Afrikas Problem: Die Priester wollen nicht zurück
Die Abwanderung von Geistlichen nach Europa

Afrikas Problem: Die Priester wollen nicht zurück

Kirchenvertreter aus Afrika schlagen Alarm: Priester, die zeitweise nach Deutschland und andere Länder Europas gingen, kämen nicht mehr zurück. Der Verlust treffe Diözesen und Orden hart und sei eine enorme Gefahr für die Kirche vor Ort. Doch ist die Situation wirklich so schlimm? Katholisch.de ist dem Phänomen nachgegangen.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 01.10.2018

Das Statement von Bischof Ignace Bessi Dogbo bei der diesjährigen Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz der Elfenbeinküste betraf auch Europa. Es gebe eine Abwanderung afrikanischer Geistlicher nach Europa, monierte der Vorsitzende der Bischofskonferenz. Immer mehr Priester der Elfenbeinküste, die auf Mission nach Norden gingen, wollten nach dem vereinbarten Zeitraum nicht mehr zurück. Für manche Diözesen der Elfenbeinküste bedeute das einen Verlust von bis zu einem Drittel der Priester, sagte Dogbo laut der britischen Zeitung Catholic Herald.

Noch drastischer klingen die Aussagen des ivorischen Theologen Donald Zagore. Die Migration Richtung Europa treffe längst nicht nur die afrikanischen Zivilgesellschaften, sondern auch Diözesen und Ordensgemeinschaften, warnte Donald Zagore vor einigen Wochen. "Priestertum und Ordensleben sollten kein Sprungbrett für die Flucht aus Afrika sein, weil es arm ist", so zitiert die deutschsprachige Ausgabe von Vatikannews ein Interview Zagores mit dem vatikanischen "Fides-Dienst". Diese Form der Migration sei eine enorme Gefahr für die katholische Kirche in Afrika. Es müssten von Orden und Bistümern dringend Gegenmaßnahmen ergriffen werden, so Zagore, der sogar eine Zunahme von "unaufrichtigen" Berufungen mit dem Ziel Europa nicht ausschließt. Hat also nicht nur die Gesellschaft insgesamt, sondern auch die katholische Kirche in sich ein Flüchtlingsproblem, ein Problem der Abwanderung von Eliten aus Afrika nach Europa?

Rückkehr-Problematik könnte drängender werden

Einer, der sich in Deutschland auf wissenschaftlicher Ebene mit ausländischen Priestern in Deutschland beschäftigt hat, ist der Theologe Karl Gabriel. Nach seinen Angaben ist das Thema auch diesseits des Mittelmeers bekannt. Allerdings betreffe es Deutschland weniger stark als andere europäische Länder mit einer stärker ausgeprägten Kolonialgeschichte, so Gabriel. Doch auch hier gebe es unter den ausländischen Geistlichen solche, die entgegen anderslautender Vereinbarungen nicht in ihr Heimatland zurück wollten. Das betreffe aber nicht nur Afrikaner, sondern auch Inder. Es handele sich dabei aber eher um Einzelfälle als um ein flächendeckendes Phänomen – zumindest noch, sagt Gabriel: "Wenn die deutschen Diözesen aber weiterhin wegen des Priestermangels so viele Leute aus dem Ausland anwerben, dann wird sicher auch die Rückkehr-Problematik drängender", prognostiziert der Senior-Professor am Exzellenzcluster Religion und Politik der Universität in Münster.

Die meisten afrikanischen Priester in Deutschland stammen aus Nigeria sowie der Demokratischen Republik Kongo.

Gabriel ist einer der drei Autoren der Studie "Ausländische Priester in Deutschland", die im Jahr 2011 erschienen ist. Die Zahlen dafür hatten die Wissenschaftler schon 2007 erhoben. Danach bilden nicht Afrikaner, sondern Inder (29,5 Prozent) und Polen (25,9 Prozent) die mit Abstand größte Gruppe unter den ausländischen Priestern in Deutschland. Eine erneute Abfrage der Zahlen in den deutschen Bistümern Ende 2017 hat laut Gabriel keine substantiellen Verschiebungen ergeben. 2011 stammten gut zehn Prozent der ausländischen Priester in deutschen Diözesen aus Afrika, davon die meisten aus der Demokratischen Republik Kongo und aus Nigeria. Viele von ihnen arbeiteten in den süddeutschen – besonders den bayerischen – Diözesen oder im Erzbistum Köln. In einigen Bistümern machten schon damals die Ausländer bis zu 15 Prozent der Priester aus. Fast gar keine ausländischen Geistlichen taten dagegen in Diözesen in den neuen Bundesländern ihren Dienst.

Als klassische Begründung dafür, nicht mehr zurückkehren zu wollen, führten Priester etwa an, sie seien mir ihrer angedachten Promotion noch nicht fertig geworden, so Gabriel. Die Familie zu Hause weiter finanziell unterstützen zu wollen, oder etwa wegen einer medizinischen Behandlung nicht wegzukönnen, seien weitere Argumente.

