"Nicht die Zeit, den Muslimen das Evangelium zu verkünden"
Das historische Treffen von Franziskus und Sultan al-Malik al-Kamil

"Nicht die Zeit, den Muslimen das Evangelium zu verkünden"

Ab Sonntag besucht Papst Franziskus die Arabische Halbinsel. Damit erinnert er an ein historisches Treffen vor genau 800 Jahren. Was damals passiert ist, sagt Franziskanerbruder Jürgen Neitzert im Interview. Und er erklärt die franziskanische Philosophie, Muslime nicht zu missionieren, sondern ihnen Untertan zu sein.

Von Claudia Zeisel |  Rom/Bonn - 30.01.2019

Im Jahr 1219 kam es in Ägypten zu einer historischen Begegnung: Franz von Assisi traf den Sultan al-Malik al-Kamil am Rande der Kreuzzüge. Im Jahr 2019 fliegt der nach dem Heiligen benannte Papst Franziskus als erster Papst überhaupt auf die Arabische Halbinsel, um an dieses Treffen vor 800 Jahren zu erinnern. Franziskanerbruder Jürgen Neitzert spricht im Interview über die Bedeutung dieser frühen Annäherung zwischen Christentum und Islam.

Frage: Bruder Neitzert, 2019 jährt sich die Begegnung von Ihrem Ordensgründer Franz von Assisi und dem Sultan al-Kamil zum 800. Mal. Was genau geschah damals?

Bruder Jürgen: Franziskus wollte der ganzen Schöpfung und allen Menschen das Evangelium bringen. 1219 machte er sich mit dem Schiff auf nach Akko im Heiligen Land. Von dort fuhr er weiter nach Damiette an der Nordküste Ägyptens, wo die Kreuzfahrer waren. Als junger Mann hatte Franziskus selbst im Militär gedient und die Leiden des Krieges am eigenen Leib gespürt. Deshalb wandte er sich ab von jeglichem kriegerischen Bemühen. Franz kam also in das Lager der Kreuzfahrer, sah deren Lebensweise, die er für schlecht befand und prophezeite ihnen ihre Niederlage.

Nahe Damiette war ein Feldlager, in dem sich der Sultan von Ägypten, al-Malik al-Kamil, aufhielt. Franz wollte zu ihm, wohl um ihn zu bekehren – damals gab es noch keinen interreligiösen Dialog. Doch er stellte fest, dass die Menschen dort gläubig waren, zu Gott beteten, dass der Sultan ein frommer Mensch war. Der Sultan wiederum war den Christen gegenüber sehr gewogen, hatte in seinem Reich mit den Kopten viele Christen. Insofern war es für den Sultan nicht ungewöhnlich, dass er mit einem christlichen Mönch wie Franziskus zu tun hatte. Er hatte den Kreuzfahrern viele Friedensangebote gemacht und erwartete vielleicht, dass Franziskus kam, um Frieden zu bringen. Und obwohl die Erwartungen beider nicht erfüllt wurden, wurde Franziskus während der drei Wochen Aufenthalt in dem Lager gut aufgenommen. Wir gehen davon aus, dass er davon Impulse mitgetragen hat.

Frage: Welche Impulse waren das?

Bruder Jürgen: Franziskus' Versuch, den Sultan zu bekehren, ist nicht gelungen. Insofern hat er darüber nie gesprochen. Aber daraus entstand schon ein interreligiöser Dialog, weil er später Gebete schrieb, die ein wenig Anklang haben an Elemente des Islam. Es gibt zum Beispiel ein Gebet des Lobpreises Gottes, worin sehr viele Gottesnamen enthalten sind. Im Islam gibt es ja die Verehrung der 99 Namen Gottes. Wir nehmen an, dass es da eine Beziehung gibt. Zudem regte er an, ein Zeichen zur Aufforderung der Gläubigen zum Gebet zu geben. Wahrscheinlich ließ er sich hier vom Gebetsruf der Muslime inspirieren.

Und er schrieb in unsere Ordensregel, dass die Franziskaner unter die Muslime gehen und ihnen Untertan sein und dienstbar sein sollen. Gleiches empfahl er auch für den Umgang mit Christen. Erst dann, wenn sie erkennen, dass Gott es will, sollen sie das Evangelium verkünden. Nach diesem Beispiel des untertan seins, Dienst Tuns, leben wir Franziskaner seit Jahrhunderten in muslimischen Ländern und waren auch immer sehr willkommen. In Ländern wie Marokko, Palästina oder Ägypten standen wir immer im Dienste der Gesellschaft.

Frage: Wie schlägt sich diese Haltung gegenüber Muslimen heute nieder?

