17 Prozent). Die wenigsten Katholiken gehen demzufolge in den Bistümern Hildesheim und Aachen, Speyer und Trier (je rund 8 Prozent) in die Kirche.

Pastoraltheologe Kießig sieht keinen Zusammenhang zwischen der Priesterdichte und den vielen Gottesdienstbesuchern im Osten. Er erklärt dieses Phänomen stattdessen mit der "doppelten Diaspora" der ostdeutschen Katholiken: "Zum einen sind die Christen dort insgesamt deutlich in der Minderheit, gemessen an der Gesamtgesellschaft. Zum anderen sind die Katholiken die kleinere Konfession innerhalb der Christenheit." Dadurch gebe es sehr kleine Gemeinden, die vom Einzelnen ein hohes Bekenntnis zum Christsein erforderten. "Jeder dort muss mehr auf sich nehmen, um Christ zu sein. Das beginnt bei ganz praktischen Dingen wie längeren Wegstrecken zur nächsten Sonntagsmesse", erklärt er. Dazu käme der auch heute noch spürbare Einfluss der Geschichte: Gerade die älteren Katholiken hätten noch die Repressionen der kommunistischen DDR miterlebt. "Jemand, der schon wesentlich mehr gibt, um überhaupt am Gemeindeleben teilnehmen zu können, identifiziert sich in einem sehr viel höheren Maße mit der Kirche", so Kießig.

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Was sich jedoch auch an den Statistiken ablesen lässt: "Die Zahl der Seelsorger wird weniger", stellt Kießig klar. "Die Zahl der neugeweihten Priester ist nicht ansatzweise so hoch wie die Zahl derer, die in Pension gehen." An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt befasst er sich mit den jährlichen Bilanzen der Kirche und verfolgt daher die Entwicklung mit Interesse: "Von der Berufungsentscheidung bis zur Weihe vergehen bei Priesterkandidaten, die noch das Theologiestudium absolvieren müssen, etwa zehn Jahre – und daher ist bereits jetzt absehbar, dass in der nächsten Dekade keine Priesterschwemme zu erwarten ist, wenn nicht beispielsweise aus dem Ausland eine große Zahl Priester dazukommt." Doch das sei längst noch nicht bei allen angekommen. "Es gibt bei vielen Gläubigen noch immer den Wunsch, dass in der Gemeinde alles so bleibt, wie es ist, und dass es jeden Sonntag in der eigenen Kirche eine Eucharistiefeier gibt. Aber man muss ganz realistisch sagen, dass es nicht ideal ist, wenn einzelne Priester vier oder fünf Sonntagsmessen feiern und dafür von Ort zu Ort hetzten."

Daher plädiert der Pastoraltheologe dafür, den Wandel positiv zu gestalten, solange es noch Spielraum gebe; auch, wenn das Einschnitte bedeute. Er schlägt beispielsweise vor, Seelsorger in ihrer alltäglichen Arbeit zu entlasten, etwa, indem ihnen organisatorische oder administrative Arbeit abgenommen werde. "Gerade bei der Bildung neuer pastoraler Räume gibt es in einigen Bistümern gute Ansätze, wenn dort etwa Verwaltungsleiter eingestellt werden, die die Buch- und Personalführung übernehmen", berichtet er.

In Zukunft wohl noch stärker als je zuvor wird jeder einzelne Gläubige dazu aufgerufen sein, sich aktiv in seiner Gemeinde einzubringen: Für die Qualität der pastoralen Betreuung zählt laut Kießig maßgeblich die Beziehung von Mensch zu Mensch, "dass man sich umeinander kümmert, Freude und Sorgen teilt, als erster Zugang zu einer Gottesbeziehung". Das habe auch Papst Franziskus in seinem Schreiben "Evangelii Gaudium" hervorgehoben. Auf das Schäfer-Idyll übertragen bedeutet das: Wenn die Herde größer wird, müssen die Schafe eben mehr füreinander sorgen. Vom Wunschbild des Priesters, der sich wie ein treusorgender Hirte um jeden einzelnen ausgiebig kümmert, werden sich die Gläubigen endgültig verabschieden müssen.

Von Johanna Heckeley