Die historische Oberstadt von Assisi
Bruder Thomas arbeitet als Pilgerseelsorger in Assisi

Kleine Stadt mit großer Botschaft

Fünf Millionen Menschen kommen jährlich nach Assisi, darunter viel Deutsche. Für sie ist Franziskanerbruder Thomas Freidel als Seelsorger zuständig. Im Interview spricht er über seine Arbeit.

Von Tobias Glenz |  Bonn/Assisi - 22.08.2017

Frage: Bruder Thomas, wie kommt es, dass das kleine Assisi einen eigenen Seelsorger für deutschsprachige Pilger und Touristen hat?

Bruder Thomas: Das hat eine lange Tradition. Deutschsprachige Brüder gibt es hier seit 1230. Der erste, der in der Chronik verzeichnet ist, war sogar aus meiner Heimat, der Pfalz: Bruder Julian von Speyer. Assisi ist damit wohl eine der ältesten Auslandsseelsorgestellen der Welt, neben Rom und Jerusalem natürlich. Ein Seelsorger für deutschsprachige Pilger ist aber keine Besonderheit. Wir sind eine Gemeinschaft von 70 Brüdern aus über 20 Nationen. So können wir hier die meisten Besucher in ihrer Muttersprache begrüßen, egal aus welchem Teil der Welt sie kommen.

Frage: Haben Sie in Assisi wegen der Urlaubszeit gerade besonders viel zu tun?

Bruder Thomas: Tatsächlich ist der Sommer gar nicht die Hauptsaison für Assisi-Pilger. Die großen Besuchergruppen kommen in der Zeit von Ostern bis Pfingsten und jetzt bald wieder im Herbst bis kurz nach Allerheiligen. Viele verbinden dann auch ihre Rom-Fahrten mit ein paar Tagen Assisi. Nach dem großen, lauten Rom schätzen die Menschen, dass sie bei uns in der kleinen mittelalterlichen Stadt ausatmen und entspannen können. Der Sommer ist eher Urlaubszeit, die man an anderen Plätzen verbringt.

Frage: Also ist gerade "tote Hose" bei Ihnen?

Bruder Thomas: (lacht) Das nicht. Betrieb haben wir hier eigentlich immer. Die Menschen kommen zum Beispiel auch im Advent und an den Tagen um Weihnachten. Stoßzeiten sind zudem die Festtage von Franziskus und der heiligen Klara, an denen besonders viele Pilger kommen. Insgesamt habe ich im Jahr mit etwa 15.000 Besuchern aus dem ganzen deutschsprachigen Raum zu tun.

Frage: Wie genau haben Sie mit ihnen zu tun? Anders gefragt: Was macht ein Pilgerseelsorger?

Bruder Thomas: Ich bin erst mal Ansprechperson für alle Belange und Fragen, die Pilger haben. Das beginnt häufig mit der Quartiersuche, bei der ich Tipps gebe oder etwas vermitteln kann. Meine Hauptaufgabe ist aber die Führung der Gruppen durch die Basilika San Francesco mit dem Grab des heiligen Franziskus. Dabei geht es zwar auch um kunsthistorische Aspekte, doch im Mittelpunkt steht die spirituelle Deutung dieses Ortes mit seinen zahlreichen Fresken zum Leben des Franziskus und zu biblischen Geschichten. Wir Franziskaner verstehen die Führungen als seelsorglichen Dienst.

Bruder Thomas bei einer Besucherführung durch die Basilika San Francesco.

Frage: Mit welchen Anliegen kommen die deutschsprachigen Pilger noch auf Sie zu?

Bruder Thomas: Neben der Unterkunftssuche geht es um weitere praktische Dinge. Zum Beispiel um die Reservierung von Kapellen für Gottesdienste von Gruppen. Manchmal habe ich auch Taufen und Hochzeiten aus dem deutschsprachigen Raum. Da gibt es Menschen, die hier heiraten wollen, weil sie mit dem Ort etwas verbindet. Assisi hat viele Stammgäste, Menschen, die regelmäßig hierherkommen. Zu etlichen Besuchern habe ich deshalb seit vielen Jahren gute persönliche Kontakte.

Frage: Nach Assisi kommen auch viele junge Menschen. Haben Sie für sie etwas Spezielles auf dem Programm?

Bruder Thomas: Wir organisieren zum Beispiel Gesprächsrunden, was besonders häufig von Jugendgruppen genutzt wird. Unser Anliegen ist es, dass Assisi ein Ort der spirituellen Erfahrung und der Begegnung ist. Hier bekommen gerade auch junge Menschen die Gelegenheit, Ordensleute zu treffen und ihnen Fragen zu stellen. Etwas, was man zu Hause kaum oder gar nicht erlebt, weil es in Deutschland einfach immer weniger Ordensleute gibt. Hier sind wir aber präsent und stehen gerne für Gespräche zur Verfügung.

Frage: Um was geht es bei diesen Gesprächen?

Bruder Thomas: Natürlich fragen die jungen Leute, wie die Entscheidung in einen Orden einzutreten zustande gekommen ist und wie das Leben im Ordensalltag aussieht. Solche Gespräche können unterschiedlich "tief" gehen. Ich erlebe auch bei den Führungen, dass man über existenzielle Fragen ins Gespräch kommt: den Sinn des Lebens, den Tod und was danach kommt oder das Thema Lebensentscheidung. Auch Franziskus hat sich ja bewusst für ein Leben nach dem Evangelium entschieden. Was kann mir das persönlich heute sagen? So kommt es bei vielen zu einem Aha-Erlebnis: Hinter diesen 700 Jahre alten Fresken und der Architektur steckt eine lebendige Botschaft, die für uns heute aktuell ist.

