Grundlagenvertrag brachte Klärung

Vatikan und Israel: Seit 25 Jahren normale Beziehungen

Aktualisiert am 30.12.2018  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Lange bestand ein seltsames Gemisch aus offizieller Beziehungslosigkeit und hilfreichen Arbeitskanälen zwischen dem Vatikan und dem Staat Israel. Vor 25 Jahren änderte sich das mit einem Grundlagenvertrag, der bis heute einige Fragen offen lässt.

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Lange suchte die Kirche die Aussöhnung mit dem Judentum, aber der Heilige Stuhl lehnte offizielle Kontakte zum Staat Israel ab. Erst am 30. Dezember 1993 - vor 25 Jahren - unterzeichneten Israel und der Heilige Stuhl einen Grundlagenvertrag und leiteten damit die Normalisierung ihrer diplomatischen Beziehungen ein. Ein halbes Jahr später wurden Botschafter nach Tel Aviv und Rom entsandt. Heute gelten die Kontakte als gut, zumindest als stabil, mitunter freilich auch anfällig für Irritationen.

Keine Anerkennung Israels aus Rücksicht auf arabische Christen

Der Vatikan begründete seine ablehnende Haltung mit ausschließlich politischen Gründen. Er wollte sich wegen der völkerrechtlich ungeklärten Situation des arabisch-israelischen Konflikts diplomatisch zurückhalten - so, wie er weder die Teilung Deutschlands noch die Annexion des Baltikums durch die Sowjetunion anerkannt hatte. Bei Israel machte er die ungeklärte Grenzfrage, das Flüchtlingsproblem und den strittigen Status von Jerusalem geltend. Zudem wollte er Rücksicht auf die Christen in arabischen Ländern nehmen.

Der Friedensprozess hatte die Lage entscheidend geändert. Seit den Madrider Gesprächen und erst recht seit dem Händedruck von Rabin und Arafat in Washington 1993 gab es für den Vatikan keinen Grund mehr zur Zurückhaltung. Rom habe seine "Wende" bereits im Frühjahr 1990 eingeleitet und diskrete Sondierungen begonnen, betonten Beobachter. Man sei also nicht einfach auf einen "fahrenden Zug" gesprungen, um bei möglichen Friedensgesprächen über Jerusalem mit am Tisch zu sitzen. Und das wollte der Vatikan unbedingt.

Bild: ©KNA

Papst Johannes Paul II. war sehr um den Dialog mit dem Judentum bemüht. Hier wird er von Rabbi Elio Toaff begrüßt. Der Pole besuchte als erster Papst eine Synagoge, am 13. April 1986 in Rom.

Der Grundlagenvertrag regelt in 15 Artikeln die beiderseitigen Rechte und Pflichten, bekräftigt das Recht der Kirche auf Pfarreien, auf eigene Schulen und Sozialeinrichtungen. Beide Seiten verpflichten sich auf Religions-, Gewissens- und Kultfreiheit, zur Zusammenarbeit gegen alle Formen von Antisemitismus, Rassismus und religiöser Intoleranz. Sie versprechen, den "Status quo" an den Heiligen Stätten zu respektieren und christliche Pilgerfahrten ins Heilige Land zu unterstützen. Ebenso wollen sie ihren kulturellen Austausch vertiefen. Ausgeklammert wurde freilich die Jerusalem-Frage.

Weiter ungeklärte Fragen

Allerdings blieben in dem Vertrag einige Fragen zu Wirtschafts- und Steuerangelegenheiten ungeklärt. Sie wurden an Verhandlungskommissionen verwiesen, die binnen zwei Jahren "in gutem Glauben ein umfassendes Abkommen" aushandeln sollten. Die Einigung steht bis heute aus - und belastet das Verhältnis.

Die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen hat freilich vieles erleichtert. Israel und der Heilige Stuhl haben nun einen direkten Draht zur Erledigung aller Geschäfte. Johannes Paul II. kam 2000 zu Besuch nach Israel, später auch seine Nachfolger. Erfolgreich war von Anfang an der Kulturaustausch. Die Vatikanischen Museen konnten als erste in Europa Qumran-Rollen ausstellen. Es gab ein Konzert hier, eine gemeinsame Gedenkfeier dort. Für Aufsehen sorgte erst vor eineinhalb Jahren eine gemeinsame Ausstellung über die Menorah, die teils im Vatikan teils in der römischen Synagoge zu sehen war.

Israels Präsident Reuven Rivlin besucht den Papst.
Bild: ©dpa/Tony Gentile / Pool

Um gute Beziehungen bemüht: Israels Präsident Reuven Rivlin besucht Papst Franziskus im Vatikan.

Allerdings gab es immer wieder auch politischen Gesprächs- und Klärungsbedarf, zum Beispiel als in Nazareth eine Groß-Moschee direkt vor der christlichen Verkündigungsbasilika gebaut werden sollte - was 2002 von Israel gestoppt wurde. Oder als Palästinenser 2003 die Geburtskirche von Bethlehem besetzten und die israelische Armee das Areal 39 Tage lang belagerte. Spannungen gab es auch um die teils restriktive Visa-Vergabe für Geistliche durch die israelischen Behörden - vor allem für Franziskaner aus arabischen Ländern, aber auch für Kleriker aus Europa.

Unterschiedliche Einschätzung

Und unübersehbar sind Differenzen in der Einschätzung der aktuellen Lage. Der Vatikan hält weiterhin an einer gerechten und dauerhaften Friedenslösung im Rahmen einer Zwei-Staaten-Regelung mit international garantierten Grenzen fest. Sensibel beobachtet er alle Änderungen um Jerusalem, die das Geflecht zwischen den Religions- und Volksgruppen und ihren Heiligen Stätten verschieben könnten - und äußert sich unmissverständlich dazu.

Kurz vor dem 25. Jahrestag des Grundlagenvertrags kam Israels Staatspräsident Reuven Rivlin am 14. November zu einer Papstaudienz in den Vatikan. Bei der "herzlichen Begegnung" habe man die "positiven Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israels unterstrichen", betont ein Vatikan-Kommunique. Man habe den Wunsch auf einen baldigen Abschluss der offenen Fragen geäußert, hieß es in Andeutung auf die noch laufenden Wirtschaftsverhandlungen.

Man hoffe auf eine Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern und auf eine Lösung, die den berechtigten Erwartungen beider Seiten Rechnung trägt. Und vor allem sprachen Franziskus und Rivlin über Jerusalem, das seine "Identität und Berufung als Stadt des Friedens" bewahren müsse.

Von Johannes Schidelko (KNA)