Blick auf Jerusalem. Im Vordergrund steht ein Kreuz.
Internationales Bischofstreffen beendet - Fazit von Weihbischof Bentz

Heiliges Land: Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Israel - Wut, Ratlosigkeit, Angst - und ein bischen Hoffnung: Das internationale Bischofstreffen im Heiligen Land ist beendet. Was bleibt? Wie steht es um die Christen? Und hat der Frieden überhaupt eine Chance?

Von Andrea Krogmann (KNA) |  Jerusalem - 18.01.2018

Sie drückten Schulbänke, diskutierten mit Schülern, standen Studierenden Rede und Antwort: Das Gespräch und der Austausch mit der jungen Generation auf zwei Seiten eines anhaltenden Konflikts stand im Zentrum des 18. internationalen Solidaritätsbesuchs katholischer Bischöfe im Heiligen Land.

Fünf Tage lang hörten die Kirchenvertreter aus Europa, den USA und Südafrika der muslimischen und christlichen Jugend Palästinas und ihren jüdisch-israelischen Altersgenossen zu, sahen ähnliche Hoffnungen und grundverschiedene Rahmenbedingungen. Der Wunsch nach einer friedlicheren Zukunft prägten die Gespräche ebenso wie Wut, Enttäuschung, Ratlosigkeit und Angst.

Gespräche mit Schülern und Studenten

Besuche in Schulen in Beit Dschallah, Beit Sahour, Jerusalem und Modi'in, Gespräche mit Studierenden der Hebräischen Universität Jerusalem und der Krankenpflegeschule in Emmaus-Qubeibeh, ein Gottesdienst mit der kleinen katholischen Gemeinde in Gaza: Nur ganz am Rande standen in diesem Jahr Treffen mit der örtlichen Kirchenführung. Die Bischöfe wollten stattdessen die Stimme der Jungen hören, einer Generation, der, so die Abschlusserklärung des Treffens, "eine grundlegende Rolle" im Friedensprozess zukommt". Zugleich sei aber "die Aussicht auf Frieden erneut in weite Ferne gerückt, durch moralisch und rechtlich inakzeptable Entscheidungen" der politisch Verantwortlichen im eigenen Land und in der Welt.

Fehlende Arbeitsplätze, anhaltende Verletzung der Würde, mangelnde Perspektiven: Die Frustration der jungen Palästinenser ist ebenso reel wie die Angst auf beiden Seiten vor dem unbekannten Nachbarn. Wie sehr die herrschende politische Realität des israelisch-palästinensischen Konflikts und der israelischen Besatzung Palästinas die Menschen voneinander trennt und Frieden unwahrscheinlich macht, war wohl eine der schmerzhaftesten Erfahrungen aus den Gespräch mit den Jugendlichen.

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Begegnungsmöglichkeiten gibt es kaum - und damit auch keinen natürlichen Dialog. "Wo man nichts voneinander weiß und es keinen Dialog gibt, kann man den anderen nicht verstehen", sagte der deutsche Teilnehmer, der Mainzer Weihbischof Udo Bentz. Das Verstehen wiederum sei "die Grundvoraussetzung für ein friedvolles Miteinander".

Die Einrichtungen, die die Bischöfe in Israel, dem Westjordanland und Gaza besuchten, setzen genau hier an: Junge Menschen sollen lernen, die andere Seite zu sehen, im Fall der christlichen Schulen Palästinas als Christen und Muslime gemeinsam aufwachsen und damit das Bewusstsein entwickeln, dass auch auf der anderen Seite Menschen sind. Und oft, so die Bischöfe, seien es die Jugendlichen selbst, "die Schranken niederreißen" und sich "der ihnen aufgezwungenen Spaltung" widersetzen.

Junge Christen bitten um Unterstützung

Die Erfahrungen zeigen, so die Teilnehmer des Treffens, welche Bedeutung Schulen und Bildungseinrichtungen in der Überwindung des Konflikts zukomme - und welchen wesentlichen Beitrag die kleine christliche Gemeinde als "integraler Bestandteil dieses Szenarios" leiste; "auch dank der Zuwendung, die sie allen jungen Menschen bietet".