Frage: Wird Ihre Arbeit bei großem Besucherandrang manchmal stressig?

Bruder Thomas: Anstrengend kann es natürlich schon hin und wieder werden, gerade wenn Hochsaison in Assisi ist und ich bis zu vier Führungen am Tag habe. Aber anstrengend sind andere Aufgaben auch. Für mich ist wichtig: Ich habe die Menschen vor mir, die etwas erfahren wollen und aufmerksam sind. Denen will ich etwas Gutes mitgeben und das überwindet allen Stress. Es ist eine schöne und erfüllende Aufgabe.

Frage: Haben Sie auch mit vielen Nicht-Katholiken zu tun?

Bruder Thomas: Ich sage immer: Assisi kannte Ökumene, bevor es Ökumene überhaupt gab. Das liegt an der Person des heiligen Franziskus, die über die katholische Kirche hinaus wirkt. Er ist eine Art Sehnsuchtsgestalt für die Menschen, weil er das verkörpert, was vielen wichtig ist: Beziehung zu Gott, Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, Einklang mit der Schöpfung. Das hat die Menschen schon immer nach Assisi geführt. In den letzten dreißig Jahren hat sich hier auch der interreligiöse Dialog verstärkt. Durch die Friedensgebete, die Papst Johannes Paul II. ins Leben gerufen hat, ist Assisi in der ganzen Welt bekannt geworden. Deshalb kommen heute Menschen aus allen Weltreligionen hierher.

Bild: © Privat

Papst Franziskus kam im September 2016 für ein interreligiöses Friedensgebet nach Assisi. Dabei stattete er auch den Franziskaner-Minoriten einen Besuch ab.

Frage: Welche Erlebnisse sind Ihnen aus Ihrer Arbeit besonders im Gedächtnis geblieben?

Bruder Thomas: Es gab viele prägende Erlebnisse. Ich denke zum Beispiel an eine Gruppe von jungen Menschen, die alle blind waren und mit ihren Hunden an einer Führung durch die Basilika teilgenommen haben. Sie haben den Ort auf ihre ganze eigene Art und Weise wahrgenommen. Das war beeindruckend, eine ganz berührende, schöne Begegnung für mich. Überhaupt sind Führungen mit Menschen mit Behinderung etwas Besonderes, weil sie sich hier ganz spontan und unvoreingenommen allem nähern. Hängengeblieben sind natürlich auch Großereignisse: etwa im vergangenen Jahr das Friedensgebet mit Papst Franziskus und 250 Vertretern der verschiedenen Weltreligionen. Aber auch die kleinen Momente sind wertvoll: wenn ich merke, dass Menschen von diesem besonderen Ort Ermutigung und Hoffnung mitnehmen.

Frage: Kommen nach Assisi auch klassische Fußpilger oder eher die typischen Reisebus-Gruppen?

Bruder Thomas: Insgesamt ist das Publikum hier schon immer sehr vielfältig: von Jugendgruppen mit Schulklassen oder Firmanden über die klassischen Pilgergruppen mit Bussen bis zu Kunstinteressierten auf Studienreisen. Und die Zahl derer, die zu Fuß pilgern, ist in den letzten Jahren ständig zunehmend. Es gibt hier den Franziskuspilgerweg, der von Mittelitalien nach Rom geht und immer beliebter wird. Die steigende Fußpilgerzahl bereichert das Publikum hier noch einmal ungemein. Wirklich außergewöhnlich war eine Familie aus Oberbayern, die mit dem Esel hierher gepilgert ist.

Frage: Was ist für Sie persönlich das Reizvolle an Assisi?

Bruder Thomas: Es ist eine Symbiose aus verschiedenen Dingen: die schöne Natur und Landschaft Umbriens, die mittelalterliche Stadt, die italienische Lebensart. Dazu kommt die Botschaft des heiligen Franziskus. Das alles geht hier eine schöne Verbindung miteinander ein und das begeistert die Menschen. Eine Realschule aus Deutschland etwa macht ihre Abschlussfahrten jedes Jahr hierher. Da entscheiden sich die Schüler immer freiwillig, nicht zum Beispiel nach Berlin, sondern nach Assisi zu fahren. Sie hören von den Vorgängerjahrgängen, dass man bei uns die Freizeit an einem schönen Ort verbringt, zugleich schätzen sie aber auch die Vermittlung der Botschaft hier.

Frage: Welche Orte sollte der Assisi-Pilger auf keinen Fall verpassen?

Bruder Thomas: All die Orte, die mit dem Leben des heiligen Franziskus zu tun haben. Da ist zum Beispiel die kleine Kirche von San Damiano mit dem weltberühmten Kreuz, wo Franziskus sein Berufungserlebnis hatte. Oder die Portiuncula-Kapelle innerhalb der Basilika Santa Maria degli Angeli, wo die Gemeinschaft der Brüder entstand und Franziskus auch gestorben ist. Dazu kommt die Basilika mit seinem Grab und noch vieles mehr. Das ist das Schöne und Besondere hier: Man kann anhand verschiedener Orte und Plätze der Person des Franziskus und der Botschaft seines Lebens nahekommen. Und alles liegt sehr dicht beieinander.

Von Tobias Glenz

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Bruder Thomas Freidel OFMConv
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