Ein Ölgemälde der biblischen Szene des Sündenfalls.
Bild: © katholisch.de
Der geistliche Schriftsteller Andreas Knapp über Poesie

Kaum ein Dichter kommt an Religion vorbei

Wohl jeder hat in der Schule Gedichte auswendig gelernt. Einigen gefiel das, vielen nicht. Auch Bruder Andreas Knapp hatte daran nicht viel Freude. Trotzdem schreibt der Ordensmann heute religiöse Lyrik.

Von Roland Müller |  Bonn - 08.04.2018

Der Priester Bruder Andreas Knapp, ehemaliger Leiter des Freiburger Priesterseminars, gehört der Gemeinschaft der "Kleinen Brüder vom Evangelium" an. Er lebt mit drei Mitbrüdern in einem Plattenbau in Leipzig und engagiert sich in der Gefängnisseelsorge und Flüchtlingsarbeit. Bruder Andreas ist zudem Autor zahlreicher Bücher und Gedichtbände. Im Gespräch erzählt er, warum er Gedichte schreibt und vor welchen aktuellen Herausforderungen die Lyrik steht.

Frage: Bruder Andreas, Sie sind einer der bekanntesten religiösen Lyriker in Deutschland. Wie sind Sie zum Schreiben von Gedichten gekommen?

Bruder Andreas Knapp: Ich habe immer gerne Gedichte gelesen. Einige fand ich so schön, dass ich sie freiwillig auswendig gelernt habe. Andere musste ich in der Schule auswendig lernen – das war nicht so der Hit! Aber später habe ich ein paar Dichter entdeckt, bei denen ich gespürt habe, dass ich mich in ihren Worten wiederfinde. Ich habe damals sehr gerne etwa Hilde Domin, Nelly Sachs, Rose Ausländer und Erich Fried gelesen. Eines Tages habe ich damit begonnen, selber Gedichte zu schreiben. Zunächst waren das kurze Texte für Freunde und Bekannte zum Geburtstag. Das hat mir viel Spaß gemacht und auch die anderen hatten daran Freude. Gedichte zu schreiben war also keine Entscheidung, sondern ist einfach so gewachsen. Mit der Zeit schrieb ich dann immer mehr.

Frage: Was fasziniert sie an Gedichten?

Bruder Andreas: Die Verdichtung, es kann in wenigen Worten so Vieles gesagt werden. Gedichte sind eine sehr knappe und kurze Form, um etwas auf den Punkt zu bringen und neue Sichtweisen zu eröffnen.

Frage: Gibt es eine typische Situation, in der Sie ihre Gedichte schreiben, in der Ihnen Ideen kommen?

Bruder Andreas: Ich schreibe meine Gedichte intuitiv. Ich setze mich nicht mit einem Arbeitsauftrag hin, sondern es kommt von selbst. Dann schreibe ich das auf und arbeite daran. Manchmal kommen mir die Ideen in der Gebetsstille, manchmal bei der Arbeit – ich habe ja lange am Fließband gearbeitet. Das war eine ganz gute Zeit, um ruhig zu werden und auf die innere Welt zu hören. Wenn man so eine mechanische Arbeit im Takt und mit Wiederholung macht, dann hat man auch innerlich wieder mehr Raum. Auch beim Spazierengehen oder in der Straßenbahn – die Ideen kommen mir in allen möglichen Situationen des Alltags. Doch man muss aufmerksam sein, damit diese Bilder entstehen können.

!ch glaube, dass es Freiheit braucht, damit jeder Mensch seinen individuellen Zugang zu Gott bekommt. Doch über das Unsagbare zu reden ist eine Herausforderung.

Zitat: Bruder Andreas Knapp

Frage: Religion und Poesie – bei Ihnen fällt das zusammen. Aber gibt es auch säkulare Dichter, die für das Transzendente offen sind?

Bruder Andreas: Das Spektrum ist sehr groß. Es gibt einige, die durchaus transzendente Erfahrungen in ihren Gedichten zum Ausdruck bringen. Doch es gibt auch viele, die dafür keinen unmittelbaren Blick haben. Dennoch glaube ich, dass an den religiösen Bildern der Bibel kaum ein Dichter vorbeikommt. Die Religion hat unsere Kultur so stark geprägt, dass man sie in der Lyrik nicht umgehen kann.

Frage: An welche Stellen der Bibel denken Sie besonders?

Bruder Andreas: Das geht von Adam und Eva, der Erzählung vom Paradies, über die Arche Noah bis zum Brudermord von Kain an Abel. Das sind Urbilder der Menschheit, die in der Bibel selbst wieder in einer poetischen Sprache dichterisch festgehalten sind. Diese Grunderfahrungen haben sich in der deutschen und europäischen Literatur über Jahrhunderte hinweg niedergeschlagen. Aus diesem Schatz schöpfen auch alle modernen Lyriker.

Frage: In der Bibel gibt es Bücher, die an sich schon poetisch sind…

Bruder Andreas: Ganz genau. Die Bibel ist ein durch und durch poetisches Buch. Etwa die Psalmen, das Hohelied oder die Sprichwörter. Aber auch innerhalb verschiedener biblischer Bücher findet man oft dichterische Texte. Meist sind Gebete letztlich auch Gedichte.

Frage: Haben Sie beim Verfassen ihrer Gedichte spirituelle Erfahrungen?

Bruder Andreas: Es ist eher umgekehrt: Meine religiösen Erfahrungen mit Gott versuche ich in einer dichterischen Sprache zusammenzufassen und auf den Punkt zu bringen. Nicht die Form steht am Anfang, sondern die Erfahrung. In der Form des Gedichtes wird sie dann zum Ausdruck gebracht.