Die Zukunft, so hörten die Bischöfe von selbstbewussten jungen Menschen auf allen Seiten, beginnt mit uns. Am lautesten schloss sich daran der Appell der am stärksten bedrängten Gruppe an: Unterstützt uns dabei, eine Perspektive für unsere Zukunft in unserem Land zu finden, sagten junge Christen im Gazastreifen, "bevor es zu spät ist!"

In ihrer Abschlusserklärung verpflichten sich die Bischöfe, die Anliegen der Jugend im Heiligen Land, durch deren Augen sie "die harte Wirklichkeit" gesehen haben, in ihre Heimatländer in Europa, den USA und Südafrika zu tragen". Sie brauchten Solidarität durch Gebet, Interesse und Begegnung. Vor allem aber brauchten sie konkretes Handeln "durch Unterstützung von Organisationen, die zur Schaffung von Arbeitsplätzen beitragen, Wohnraum bereitstellen und den Dialog fördern" und durch den Mut Außenstehender, sich energisch gegen jene zu stellen, "besonders unter unseren Politikern, die weitere Spaltung betreiben".

Von Andrea Krogmann (KNA)

Weihbischof Bentz am Grenzstein des Gazastreifens.

In Palästina: Weihbischof Bentz am Grenzstein des Gazastreifens.

Bentz: Ohne gegenseitiges Verständnis kein Friede

Der Mainzer Weihbischof Udo Bentz nahm als Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Naher und Mittlerer Osten" für die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) am internationalen Bischofstreffen im Heiligen Land teil. Was ist sein Fazit?

Frage: Herr Weihbischof, welchen Eindruck nehmen Sie von Ihrem Besuch mit?

Bentz: Die sehr unterschiedlichen und teils gegensätzlichen Eindrücke zeigen, wie komplex die Situation ist. Für Außenstehende ist es sehr schwer, diese Komplexität zu erfassen, Dinge einzuordnen und Zusammenhänge zu erkennen. Durch die verschiedenen Gespräche sind viele Mosaiksteine zusammengekommen, die mir eine Vertiefung ermöglichen. Das Anliegen muss sein, sich nicht in zu einfachen Denkmustern ein Urteil zu bilden.

Frage: Im Fokus standen in diesem Jahr Jugend und Bildung. Wie haben Sie die junge Generation im Heiligen Land erlebt?

Bentz: Treffen mit Jugendlichen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft, muslimischen und christlichen Palästinensern, aber auch jüdischen Israelis, ergaben ein breites Bild. Bei allen war zu spüren, dass sie die Zukunft gestalten wollen, und zwar anders, als sie jetzt ist. Sie wollen das Land und die Gesellschaft verändern. Gleichzeitig waren eine gewisse Hilflosigkeit und Angst zu spüren: Kann ich verwirklichen, was in mir steckt und was ich durch Schule und Bildung erreicht habe? Diese Frage zog sich als roter Faden durch die Gespräche, insbesondere bei den palästinensischen Jugendlichen.

Frage: Überwiegt der Optimismus?

Bentz: Sowohl bei den israelischen wie bei den palästinensischen Jugendlichen gibt es die Hoffnung, dass man in Frieden leben, einander kennenlernen und seine Talente einsetzen kann. Die Vorstellungen für das eigene Leben sind auf beiden Seiten dieselben. Was mich aber sehr nachdenklich macht, sind die unterschiedlichen Rahmenbedingungen dafür, was israelische und palästinensische Jugendliche aus ihrem Leben machen können. Auf palästinensischer Seite kommt zusätzlich der Unterschied zwischen dem Westjordanland und dem Gazastreifen zum Tragen.

Frage: Sehen Sie kirchliche Möglichkeiten, hier Hilfestellung zu leisten?

