Karsamstag: Der Inbegriff des christlichen Alltags
Eremitin Maria Anna Leenen über das Geheimnis der Grabesruhe

Karsamstag: Der Inbegriff des christlichen Alltags

Der Tod gehört zum christlichen Leben. Immer wieder müssen wir Abschied nehmen. Davon zeugt der Karsamstag, erklärt die Eremitin Maria Anna Leenen. Kann man so einen Tag feiern? Und wenn ja, wie?

Von Maria Anna Leenen |  Bonn - 31.03.2018

Es ist ein anheimelndes Bild in diesen Tagen in meiner Kapelle. Viele brennende Kerzen vor dem Tabernakel spenden ein warmes, helles Licht. Sie sind alle gleich groß und alle weiß; nur die Namen, die darauf stehen, sind verschieden. Die Kerzen kommen aus Altenheimen in meiner Umgebung und jede steht für einen verstorbenen Bewohner. Vor ein paar Wochen war ein Gedenkgottesdienst und die Kerzen wurden dabei entzündet als Symbol, dass die Verstorbenen nicht vergessen sind. Die Familien waren dazu eingeladen und sollten die Kerzen ihrer verstorbenen Angehörigen mit nach Hause nehmen.

Viele kamen nicht. Was soll man auch auf so einer Feier? Wer tot ist ist tot und weg. Besser den Schmerz verdrängen und weitermachen. Es war ein trauriges Bild, als nach dem Schluss der Andacht so viele Kerzen übrig blieben. Diese Kerzen stehen nun in meiner Kapelle und brennen still und leise und ich bete für diese Menschen.

Den Tod verdrängt, das Leben geht weiter

Der Tod gehört zum Leben – ein banaler Spruch, der leicht von den Lippen geht und doch nur selten den Alltag bestimmt. Die Toten in der Tagesschau oder im Tatort machen uns vielleicht betroffen für einen Moment oder wir genießen die gruselige Spannung am Sonntagabend. Stirbt aber ein Angehöriger oder der gute Nachbar verdrängen wir die Gedanken an und über den Tod meist so schnell wie möglich wieder. Das Leben geht schließlich weiter.

Aber Tod und Leben sind nicht irgendwie nebeneinander oder hintereinander. Sie durchdringen sich permanent. Unser ganzes Leben lang sterben wir, müssen wir Abschiede bewältigen und spüren in seltenen hochsensiblen Momenten das Schweigen des Totseins. Eines Totseins, das auf uns unwiderruflich wartet.

Die Kapelle der Klause St. Anna in Bippen bei Osnabrück.
Bild: © Privat

Die Kapelle der Klause St. Anna in Bippen bei Osnabrück. Zu Ostern wird sie erleuchtet vom Schein zahlreicher Kerzen: Sie erinnern an die Verstorbenen eines nahegelegenen Altenheims.

Verborgen in diesem Durchdrungensein von Leben und Tod in unserem Alltag liegt aber unsere Zukunft, ist das ewige Leben. Es ist nur selten zu entdecken, meist nur ahnungsvoll wahrzunehmen und doch im Glauben immer präsent. Karsamstag ist der christliche Alltag in Quintessenz. Karsamstag als Tag der Totenruhe Jesu, als der Tag, wo der Erlöser der Welt allem und jedem entzogen ist, wo er eben so tot ist wie unsere Angehörigen, die weg und nicht mehr erreichbar sind, dieser Samstag spiegelt unseren Alltag wieder. Einen Alltag, der durch und durch geprägt ist von diesem Ineinander von Tod und Leben. Kann man so einen Tag feiern? Und wenn ja, wie?

Alltag gibt es reichlich auch in meiner Einsiedelei. Nach dem Osterkerzenstress und den Heizproblemen des Winters ist bei mir in der Klause St. Anna genau wie bei fast allen Menschen Hausputz angesagt. Auch die Kapelle will geschmückt sein und selbst eine Eremitin möchte Ostern mit einem Festessen begehen, muss also einkaufen. Alltägliche Dinge, die geplant und umgesetzt werden müssen. Menschlicher Alltag ist eben in der Regel nicht von Jubel und Feierlaune geprägt. Eher bestimmen ihn viele Sachzwänge, Querschüsse, Stolpersteine und unvorhergesehene Probleme und Problemchen - in einer Einsiedelei genauso wie in Familien, Wohngemeinschaften, Altenheimen, Priesterseminaren und Ordenshäusern.

Dossier Ostern: Das Fest der Auferstehung

Ostern ist das älteste und höchste Fest im Kirchenjahr. In der Osternacht zwischen Karsamstag und Ostersonntag feiern Christen die Auferstehung Jesu Christi. Rund um das Osterfest gibt es zahlreiche Bräuche und Riten. Das Dossier informiert über Ostern und die Auferstehung.

Aber das genau ist für mich so faszinierend und spannend, so umwerfend herausfordernd und kostbar an unserem Glauben. Seine Verheißungen gelten jetzt, in diesem Moment. Nicht irgendwann einmal, wenn ich kleiner und schwacher Mensch endlich alle Tugendanforderungen erfüllt habe. Nein, hier und jetzt in meinem Alltag kann und soll das kaum fassbare Geschenk der Erlösung aufleuchten. In einem Alltag, der auch in einer Einsiedelei oft ganz banal und gewöhnlich mit Arbeit und Muße, mit Putzen und Bügeln, mit Holz hacken und der Steuererklärung gefüllt ist.

Gott ist sich nicht zu schade für den Alltag

Aber! In dieser Banalität versteckt, mit ihr verbunden und verflochten ist eine unbeschreibliche, eine unfassbar große Zukunft für mich. Und so heisst Karsamstag feiern für mich: Immer wieder still werden am Tag und in der Nacht, in der Kapelle, in der Küche, im Ziegenstall und diese Verborgenheit des ewigen Lebens in diesem unentwirrbaren Zusammen von Leben und Tod anzuerkennen; diese Verborgenheit zu bejahen und meine Augen und Ohren des Herzens feinfühlig zu machen für dieses Geheimnis. Daraus erwächst ganz langsam, ganz sacht ein tiefes Vertrauen auf diesen Gott, der sich nicht zu schade ist im Alltag eines nur mittelmäßig heiligen kleinen Menschen wie mir seine schimmernde Spur zu legen.

So löst für mich nicht unbedingt der Osterjubel die größte Freude an den drei Österlichen Tagen aus, sondern fast mehr die tiefe Zufriedenheit in meinem Leben, die am Karsamstag besonders deutlich wird. Und nicht nur an diesem Tag. Denn Karsamstag als Inbegriff des christlichen Alltags ist immer. Jeden Tag, jeden Monat, bis zu dem Tag, an dem es keinen Alltag mehr geben wird.

Von Maria Anna Leenen

Zur Autorin

Maria Anna Leenen ist seit 1994 Diözesaneremitin in der Klause St. Anna bei Osnabrück. Daneben arbeitet sie als freie Autorin. Sie veröffentlichte zahlreiche Texte und Bücher zu den Themen Spiritualität, Umwelt und Theologie.