Andreas Knapp ist Priester und Dichter und lebt in der Gemeinschaft der Kleinen Brüder vom Evangelium in Leipzig in einer Plattenbausiedlung. Er ist als Gefängnisseelsorger und ehrenamtlich in der Pastoral tätig.
Bild: © KNA

Bruder Andreas Knapp ist Priester und Dichter. Er lebt in der Gemeinschaft der Kleinen Brüder vom Evangelium in Leipzig in einer Plattenbausiedlung. Bruder Andreas ist als Gefängnisseelsorger und ehrenamtlich in der Pastoral tätig.

Frage: Sind die Themen ihrer Gedichte nur religiös?

Bruder Andreas: Ich schreibe über alles Mögliche. Natürlich viel religiöse Lyrik, aber der letzte Band, den ich veröffentlicht habe, war voller Naturgedichte. Darin gibt es auch ein paar religiöse Anklänge, aber das meiste ist klassische Naturlyrik. Ich glaube nicht, dass man sich als Dichter nur auf ein ganz bestimmtes Erfahrungsfeld konzentriert. Jeder hat natürlich seine Vorlieben, die mit der Lebensgeschichte und den Interessen zusammenhängen. Bei mir ist es eher religiöse Poesie, aber der lyrische Zugang zur Welt umfasst alle Erfahrungsbereiche: das Alltägliche, die Arbeit, Beziehungen, das innere und das religiöse Leben. Ich versuche all das wahrzunehmen und in der Sprache der Lyrik auszudrücken.

Frage: Tauschen Sie sich mit anderen Dichtern aus?

Bruder Andreas: Ich bin Mitglied in zwei kleinen Schriftstellerklubs in Leipzig. Dort lesen wir einander  die Texte vor, jeder bringt etwas Selbstgeschriebenes mit. Es wird vorgetragen und man redet darüber. Es ist ein sehr persönlicher Austausch, weil Lyrik ja keine objektive Beobachtung ist, sondern ein sehr subjektives Wahrnehmen von Alltagserlebnissen und eigenen inneren Bewegungen. Das ergibt immer ein sehr persönliches Gespräch, das etwas bewegt und anregend ist. Das finde ich sehr spannend, weil wir dadurch miteinander lernen, auf die Sprache zu hören und unsere Gedichte weiterentwickeln.

Frage: Leipzig ist eine sehr säkularisierte Stadt. Sie als katholischer Ordensmann und Priester sind doch sicher ein Exot in diesen Literaturzirkeln.

Bruder Andreas: In beiden Klubs bin ich der einzige, der getauft ist. Aber das ist egal: Jeder akzeptiert jeden mit seinen Überzeugungen. Jeder soll die Erfahrungen, die ihm wichtig sind, zur Sprache bringen können. In der Kunst, der Lyrik, gibt es keine Einschränkungen. Sie ist ein Raum der Freiheit, in dem jeder das, was ihm wichtig ist, kommunizieren kann.

Lyrik geht es darum, Beziehungen zu eröffnen.

Zitat: Bruder Andreas Knapp

Frage: Gilt das auch für die Kirche?

Bruder Andreas: Es gab von kirchlicher Seite lange Zeit den Versuch, die religiöse Sprache zu kontrollieren. Auf der einen Seite ist es richtig, dass man Regeln zur Verständigung hat, damit man sich versteht. Aber die Gefahr dieser Sprachregelungen war, dass man versucht, bestimmte Erfahrungen zu kontrollieren und zu sagen: Nur so darf man über Gott reden. Das halte ich für problematisch, denn natürlich muss man diskutieren und miteinander sprechen, damit man sich versteht. Dieser Versuch, die Kirchensprache zu kontrollieren, hatte mit Machtansprüchen zu tun. Aber ich glaube, dass es Freiheit braucht, damit jeder Mensch seinen individuellen Zugang zu Gott bekommt. Doch über das Unsagbare zu reden ist eine Herausforderung.

Frage: Vor welchen Herausforderungen steht die Poesie derzeit?

Bruder Andreas: Religion und Poesie sind unterschiedliche Sprachwelten. Heute leben wir in einer Sprachwelt, in der es vor allen Dingen um Information, um Exaktheit geht. Durch unsere digitalisierte Welt ist diese Art des Denkens und der Sprache sehr verbreitet. Doch bei religiöser Sprache geht es nicht um Informationen. Religion ist etwas, das mich bewegt, erschüttert, beglückt. Religiöse Sprache will nicht informieren, sie will verwandeln und etwas Neues eröffnen. Lyrik ist eine Sprachform, die der religiösen Erfahrung angemessen ist – im Gegensatz zu einer informativen Sprache. Etwa in Katechismen hat die Kirche lange versucht, zu definieren, wer Gott ist. Doch das ist die falsche Frage. Richtig müsste sie lauten: Wie komme ich in Beziehung zu Gott? Lyrik geht es darum, Beziehungen zu eröffnen.

Von Roland Müller

Jakobsleiter

nur geträumt
die sprossen
hoch ins blau

steige lieber
die steinigen stufen hinab
in die lichtscheue
deiner katakomben

und wenn du
ganz zu grunde
gegangen bist
erwartet dich dort
der engel

Von Bruder Andreas Knapp

Das Gedicht ist entnommen aus dem Band:

"Weiter als der Horizont. Gedichte über alles hinaus" von Andreas Knapp (Echter Verlag 2007)