Bruder Jürgen: 1982 feierten wir 800-jähriges Jubiläum der Geburt von Franziskus und hielten in Assisi mit Mitbrüdern aus islamischen Ländern eine Konferenz zum Thema Franziskaner und Islam ab. Danach schrieben die Teilnehmer der Konferenz an alle Provinzen einen Brief, in dem sie aufforderten zum Dialog. Sie sagten: Wir glauben nicht, dass es die Zeit ist, den Muslimen das Evangelium zu verkünden. Wir glauben, dass es die Zeit ist, Untertan zu sein und zu dienen. Seither führten wir Franziskaner in Deutschland einen Dialog mit dem Islam. Und ich begann, Islamwissenschaften zu studieren und mich innerhalb des Ordens dem christlich-islamischen Dialog zu widmen.

Der Franziskanerbruder Jürgen Neitzert
Bild: © privat

Franziskanerbruder Jürgen Neitzert.

Frage: Wie wirkte sich das auf Ihren christlichen Glauben aus?

Bruder Jürgen: Im Dialog mit einem muslimischen Studenten in unserem Wohnheim kamen wir beide nach vielen Jahren zu dem Schluss, dass er durch unsere Gespräche muslimischer geworden ist und ich christlicher. Das hat uns in unserem eigenen Glauben gestärkt, aber auch im Respekt füreinander. Die Kirche spricht von den Samenkörnern des Wortes, dass im anderen Glauben etwas sein kann, was mit unserem Glauben zu tun hat. In den Konzilsdokumenten Nostra Aetate oder Lumen Gentium ist von der Wertschätzung dieser Gemeinsamkeiten die Rede. Es geht also darum, wertzuschätzen, was am Anderen gut ist, aber unser Eigenes dabei nicht zu vergessen. Die Muslime erwarten auch, dass ich zu meinem Glauben stehe. Wenn ich das nicht tue, verliere ich ihren Respekt. Ich bin überzeugter Christ, respektiere Muslime und rede mit ihnen über den Glauben.

Frage: In einer Zeit der Migrationsbewegungen aus islamischen Ländern nach Europa – wie kann da eine Begegnung der Religionen aussehen?

Bruder Jürgen: In Köln arbeiten wir Franziskaner seit 45 Jahren mit muslimischen Jugendlichen. Ich selbst habe 25 Jahre dort Jugendarbeit gemacht. Dort waren Jugendliche aus der Türkei oder Flüchtlinge aus islamischen Ländern dabei. Wir haben praktische Dinge mit ihnen gemacht, das Leben geteilt. Wir haben sie mit nach Rom genommen, dort die Moschee besucht, aber auch den Petersdom, um ihnen etwas von unserer Religion zu vermitteln. In Rom und weiteren Provinzen in Italien und der ganzen Welt haben Mitbrüder heute Flüchtlinge aufgenommen und leben mit ihnen zusammen unter einem Dach. Unser Credo als Franziskaner ist vor allem: Leben teilen, Hilfe anbieten. Wir wollen einen Alltag des respektvollen Miteinanders.

Frage: Viele Christen werden heute in islamischen Ländern verfolgt; es gibt Hass zwischen den Religionen. Was wünschen Sie sich für das Miteinander der Religionen von heute?

Bruder Jürgen: Es gibt immer den Hass, dieser geht aber von Minderheiten aus. Diese bestimmen oft die Öffentlichkeit. Es gibt aber auch viele Zeichen des Miteinanders, so wie wir Franziskaner es auch in vielen Ländern erleben. Ich wünsche mir, dass das Leben Teilen stärker wird und mehr Ausdruck in der Öffentlichkeit findet. Dass nicht immer nur die schlechten Nachrichten das Klima vergiften, sondern auch das gute Zusammenleben, das auch wir Franziskaner erfahren haben, mehr Gewicht bekommt.

Frage: Papst Franziskus, der sich ja nach Franz von Assisi benannt hat, wird demnächst als erster Papst nach Arabien reisen. Was erwarten Sie von diesem Besuch?

Bruder Jürgen: Ich denke, das ist auch eine Chance des Dialogs und Papst Franziskus wird den Impuls seines Namensgebers Franz weitertragen. Der Heilige Vater hat bereits auf Lampedusa ein Zeichen für die Flüchtlinge gesetzt, von denen viele aus islamischen Ländern kommen. Da ist der Papst auch für uns eine Herausforderung, dass wir franziskanischer leben. Er hat uns dazu inspiriert, Flüchtlinge in unseren Klöstern aufzunehmen, mit ihnen gemeinsam zu essen, zu leben. Benedikt XVI. und Franziskus haben beide auch an das Friedensgebet der Religionen von Assisi erinnert.

Frage: Wie erinnern die Franziskaner an die Begegnung Franz-Sultan in diesem Jubiläumsjahr?

Bruder Jürgen: In Damiette erinnert die ägyptische Provinz am 28. Februar an die Begegnung. Die franziskanische Universität Antonianum wird zudem an vier verschiedenen Orten Veranstaltungen machen, um das Thema noch einmal wissenschaftlich zu vertiefen. In Deutschland organisieren wir im Juni eine Veranstaltung zum Thema interreligiöser Dialog an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Auch Pierbattista Pizzaballa, Apostolischer Administrator des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, wird dabei sein.

Von Claudia Zeisel

Der Artikel erschien zuerst auf dem Portal weltkirche.katholisch.de.