Bentz: Was hier in den Schulen und Bildungseinrichtungen geschieht, sehe ich tatsächlich als sehr wertvollen Baustein, an der Zukunft mitzubauen. Diese Angebote sind wichtig, weil Christen und Muslime sich in ihrem Kontext begegnen und kennenlernen. Gleichzeitig werden durch Bildung gemeinsame Werte geteilt. Es ist eine langfristige Perspektive, keine tagespolitische Aktion. Aber es ist ein sehr nachhaltiger Weg, im Heiligen Land etwas zu verändern.

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Frage: In vielen Gesprächen wurde deutlich, dass es kaum Möglichkeiten für die Jugendlichen beider Seiten gibt, sich zu treffen...

Bentz: Deshalb müssen die bestehenden Dialogprogramme noch stärker unterstützt werden. Wo man nichts voneinander weiß und es keinen Dialog gibt, kann man den anderen nicht verstehen. Das Verstehen ist aber die Grundvoraussetzung für ein friedvolles Miteinander.

Frage: Gleichzeitig ist vor allem für palästinensische Jugendliche die hohe Arbeitslosigkeit ein Hauptgrund für den Wunsch, das Land zu verlassen. Kann und muss Kirche auf diesem Gebiet aktiver werden?

Bentz: Es gibt etliche Initiativen zur Schaffung von Arbeitsplätzen, aber mit unseren Projekten können wir nicht alles ersetzen. Wir können Initialzündungen versuchen. Die Erfahrung zeigt, dass die realpolitischen Umstände es diesen Initiativen schwer machen, sich selbstständig zu entwickeln. Das darf uns nicht entmutigen. Wir müssen weiter alles dafür tun, das junge Menschen Arbeitsplätze bekommen.

Frage: Vor dem Heiligen Land haben Sie den Libanon besucht, wo die Abwanderung von Christen ebenfalls anhält. Wie beurteilen Sie die Lage dort?

Bentz: Im Libanon herrscht eine grundsätzlich andere Situation mit vergleichbaren Problemen. Die libanesische Gesellschaft hat im Unterschied zu anderen arabischen Staaten einen vergleichsweisen hohen Anteil von Christen. Man spricht von 40 Prozent. Das Land hat ein politisches System, in dem auf sehr ausbalancierte Weise versucht wird, Minderheiten eine politische Stimme zu geben. Aber das Land verändert sich. Zu vier Millionen Einwohnern kommen eine Million Flüchtlinge. 99 Prozent der syrischen Flüchtlinge sind Sunniten, das fordert das Land und auch die Christen heraus. Die Christen sind Christen des Nahen Ostens, nicht im Nahen Osten. Auch im Libanon gilt: Sie gehören wesentlich zur Geschichte und Kultur des Landes. Aber die Bedingungen werden zunehmend schwieriger. Wir müssen unterstützen, dass Christen weiterhin in diesem Land in Sicherheit und Freiheit ihren Glauben leben können.

Frage: Eine Hauptaufgabe des Treffens liegt in der Lobbyarbeit in den Heimatländern der Bischöfe. Was nehmen Sie mit nach Deutschland?

Bentz: Die DBK-Arbeitsgruppe "Naher und Mittlerer Osten" sucht zusammen mit kirchlichen Hilfswerken nach Wegen nicht nur für konkrete Hilfe für Christen, sondern um auf politischer Ebene mittel- und langfristig für eine Verbesserung der Lage zu sorgen. Meine Erfahrungen werde ich mit den Länderexperten der Hilfswerke diskutieren. Besonders wichtig scheint mir, die Frage nach Dialogprojekten und der grundsätzlichen Ausrichtung unserer Arbeit zu stellen. Dann müssen wir uns fragen, wie die verschiedenen Kirchen des Nahen Ostens stärker mit einer Stimme wahrgenommen werden können. Und schließlich müssen wir in der deutschen Öffentlichkeit das Bewusstsein für unsere Schwestern und Brüder in Nahost schaffen. Christen hier leben von dem Wissen um die Solidarität über Kulturräume hinweg. Diese Solidarität zeigt sich konkret durch materielle Hilfe, aber auch durch Interesse, Präsenz vor Ort und Begegnung. Und sie geschieht im Gebet.

Von Andrea Krogmann (KNA)