Phänomen auch in Frankreich bekannt

Bekannt ist das Phänomen auch im Nachbarland Frankreich, mit dem einige afrikanische Länder wie auch die Elfenbeinküste ja schon durch die Sprache enger verbunden sind. Dominique Lebrun, der Erzbischof von Rouen, zeigte sich gegenüber der Zeitung La Croix offen für das Anliegen seines ivorischen Amtsbruders Dobgo. Was auch immer die Umstände seien, die ausbleibende Rückkehr eines Priesters schade der Beziehung zu dessen Diözese und Heimatbischof, so Lebrun. Bischof Dobgo sieht in solchen Reaktionen einen "positiven Schritt", fordert von seinen europäischen Amtsbrüdern aber noch mehr Sensibilität für das Thema: "Wenn wir gemeinsam für die Evangelisierung unserer jeweiligen Länder arbeiten, dann müssen wir auch unsere gegenseitigen Rechte respektieren", erklärt er. So müsse der gastgebende Bischof sicherstellen, dass der ausländische Priester von dessen eigener Diözese entsendet sei und anschließend auch bei der Rückkehr nach Afrika Hilfestellung geben, so Dobgo. 

Grundsätzlich gibt es laut dem Theologen Karl Gabriel für Auslandspriester drei mögliche Wege, nach Deutschland und Europa zu kommen. Da sei einmal der "freie Markt", auf dem sich Priester europäischen Diözesen anböten. Eine zweite Möglichkeit seien persönliche Kontakte zwischen afrikanischen und deutschen Bischöfen. Der weitaus größte Anteil basiere jedoch auf Verträgen mit ausländischen Orden oder Diözesen – und das sei auch der zu favorisierende Weg, meint Gabriel. Bei dieser verfassten, klar geregelten Form des Austausches werden die ausländischen Priester idealerweise schon in ihrer Heimat auf die Zeit in Deutschland vorbereitet.

Linktipp: Wie klappt die Integration von Priestern?

Andere Kultur, andere Sprache, anderes Wetter: Wie bereitet man ausländische Priester auf ihren Einsatz in Deutschland vor? Vielleicht wie im Pfarrhaus von Pastor André Aßheuer: Bei ihm wohnen vier junge indische Priester.

Doch nicht immer war das der Standard. In den 1980er und -90er Jahren, als sich in Deutschland der Priestermangel abzuzeichnen begann, seien erstmals vermehrt ausländische Priester in die Bundesrepublik gekommen, berichtet Gabriel. Damals hätten sich die Verantwortlichen noch viel zu wenig Gedanken darüber gemacht, was der Austausch für den Priester, sein Heimatland und die aufnehmende Gemeinde bedeutete. "Damals haben sich auch deutsche Diözesen in ihrer Not auch auf dem freien Markt umgesehen, ohne Absprache mit der Heimatdiözese. Außerdem war die Vorbereitung der Priester oft mangelhaft", so Gabriel. "Zugespitzt könnte man sagen, es herrschte das Denken vor: In Polen und Indien gibt es einen Überschuss an Priestern, in Deutschland einen Überschuss an Geld, das passt doch ganz gut", so Gabriel.

Laut Gabriel muss in der Zukunft zudem noch stärker geschaut werden, ob die Priester und die neue Gemeinde auch zusammenpassten. "Nicht selten hat es hier schon Reibungspunkte gegeben, weil die Gemeinden weniger Mitspracherechte hatten und sie etwa mit dem Frauenbild der Priester aus Afrika oder Indien nicht einverstanden waren", so Gabriel. Hinzu kämen in manchen Fällen noch mangelnde Sprachkenntnisse der Priester, die besonders während der Predigten offensichtlich würden. Andersherum bereiteten auch nicht alle Gemeinden den neuen Priester einen warmen Empfang. Es gibt auch fremdenfeindliche oder rechtsextreme Ressentiments. Laut der Studie Karl Gabriels hatte jeder sechste ausländische Pfarrer in Deutschland 2007 schon starke Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit gemacht – besonders die Afrikaner seien betroffen. 42,9 Prozent der ausländischen Priester gaben allerdings auch an, sich in Deutschland "sehr wohl" zu fühlen.

München und Freising ändert Regeln

Nach all den unterschiedlichen Erfahrungen hat die Erzdiözese München und Freising seit Beginn dieses Jahres die Regeln im Umgang mit ausländischen Priestern geändert. "Wenn ein Pfarrer sich mit seiner Gemeinde gut versteht und ein Netzwerk bildet, dann kann schon der Wunsch entstehen, hier zu bleiben", sagt Josef Kafko, im Erzbischöflichen Ordinariat als Abteilungsleiter für die Priester zuständig. Um eine zu starke Entfremdung vom jeweiligen Heimatland zu vermeiden, will das Erzbistum künftig fast nur noch mit Orden zusammenarbeiten. Die entsendeten Ordenspriester können dann auch in Deutschland in einer kleinen Kommunität mit anderen Mitbrüdern aus ihrem Heimatland zusammenleben. "Nach etwa sechs bis zehn Jahren kehren sie dann in ihr Heimatland zurück", so Kafko.

Auch das Erzbistum Köln verweist auf detaillierte Regeln im Umgang mit ausländischen Priestern, die für einen längeren Zeitraum im Rheinland bleiben. Diese müssten eine Sprachzertifizierung vorlegen und eine dreijährige Weiterbildung durchlaufen, "in der unsere Vorstellungen und Werte vermittelt, zwei eigenständige katechetische Projekte durchgeführt und dokumentiert werden und die Berufseignung überprüft wird", teilte die Pressestelle auf Anfrage mit. Für die ausländischen Heimatdiözesen, die sich für einen Aufenthalt ihrer Priester in Deutschland einsetzten, habe die Auslandserfahrung auch viele Vorteile, etwa in Hinblick auf die Personalentwicklung: zum Beispiel dann, wenn die Priester nach ihrer Rückkehr Aufgaben in der Ausbildung des heimischen Klerus übernähmen. Das dürfte trotz – aller Kritik – auch der ivorische Bischof Dogbo gutheißen.

Von Gabriele Höfling